Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 4 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie Hebel alsdann vor seinen Kandidaten Fast tritt, um ihn, vor allen, mit sich an ein besonderes Tischlein zu nehmen, da bricht dem noch nicht geprüften Studenten der Angstschweiß aus der Stirne und er will eben sein Taschentuch ziehen, ihn abzutrockncn. Aber er zieht zugleich die Osterfladen Abrahams heraus und sie fallen gerade Hebel vor die Füße. Er guckt und lächelt etwas verschmitzt; denn er übersieht die Lage sogleich und meint nicht nur den Grund des Schweißes zu wissen, sondern auch die Bedeutung dieses ihm wohlbekannten Judengebäcks. „Sie scheinen mir ja ein eingefleischter Hebräer zu sein, Herr Kandidat", sagte er zu dem verblüfften Studenten. „Und ich vermute, wer solche Delikatessen jüdischer Kochkunst in der Tasche hat, hat wohl auch die Finessen der hebräischen Sprachkunst nn Kopfe! Meine Herren" — und damit wandte er sich an seine Kollegen, die anderen Examinatoren — „ich meine, wir können diesem mazzcnliebendcn Theologen das Hebräische schenken; denn ich fürchte, er weiß als besserer Hebräer vielleicht mehr als wir!" Alle nickten ihm gütig und lachend zu und so kam es, daß die Ostcrsladen des Juden Abraham Scheibeles den Kandidaten Foß nicht nur zum Brechen reizten, sondern auch glücklich über die größten Klippen des theologischen Examens hinüberörachtcn. Und zum Dank dafür hat der neugebackene Herr Pfarrer dem alten Juden nicht nur seine hebräische Grammatik geschenkt und den Mantel verkauft, sondern ihm auch den Rat gegeben, er möge auch in Zukunft den Examenskandidaten seine hebräischen Brocken anbieten, denn „dem Examinand brechen sie den Magen und dem Examinator das Herz auf", sagte er. Frei und treu! Von S. E s ch e I b a ch e r, Mainz. Es gibt eine geschichtsphilosophische Auffassung, deren .Hauptvertreter Carlyle ist, die die Führerpersönlichkeit zum Träger der Begebenheiten macht. Eine andere Schule, die ökonomische, führt das Weltgeschehen auf die Verhältnisse, die Umwelt, die wirtschaftlichen Daseinsbedingungen zurück. Nach jüdischer Auffassung ist alles Geschehen auf das Eingreifen und Walten der göttlichen Vorsehung zurückzuführen, die sich der Menschen allerdings, gleichsam als ihrer Mitarbeiter, bedient. Im Mittelpunkte unseres Pesachfestes, des großen Befreiungsfestes aus der ägyptischen Knechtschaft, steht Mose, der Gottesmann. Der Grundzug seines Wesens ist der Haß gegen alles Unrecht, die Liebe und das Mitleid zu den Bedrückten und Bedrängten. Vor unserem geistigen Auge steht die hochragende, markige Gestalt mit dem unbeugsamen, aufrechten Nacken, das scharfe, durchdringende Auge des Führers und des Siegers über Menschen und Hindernisse, die feste Hand des Mannes am Steuer, den in die Tiefe der Tiefen gerichteten Blick des Gottsuchers und Gottesmannes und der den Menschen tief ins Herz schaut. Es hat in unseren Reihen allezeit aufrechte, charakterfeste Männer und Frauen gegeben, die im engeren oder weiteren Kreise auch vor den Mächtigen ihrer Zeit ihre S e l b st a ch t u n g und Steifnackigkeit bewahrt haben. In ihrem großangelegten Werke „Der große Krieg in Deutschland" (30jähriger Krieg) hat die große Menschendarstellerin Ricarda Huch, in einer köstlichen Episode einen solchen Juden gezeichnet. Diese Episode verdient es, daß sie gerade jetzt, da die Juden mannigfachen Anfeindungen zu begegnen haben, einem größeren jüdischen Kreise erschlossen wird. „Das größte Aufsehen gab es, als am Tage nach erfolgter Wahl lKaiserwcchl Ferdinands II.) der Erzbischof von Trier, Lothar von Metternich, indem er aus seiner Kutsche aussteigen wollte, von einem Hunde ins Bein gebissen wurde und als ein Schwerverletzter in sein Bett getragen werden mußte. Er nahm es sich um so mehr zu Herzen, als er hauptsächlich die Wahl Ferdinands betrieben und zum Effekt gebracht hatte, und ihm nun dieser unverhoffte Hundebiß wie ein strafendes Gotteszeichen Vorkommen wollte, weil er etwa um persönlichen Vorteils willen das Wohl des geliebten Vaterlandes zurückgestellt hätte. Daß es mit dem Hunde eine besondere Bewandtnis hatte, darauf deutete die Natur der Wunde, die nicht zuheilen wollte, wie auch, daß man den Hund mit eingezogenem Schwänze davonlaufen und nachher gar nicht mehr gesehen hatte. Einige Äerzte äußerten die Befürchtung, der Hund, möchte toll gewesen sein, was die Angst und Ratlosigkeit noch vermehrte. Nach allgemeiner Aussage befand sich ein gelehrter Jude in Frankfurt, der gegen den Biß toller Hunde ein geheimes Mittel kenne, aber der Kurfürst zweifelte, ob er sich von einem solchen dürfe behandeln lassen und bot ihm