Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 4 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Eindringen in das Wesen und den Geist dieser religiösen Stoffe große Zartheit und Feinheit der künstlerischen Ausführung verbinden. Hier sehen wir es deutlich, wie auch die religiöse Welt des Judentums eine Fülle künstlerischer Motive birgt, eine Fundgrube künstlerischen Schaffens zu werden vermag, wenn nur erst der Meister da ist, der sie mit dem hellseherischen Auge des Künstlers zu sehen vermag. Wir sehen aber auch zugleich, welche Höhe die allgemeine Kultur und damit auch die religiöse Kultur der Juden in Venedig im 18. Jahrhundert trotz der Enge und der Not des Ghettos erlangt hat und daß es wie anderwärts so auch hier die Umwelt war, die in die dumvfe Luft der Judengasse eindrang, mit ihr in Verkehr stand und sie so beeinflußte, formte und bildete. Wie aber diese herrlichen Kunstblätter aus dem religiösen Leben herausgewachscn, emporgeblüht sind, so sind sie wiederum geeignet und berufen, religiöses Leben, zumal in ästhetisch gebildeten und interessierten Menschen, aufs neue zu wecken und zu befruchten. Darum seien sie aufs wärmste zur Anschaffung empfohlen. Sie verdienen dies um so mehr, als der Reinertrag zur Hälfte humanitären Zwecken der Israelitischen Union und der Montefioreloge in Berlin zugewendet werden soll. '""’V/ Jur Geschichte der Juden in Worms Auf Veranlassung der hiesigen Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hielt vor kurzem der Direktor der Stadtbibliothek, Herr Dr. Jllert, im neuen Festsaale der Dalbergloge vor einer außerordentlich zahlreichen Zuhörerschaft einen Vortrag über die Geschichte der Juden in Worms, dessen Inhalt in allen jüdischen Gemeinden, zumal unseres engeren Heimatlandes verbreitet und festgehalten zu werden verdient. Mochte der Vortrag auch nur als eine Einführung in das Verständnis der mannigfachen und zahlreichen Urkunden aus dem Besitz der hiesigen Paulusbibliothek gedacht gewesen sein, die vorzuführen und zu erklären, aus dem Geiste ihrer Zeit heraus zu verstehen und mit ihrer Hilfe die Zeit selbst innerlich zu schauen und zu erleben, Ziel und Absicht des Vortragenden war, so hat er > doch den ganzen Verlauf der Geschichte erhellt und das Interesse für ihn aufs neue erweckt. Herr Dr. Jllert teilt durchaus die Ansicht der Historiker, die die Einwanderung der Juden in rheinische Städte, so auch in Worms, in die Zeit der Römerherrschaft am Rhein verlegen. Man dürfe ruhig den Beginn der Wormser jüdischen Geschichte in den Jahren nach der Zerstörung Jerusalems und der Auflösung des jüdischen Reiches ansetzen, da damals das römische Weltreich alle Voraussetzungen bot, die der Ansiedlung und Betätigung jüdischer Kaufleute in diesen Teilen des Reiches günstig waren. Man könne daher von einer fast zweitausendjährigen Geschichte der Juden in Worms sprechen. Aber während sich die übrige Bevölkerung mit den Eroberern vermischte, die seit der Römerzeit mannigfach wechselnd durch diese Gebiete zogen, sehen wir die Juden von diesem Wechsel fast unberührt, sich immer, nur in sichselbst erneuern und in bewußter Absonderung leben. Das sei die Folge der strengen Scheidung gewesen, die die Juden zu allen Zeiten der religiösen Kultur sowohl der römisch-heidnischen als auch der germanisch-christlichen Welt gegenüber beobachtet haben. Darum seien sie auch als Fremde betrachtet worden, wenn auch freilich nicht etwa in