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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-04-01 · 4 (4.1927) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
4 (4.1927)
Date
1927-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Geschichtliche Reminiszenzen. Das Wunder der Mazzen. (Eine Geschichte aus Hebels Leben.) Von S. Rothschild, Worms. Am 22. September b. I. waren 100 Jahre verflossen, seitdem man den alemannischen Dichter, den hervorragenden Volksschriftsteller und Prälaten, Peter Hebel, zu Schwetzingen in die Erde gesenkt hatte. Natürlich wurde der Erinnerungstag, besonders in Baden, seiner Heimat und seinem Wirkungskreise, mit besonderer Weihe begangen. Vor einigen Jahren war in Hausen, wo seine Eltern im Winter, nach dem Tode des Vaters, immer gewohnt, ein Streit entstanden über das Hebel haus, und zwar zwischen den: Ortsvorstande und dem Vorstande der Hebelstiftung. Der Referent des Gerichtshofes zur Schlichtung des Streites, A. v. B., ein Schüler von mir, als ich 1866 das ev. Seminar in Karlsruhe besuchte, wandte sich an mich, um über Verschiedenes sich Auskunft zu erbitten, da er wußte, daß ich mich früher sehr eingehend mit Hebels Leben und Werken beschäftigt hatte. So kam es, daß genannter Herr, mein Interesse voraussetzend, mir eine Anzahl badischer Zeitungen zusandte, die über Hebel und Hebels Gedenkfeiern berichteten. In einer solchen Zeitschrift erzählt Hermann Vortrsch folgende reizende Geschichte: „Das Herz duddert mir mehr und mehr, je näher wir Karlsruhe kommen", sagte Heinrich Foß, der ein Kandidat der Theologie hieß und mit seinem Kollegen und Busenfreund Hans Haas auf dem Wege zur theologischen Staatsprüfung war. „Jetzt ist es erst 8 Uhr und um 10 Uhr fängt das Verhängnis an", fuhr er fort. Laß uns etwas langsainer gehen; wir werden dann, wenn ich durchgefallen bin, schnell genug wieder heimkommen! Wenn nur das Hebräische nicht wäre, diese verflixte Judensprache! Und zu allem noch wird man darin von Hebel geprüft, dem man kein x für ein u vormachen kann!" „Das allerdings nicht", entgegnete der andere. „Aber soviel Hebel weiß und so gescheit er ist, so kann er doch auch gemütlich sein und er hat schon manchem Kandidaten aus der Patsche geholfen, weil er ihn immer nur das sagen ließ, was er wußte. Einmal hat er einen gleich zu Anfang gefragt: „welche Kapitel im Alten Testament können Sie am besten übersetzen?" und als er ihm Psalm 23 nannte, so ließ er ihn dann diesen ins Deutsche übertragen; es ging aber so schnell, daß die Zeit fürs Hebräische noch lange nicht um war. Was tat Hebel? Er sagte ganz leise und verschmitzt zu dem Kandidaten: „Uebersetzen Sie den 23. Psalm noch einmal!" „Er kennt mich halt nicht, das ist der Haken! Wenn ich Oberländer wäre, etwa aus dem Wiesentale, dann wäre ich sicher gut dran bei ihm! Denen hilft er, wo er kann!" „Weißt du, wie ichs mache? Wenn ich merke, daß ich bei einem der Herrn nicht viel weiß, so frage ich irgend etwas, was auf das Thema Bezug hat; meist fällt der gelehrte Examinator glücklich darauf hinein: er erklärt und doziert wie vor dem wissensdurstigen Schüler und unterdessen läuft die Zeit ab und man ist fertig, ehe man sichs versieht! Frage Hebel über hebräische Poesie; ich wette 100 gegen 1, daß er dir darüber einen langen Vortrag hält; denn das ist sein Steckenpferd so gut wie die alemannische Dichtung und die bukolischen Gesänge des Theokrit." „Wenn er nun aber die Propheten oder das Gesetz durchnimmt?" „Ach, du mußt dir nur zu Helsen wissen; du bist merkwürdig schüchtern und dumm geworden, seitdem wir von Durlach aufgebrochen sind. Gestern abend, als wir noch im Hechten saßen und uns auf den heutigen Tag stärkten, tatest du so gescheit und übermütig. Uebrigens/ beruhige dich nur. Man sagt im Geheimen, Hebel selber sei in der Prüfung beim erstenmal durchgesallen, ich weiß nicht, obs wahr ist! Aber wer selber schon einen faulen Apfel hat essen müssen, wird einem Gaste keinen vortischen. Und fällst du