viel Geld, falls er vorher zum Christentum übertreten wollte. Ter Jude antwortete lächelnd, er fei dazu bereit, wenn der Kurfürst hernach aus Dankbarkeit den jüdischen Glauben annehmen wolle, so sei auf beiden Seiten nichts gewonnen und nichts verloren. Geld habe er genug, verlange auch keine Bezahlung für die Kur, die er nur vornehmen würde wegen des Vergnügens, einen so treuen Vasallen des Kaisers gesund zu machen. Hingegen gelang es, die Frau des Juden zu bestechen, daß sie ihrem Manne an dem betreffenden Tage ein geweihtes, mit allerlei Sprüchen und Amuletten hergerichtetes Hemd anpraktizierte, in welchem er den Erzbischof ohne schaden untersuchte, einsalbte, mit heilsamen Tropfen versah und so weit wieder herstellte, daß er nach Hause reisen konnte. Doch wurde der einst so schöne, majestätische und heitere Fürst die schwermütigen Gedanken nicht wieder los, befürchtete auch immer den Ausbruch der Hundswut und strafte sich selbst, daß er aus Sorge um sein gemeines irdisches Leben sich von einem Juden hatte kurieren lassen, der den Heiland gekreuzigt hatte." Es ist bedauerlich, daß die glänzende Schriftstellerin in den letzten Jahren ihre Anschauungen über Juden und Judentum geändert hat. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alzey. Am Purim, den 18. März, feierte Herr Albert Levi in körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag. Eine große Zahl von Gratulanten überbrachte ihm Glückwünsche. So waren u. a. Vorstand und Rabbiner der israelitischen Gemeinde, die dem Jubilare Dank und herzliche Wünsche für seine erfolgreiche Zugehörigkeit zum Vorstande seit 1880 als Mitglied und Vorsitzender und seit der Inflationszeit als Ehrenvorsitzender, darbrachten. Der Vorstand hatte dem Jubilare ein prachtvolles Blumenarrangement mit der Zahl 80 übersandt. Auch die Schützengesellschaft gratulierte dem Kassierer und Ehrenmitglied herzlichst. Ein Amt übt der ehrwürdige Greis noch mit Eifer und Zuverlässigkeit aus, das verantwortungsvolle Amt des Ortsrichters. Herr Bürgermeister Dr. Hill überbrachte ihm die Gratulationen mit herzlichen Wünschen. Von dem Diensteifer des Gefeierten legt auch Zeugnis ab, daß er an seinem Ehrentage die Sitzung im Ortsgericht nicht hatte ausfallen lassen. Heßloch (Rheinhessen). Eine seltene Anhänglichkeit an seine Heimat, namentlich an seinen Geburtsort, zeigt Herr Moritz Sch offner aus Erie in Pennsylvanien. Diese Anhänglichkeit wirkt um so wohltuender, als Herr Schaffner sie m die Tat umzusetzen pflegt. So ließ er es sich nicht nehmen, für die Dauer seines Aufenthalts in Deutschland an jedem Sabbath von Worms aus, wo er bei Verwandten weilte, dem Gottesdienste in hiesiger Synagoge. beizuwohnen, so war nach seiner Ankunft in der Heimat sein erster Gang zur Ruhestätte seiner Eltern, so nahm er auch zuletzt von diesem Orte des Friedens Abschied. So hat er aber auch, nachdem erst vor zwei Jahren auf seine Veranlassung unser Gotteshaus zu einer erhebenden Stätte der Andacht ausgestaltet worden war, nunmehr wieder die Mittel zu einer würdigen Instandsetzung des Friedhofes zur Verfügung gestellt. — Unsere Gemeinde weiß solche Opferwlllrgkeit, solch pietätvolles Verhalten, solche treue Anhänglichkeit aber auch nach Gebühr zu schätzen. Am vergangenen Samstag, dem für diesmal letzten seiner Anwesenheit, kam dies in ergreifender Weise zum Ausdruck. Der erste Vorsteher, Herr Krautkopf, dankte namens der Gemeinde Herrn Schaffner in herzlichen und treffenden Worten; er konnte, auf eine in der Synagoge angehrachte Erinnerungstafel hinweisend, das Gelöbnis aussprechen, daß in Heßloch ein dankbares Gedenken an seinen Wohltäter nie schwinden werde. Im Anschluß hieran bezeichnte Herr Dreifuß das, was Rabbi Jochanan ben Sakkai als besten Wegweiser angab, das gute Herz, auch bei Herrn Schaffner als Triebfeder all seines Tuns. Tief ergriffen antwortete der Gefeierte auf die ihm gewidmeten Worte. — Mögen alle zum Ausdruck gebrachten Wünsche sich verwirklichen, möge es uns vergönnt sein, Herrn Schaffner in nicht zu ferner Zeit bei voller Gesundheit und Rüstigkeit wieder bei uns begrüßen zu können! Mainzer Pädagogium Fernruf 3173 Aoheve PrinatsÄfNie Fernruf 3173 Vorbereitung für alle Klassen der höheren Schulen, Obersekunda, Prima, Abitur; auch für Damen. Abschlußprüfung Herbst und Ostern für den Stoff des früberen Einjährigen an der Schule. — Versäumte Jahre werden schnell und sicher nachgeholt. Sprechzeit: Diether v. Jsenburgstr. 13»/,y i von 12—2 Uhr B. M. Hachenburger:: Darmstadt jt* Kohlengrosshandlung Fernsprecher 9 liefert Wilhelminenstr. 31 Unionbriketts, Ruhr-Kohlen, Koks und Holx in bester Qualität zu Tagespreisen 8