geringschätzigem Sinne, sondern eben nur gefühlsmäßig und staatsrechtlich. Der kosmopolitisch eingestellte Römer habe in dieser Tatsache ebensowenig etwas Anstößiges gesehen wie der Germane, der im Reiche Karls des Großen eben nur eine Fortsetzung des römischen Imperiums erblickte und ihm dieselben staatsrechtlichen humanen Verpflichtungen gegenüber den Fremden zuerkannte, wie sie das alte Reich erfüllte. Diese Annahme scheint mir indes einer Einschränkung zu bedürfen. Denn wenn sie auch für eine spätere Zeit, die Zeit nach den Kreuzzügen, allgemeine Gültigkeit haben mag, für die frühere Zeit gilt sie wohl nicht. Wie wäre es denn sonst möglich, um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen, daß die Juden in dem auch von dem Vortragenden behandelten berühmten Zollfreiheitsprivileg vom Jahre 1074 vor und neben den „übrigen Wormser Bürgern" genannt werden, wenn nicht auch sie als Bürger bezeichnet und betrachtet worden wären? Die Juden seien als Kaufleute, die über weitreichende, die ganze damals bekannte Kulturwelt umfassende Beziehungen und Verbindungen verfügten, unentbehrliche Faktoren des damaligen Wirtschaftslebens und darum auch hoch angesehen gewesen. Daraus erkläre sich auch die Vorzugsstellung, die ihnen Privilegien wie das eben genannte Kaiser Heinrichs IV. aus dem Jahre 1074 einräumten. Wohl seien auch im ersten Jahrtausend hier und da Bedrückungen der Juden vorgekommen. Diese hätten jedoch nicht einen offiziellen und systematischen Charakter gehabt, wären vielmehr nur auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Juden eine kleine Minderheit bildeten, und in unruhigen 6 Zeiten von der Mehrheit leicht vergewaltigt werden konnten. Sie erlebten damit ein Schicksal, das auch mancher anderen Minderheit nicht erspart blieb. So sei ihre Stellung vermöge ihrer alten hohen Kultur und ihres unermüdlichen emsigen Schaffens eine sozial hohe und beneidenswerte gewesen. Nicht nur als Kaufleute, sondern auch als Aerzte standen sie in hohem Ruf. Diesem Zustand machten zwei Ereignisse ein Ende. Der liebergang des Geldgeschäftes auf die iüdischen Kaufleute un 13. Jahrhundert und das Erstarken des christlichen Handwerks und Gewerbes in den immer mächtiger aufblühenden Städten. Bis dahin war das Geldgeschäft die fast ausschließliche Domäne der Kirchen und Klöster, die als Großkapitalisten einen schwungvollen Geldhandel betrieben. Die Volksstimmung wandte sich jedoch immer entschiedener gegen diese der Kirche so unangemessene Geschästspraxis und zwang sie im 13. Jahrhundert diese aufzugeben. Da die Juden als Kaufleute an einem geordneten Geldgeschäft nicht nur interessiert, sondern auch hierzu berufen waren, sprangen sie in die Bresche uiid iiahmen es in die Hand. Dazu kam, daß sie durch die immer selbstsüchtiger und herrschsüchtiger werdenden Zünfte aus fast allen bisher von ihnen vertretenen kaufmännischen und gewerblichen Berufen herausgedrängt worden waren und ihnen eine andere Betätigungsmöglichkeit im feudalen mittelalterlichen Staate gar nicht blieb. Mit dem Geldgeschäft übernahmen die Juden zugleich allen Haß und alles Mißtrauen, die ihm bereits seit langer Zeit im Gefühl und Urteil des Volkes anhaftetcn. Noch größer als beim einfachen Manne und dem Ritter auf dem Lande war die Feindseligkeit gegen sie beim Bürger in der Stadt, der in ihnen den Wucherer und zugleich den gefährlichsten Konkurrenten sah, gegen den man auf der Hut sein und von jedem Wettbewerb