etwa durch und schmeißt man dich hinaus, so mach's wie jener Handelsjude, der, wenn man ihn vorne im Haus wegjagte, er hinten wieder hereinkam. Man darf ja das Examen wiederholen." „Welcher Handelsjude war das?" ließ sich eine fistelnde Stimme von hinter her hören. „Hab ich gehört recht, so haben die Herren gesprochen von meinesgleichen! darf ich wissen den Grund?" Die Kandidaten kehrten sich um; der allbekannte, in seiner Aeußerlichkeit vor Gott und den Menschen vernachlässigte Abraham Scheibeles folgte ihnen und schloß sich mir nichts, dir nichts ihnen an. „Du hast geluschtert, Abraham, wie das Weib deines Stammvaters, als er Botschaft von den Engeln bekam, sagte der Kandidat Haas. „Ich kenn dich. Gehst auf Kundschaft aus? Wir können dich jetzt nicht brauchen." „Wie heißt? ihr nix brauchen? Aber ich könnte was brauchen, habt ihr keine abgetragenen Kleider daheim: zahl ich doch den höchsten Preis dafür! Junge Leute brauchen immer Geld!" „Wenn ich mein hebräisches Examen bestehe, Abraham, verkauf ich dir meine hebräische Grammatik und meinen Mantel", rief Herr Foß. „Werd ich brauchen Ihre hebräische Grammatik, Gallech (Pfarrer)! Hab ich nicht als Büblein schon gelernt hebräisch und kanns heut noch", ... erwiderte der kleine verkrüppelte Lumpensammler. „Aber der Mantel wird schon recht sein. Jst's der, den Sie anhaben?" Er griff darnach, den Stoff zu fühlen, aber der Theologe drängte ihn weg mit den Worten: „Geh deiner Wege, Abraham, und lasse uns allein!" Aber Scheibeles ließ sich so leicht nicht abweisen. „Sie gehen ins hebräische Examen? Merk ich nicht, daß Sie haben Angst", bemerkte er jetzt zudringlich und doch auch wieder mitleidig. „Konnte ich Ihnen geben mein Hebräisch aus meinem Kopf wie etwa diesen Stock aus meiner Hand, ich täts Ihnen leihen auf ein paar Stund." „Zu wieviel Zins?" lachte Haas. „Bin ich nicht ein armer Jud? Aber ich gäbs umsonst", ereiferte sich der Gefoppte und zog etliche O st erfinden aus seinem schmierigen Sack, nahm ein Stück in den Mund und verteilte den Rest an Foß und Haas. „Ich schenkte euch mein Hebräisch wie diese guten Mazzen", sagte er, „Wenns wäre möglich. Ihr habt gewiß Hunger und seid früh aufgestanden? Stärkt euch zum Examen; wenn der Magen ist leer, ist es meist auch der Kopf und schon Salomo hat gesagt: „eine lässige Seele wird Hunger leiden." Haas biß tüchtig hinein und fragte nur, ob er nicht auch Butter und Eingemachtes zu den Fladen habe; Foß würgte ein ganz kleines Stückchen hinunter — die Examensangst drückte ihm Schlund und Kehle zu — und schob den angebissencn Rest in seine Tasche. „Was pressierst du so?" wandte er sich an Haas. „Wir kommen ja viel zu früh an. Komm, sitzen wir dort ein wenig ab, mir ist halb übel ..." Er hustete und wurde kreidebleich und erbrach die jüdischen Osterfladen wieder. „Ich Hab sie doch selber gemacht", sagte Scheibeles und machte sich stille davon, ehe der arme würgende Foß ihn am Kragen nehmen und nach dem näheren Rezept seiner Fladen fragen konnte. Am nächsten Brunnen wusch Haas seinem schwachen Freunde tüchtig den Kopf, körperlich und seelisch und gab ihm das klare, morgenfrische Naß zu trinken; dann wars aber höchste Zeit, sich ins Ministerium zu begeben .... Mit zehn andern Leidensgefährten standen Foß und Haas vor ihren, Examinatoren; Hebel als der erste und oberste musterte sie und traf Auswahl für sich und die anderen Herren. Und ist es verwunderlich, daß er gerade den immer noch bleichen Kandidaten Faß zuerst antippte und für sich auf die Seite stellte? Gegensätze ziehen sich doch an, sagt man. . Die Verteilung ist getan; auf der einen Seite stehen die Professoren und Geheimräte, ihnen gegenüber ihre Opfer, die Kandidaten. Hebel hält eine kleine Ansprache und ermunterte sie, mit ihrer Weisheit und Gelehrtheit nicht zurückzuhalten und erst Angst zu haben, wenn dieses Examen vorbei sei, denn erst nachher kämen die eigentlichen großen Prüfungen des Lebens.

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