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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-04-01 · 4 (4.1927) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
4 (4.1927)
Date
1927-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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erster Linie die Aufgabe, für bie Belehrung seiner Kinder zu sorgen, und selbst die Zwerggemeinde muß alle Anstrengungen machen, allen ihren Kindern einen gründlichen Unterricht zu verschaffen, aber ebenso ist es religiöse Pflicht der Groß- und Mittelgemeinden. mit ihrer Kraft den Glaubensbrüdern in der Kleingemeinde beizustehen. Nicht nur die leibliche, sondern auch die geistige Not des Gesamtisrael zu lindern, ist die vorzüglichste religiöse Aufgabe. Wir .dürfen auf unsere Jugend die Hoffnung setzen, daß sie die Ideale des Judentums zu würdigen befähigt werden kann; sie besitzt Liebe zur rühmlichen Vergangenheit unseres Volkes und hat Verständnis für den Fortschritt der Menschheit auf dem Wege zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und zum Frieden. In dieser Erkenntnis feiern wir am würdigsten Pessach, das Fest des Höffens und erziehen wir Israeliten, d. h. begeisterte, tapfere Gotteskämpfer. Die Wüstenwanderung. Von Rabbiner Dr. L e w i t, Alzey. Am siebenten Tage des Pessachfestes, der Ueberlieferung nach der Jahrestag der Errettung der Israeliten am Schilfmeere, wird der Festabschnitt vorgelesen, der uns das Lied am Meere, das Schiras hajom vor die Seele führt. Welch ein wirkungsvolles Bild! Israel vor dem Schilfmeere gelagert, vor ihm die drohenden Fluten des Meeres, hinter ihm der verfolgende Feind Pharao mit Roß und Reitern. Es ist kein Wunder, daß Verzweiflung sich des Volkes bemächtigte. Nur Moses, ihr großer Führer, wankt nicht. Er rust den Zagenden zu: „Fürchtet Euch nicht! Stehet fest und sehet die Hilfe Gottes!" Der Zuruf des Führers hatte Erfolg. Ein neues Bild zeigt sich uns. Israel gerettet, die Feinde aber untergegangen in den Fluten des Meeres! Begeisterung ergriff Moses und das Volk im Angesichte dieser Errettung und sechsmalhunderttausend Mann stimmten das Siegeslied an: „Lobsingen will ich dem Ewigen, der hocherhaben ist, Roß und Reiter bat er ins Meer gestürzt." Nach. dem Sange am Meere kamen die Israeliten in die Wüste. Sie hatten kein Wasser zu trinken. Der Beginn der Wüstenwanderung und schon der auälende Durst und die Verzweiflung! Es muß in der heißen Wüste etwas Furchtbares sein ohne Wasser. Psalm 42 gibt dem Ausdruck: „Wie ein Hirsch lechzt nach Waffer. so lechzt meine Seele nach Dir, o Gott." Der Schrei des verdurstenden Wildes in jenen Gegenden, wo die Sonne auf die Erde brennt, bis sie daliegt, wie ein ausgedörrter Glutofen, wo das Vieh mit Hörnern und Hufen den Boden aufwühlt, um ersehnte Labung zu finden und das scheue Wild alle Vorsicht vergißt in dem einzigen Verlanaen nach Wasser. Drei Taae wanderten die Israeliten in der Wüste auf der Suche nach Wasser, doch sie fanden es nicht. Aus der Begeisterung der Errettung vom Schilfmcere. aus der gehobenen Stimmung kamen sie unvermittelt in die Bitterkeiten des Lebens. Endlich fanden sie einen Wasserauell und sie waren glücklich über den Fund. Eine neue Verzweiflung aber erfaßte sie. sie konnten das Wasser nicht trinken, es war bitter, „mara" heißt es in der heiligen Schrift. (TT. B. M. 15, 22—26'). In dieser großen Not erblickte Moses ein Holz, das er in das bittere Wasser warf und es geschah das Wunderbare, das bittere Wasser wurde süß und schmackhaft, die Verdurstenden konnten cs trinken und wieder aufleben. Schon der Talmud faßt diese Erzählung bildlich als Gleichnis auf. als das Bild des menschlichen Lebens. Auch dcls Leben des Menschen ist eine Wüstenwanderung, voll von Verzweiflung. Denn das menschliche Leben ist gar reich an Bitterkeiten, an Kämpfen, an Entbehrungen, an Schmerzen. Doch es gibt etwas, das alle Bitternisse aufzuheben vermag, das die Wüste des Lebens uns in ein Paradies wandeln kann, und das ist der Gedanke an Gott. So heißt es auch am Ende der biblischen Erzählung: „Ani adaunoj raufeeho." „Ich der Ewiae bin Dein Arzt." Auf unserer Wanderung durchs Leben ist es unsere Weltanschauung, die uns glücklich oder unglücklich macht, die uns die Kraft gibt, die Welt mit ihrem Gram und Schmerze zu überwinden oder nicht. Die Geschichte erzählt uns aus dem Altertum, daß über die Bitterkeiten und Schrecknisse des Lebens die Men-- schen eine solche Verzweiflung erfaßt hatte, daß sie ihr Heil nur im Tode, im vollständigen Aufhören, in der Verneinung des Willens zum Leben erblickten. Die große asiatische Religion des Buddhismus bietet uns das Bild des völlig verzagten Menschen, den jede Berührung mit der Welt verlebt und zur Verzweiflung treibt. Ersterben, erlöschen galt als Erlösung! Wer blickte nicht erschüttert, nicht mit Mitleid auf eine solche Verkündigung! Was müffen die Menschen gelitten haben, wie muß ihnen das Leben zur Wüstenwanderung geworden sein, wie müssen sie von dem