für immer ausschalten mußte. So haben diese Entwicklungen zu einer unerbittlichen offenen Feindschaft zwischen Bürgertum und Judenschaft geführt. Daß sie nicht zu einer völligen Vernichtung der letzteren führten, die man wohl angestrebt, aber nicht erreicht hat, sei tieferen Zusammenhängen zuzuschreiben, die das Bürgertum eben nicht erkannte. Denn über diesen streitenden Parteien, den beiden Kampffronten, standen die großen Mächte des damaligen Abendlandes, Kaisertum und Papsttum. Mochte auch der Papst, da es sich in der Hauptsache hier um weltliche und wirtschaftliche Fragen handelte, nur da und dort seine warnende Stimme in diesem Streite erhoben haben, so wurde der Kaiser in diesen direkt hineingezogen und nahm an ihm teil, und zwar als Beschützer der Juden. Denn die Juden unterstanden seiner alleinigen Oberhoheit, so daß Frevel an den Juden zugleich Frevel an der kaiserlichen Majestät waren. Von der hohen Warte des Gesamtimperiums nahm sich die Judenfrage eben anders aus, als es der kleine Bürger denken und verstehen mochte. Zwischen Bürgerschaft und Kaiser stand wiederum der Magistrat. Ihn sehen wir hin-und herschwanken, bald alsVertreter derAnsprüche der zünftlerischen Bürger, bald als Vertreter des Kaisers. Dieser Umstand verwickelt natürlich die Lage noch mehr. Hier in Worms wird die Situation noch verwickelter dadurch, daß der Bischof, der damals kaiserlicher Beamter war, als Sachwalter des Kaisers auftritt und in die Behandlung der Judenfrage auch der Gegensatz hineinspielt, der zwischen ihm und der Stadt bestand. Eine grundlegende Aenderung tritt in den Jahren 1348 und 1349 ein, als Kaiser Karl IV. die Juden mit ihrem gesamten Hab und Gut der Stadt zum Eigentum übergab. Seitdem wurden die Juden als Leibeigene behandelt. Für die Wohnungen in ihren eigenen Häusern mußten sie fortan Miete bezahlen, ebenso für die Benutzung ihrer Synagoge, des Tanzhauses und des Spitals. Wenn sie die Stadt verlassen wollten, mußten sie sich loskaufen. So waren sie auf Gnade und Ungnade der Stadt ausgeliefert, die es sogar als ihr gutes Recht ansah, die Juden vollends aus der Stadt zu vertreiben. Ties verhinderte zwar Kaiser Maximilian im Jahre 1494. Doch schon Kaiser Ferdinand I. gab hierzu die Erlaubnis. Diesmal war es der Bischof, der dem entgegentrat. Erst das Zeitalter der Humanität und die französische Revolution, die eine neue Gesinnung und eine neue Welt heraufführen, zwingen die alten Mächte vom Schauplatz abzutreten und machen den immer kleinlicher werdenden Kämpfen und Streitereien ein Ende. Sowohl der ausgezeichnete Vortrag als auch die Vorführung und Erklärung zahlreicher hochinteressanter Urkunden aus verschiedenen Epochen der Geschichte der Juden in Worms fanden den ungeteilten lebhaften Beifall der Zuhörer. Mit der Veranstaltungdieses Vortragsabends hat sich der Vorstand des Frontbundes ein anerkennenswertes Verdienst um die Verbreitung dieser nicht nur historisch interessanten, sondern auch aktuell bedeutsamen Kenntnisse erworben. Denn nichts dürfte stärker und überzeugender aus den Gegner wirken in dem Kampfe, den wir für unsere politische Gleichberechtigung im deutschen Staate zu führen haben, als die Tatsache, daß wir in einzelnen Teilen des deutschen Landes viele Jahrhunderte länger angesiedelt sind als selbst seine ältesten germanischen Bevölkerungsteile und daß auch wir dieses Land mit unserem Blute getränkt und seine Kultur gefördert und bereichert haben. H.