Schicksal des menschlichen Lebens verwundet gewesen sein, daß sie in solcher Art in innerster Seelcnuot mit völlig gefaßtem Willen Abschied nehmen von dem Kampfe der Welt. Wie anders ist die israelitische Weltanschauung, um wie viel höher steht die Lehre der israelitischen Bibel. „Gott sah alles, was er geschaffen, und siehe, es war sehr gut." (T. B. M. 1, 31.) Auch das uns bös Erscheinende gehört zur Harmonie der Welt, zur Erziehung der Menschen. „Was Gott tut, ist wohlgetan." Es ist dies die optimistische Weltanschauung im Gegensatz zur pessimistischen, die die Welt als ein Jammertal auffaßt. Diese pessimistische Weltanschauung hat der moderne Philosoph Schopenhauer der Menschheit unserer Zeit wiederum verkündet. Des frommen Israeliten Lebensgruudsatz aber ist: „Nicht sterben will ich, sondern leben will ich und mich über die Herrlichkeit der Schöpfung Gottes freuen und den Schöpfer rühmen." Auch das Judentum leugnet nicht die Leiden, zumal das unverdiente Leid. Nicht nur das biblische Buch Hiob mit seiner Mahnung, „Gott mag geben, Gott mag nehmen, der Name Gottes sei gepriesen", sondern auch der Talmud lehrt, daß es oft dem Gerechten schlecht und dem Bösen gut ergehe (zadik wera lau, roscho wetauw lau) und daß auch dies im Heilsplan Gottes liege. Der Weg durch das „Golus", was war das für eine Wüstenwanderung für unsere Vorfahren im Mittelalter. Die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 mit Inquisition und Scheiterhaufen nicht nur, sondern auch die Leiden der Juden in der Rheingegend zwischen Mainz und Worms und Speyer, von denen uns die mittelalterliche Geschichte traurige Kunde gibt, und dennoch hören wir nichts von Verzweiflung. Unsere Vorfahren trugen das schwere Geschick in dem Gedanken an Gott, auch das Böse ist von Gott bestimmt. Wie anders die moderne Zeit, wie wenig gottvertrauend sind die Menschen auf ihrer Wüstenwanderung in der Gegenwart. Ter Niedergang des religiösen Lebens zeigt auch das jüdische Haus nicht mehr wie früher als admas kaudesch als heiligen Boden. Wie Moses ein Mittel hatte, das bittere Wasser zu versüßen, so besitzen auch wir ein Mittel, Herr zu werden über die Schrecknisse des Lebens auf unserer Wüstenwanderung, es ist die heilige Schrift, unsere Bibel. Schlagen wir im Leid und im Glücke das Gottesbuch auf, und wir werden neue Kraft und reiche Belehrung darin finden, so z. B. Psalm 42, 6, „Seele, was betrübst Du Dich und bist so bewegt in mir? Harrenur ausGott!" oder Psalm 37, 5, „Befiehl dem Ewigen Deinen Weg und vertraue auf ihn, er wird es schon vollbrinaen." So ist nicht nur das Psalmenbuch, sondern die heilige Schrift überhaupt für einen jeden eine reiche Quelle der Aufrichtung in allen Lagen des Lebens. Es gilt, daß auch der moderne Mensch sich innerlich wandele, so daß er nachempfinden kann die Worte des frommen Dichters: „Wie ein Hirsch nach Wasser lechzt, so lechzt meine Seele nach Dir, o Gott!" Religion und Kunst bei unseren Vorfahren. Von Rabbiner Dr. Holzer. Es ist ein früher weitverbreitetes, noch heute nicht völlig überwundenes Vorurteil, das den Juden die natürliche Anlage und Neigung zur Kunst, vor allem der bildnerischen und zeichnerischen, abspricht. Bald soll es das Ueberwiegen der Subjektivität sein, das sie an schövferischer künstlerischer Betätigung hindere, bald sollen es historische Gründe sein, die bei ihnen eine emseitige Entwicklung des Geistes und damit ein Ausschalten gewisser künstlerischer Fähigkeiten und Kräfte bewirkt haben. Das Erscheinen und Hervortreten einer Reihe ganz großer jüdischer Künstler in neuerer Seit wie Josef Israels und Mar Liebermann, um nur die allerarößten zu nennen, hat dieses Vorurteil denn doch stark zurückgedränat und zum Schweigen gebracht. Nickt selten aber hört man auch das Urteil aussprechen, daß dem Judentum und seinem religiösen Leben in Synagoge und Haus der gleiche Anreiz zu künstlerischer Ausgestaltung und Ausschmückung. also auch zu künstlerischer Entfaltung fehle, wie ihn etwa die Kirche in so hervorragendem Maße besitze. Daß auch dieses Urteil unbegründet und unberechtigt ist, zeigt uns das soeben unter dem Titel: Bilder aus dem' Leben der Juden in Benedia Ausgangs des XVIII. Jahrhunderts neu erschienene Werk Novellis. des berühmten venetianischen Kupferstechers jener Zeit, das das Literarische Institut für Kunst und Wissenschaft in Berlin-Cbarlottenburg herausgibt. Auf 6 Tafeln, die nach den Originalkupfern des Meisters in der Reichsdruckerei zu Berlin hergestellt wurden und die sowohl in einer Lurusausaabe als auch in Leinen, beide in splendider Ausstattung und höchsten Ansprüchen aenüaend, geliefert werden, werden die Hauptmomcnte des religiösen Lebens im Gotteshaus und im häuslichen Kreise geschildert, wie sic die jüdische Gemeinde in Venedig am Ende des 18. Jahrhunderts aelebt und gesehen hat. Geburt. Hochzeit und Tod. Aushebuna der Tbora. Sederabcnd und Laubhüttenfest bilden das Thema dieser 6 Bilder, die mit tiefem 5

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