Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 4 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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diese Bestimmung in dem Worte: „E rlösung sollt ihr geben dem Lande". Die biblische Bestimmung, daß ein jeder, der aus Not sein Grundstück hatte verkaufen müssen, das Recht aus Rückkauf hat, oder daß die Verwandten zu diesem Rückkauf berechtigt sind, nennt diese Rückführung des Landes an den ursprünglichen Besitzer „Erlösung". Und diese Färbung des Begriffes ist bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Wo man in gegenwärtiger Zeit an der Rückgewinnung des Bodens im Lande Israel arbeitet und auf sie sinnt, nennt man diese Tätigkeit pan „Erlösung des Landes". Was bedeutet das? Das heißt, daß, so oft wir das Wort Erlösung in den Mund nehmen, in unserer Seele mitschwingt die Beseelung des Bodens, daß mit diesen! Wort hergestellt wird ein sittliches Band zwischen den Menschen und dem Lande, daß sich hier ein Leben mit der Natur seelisch ausbaut und verknüpft, und das ist von jeher und in alle Ewigkeit die Grundlage aller freiheitlichen Gesinnung. Von dieser Färbung des Wortes aus steigen wir dann empor zu dem religiösen Inhalt des Wortes Erlösung. In dem, was wir soeben sagten, ist eigentlich schon ausgedrückt, daß das ganze Wort religiös begründet ist, denn in dieser Beseelung des Landes, in diesem sittlichen Band von Mensch zu Land liegt schon eine starke religiöse Grundstimmung, und inan soll es nur sich deutlich ins Bewußtsein heben, daß diese religiöse Grundstimmung in der jüdischen L-ecle wurzelhaft vorhanden ist, weil doch alle feindlichen Angriffe diese Seelenhaltung dem Juden absprechen wollen und streitig machen, und weil die unglückliche Entwickelung des Mittelalters dazu geführt hat, daß wir Juden selber mitunter glauben möchten, wir hätten den Zusammenhang mit dem Boden verloren. Von diesem religiösen Inhalt des Wortes Erlösung erheben wir uns nun zu seiner besonderen Ausprägung in der jüdischen Frömmigkeit. Erlösung soll sein, wovon? Viele Antworten sind möglich. Es gibt eine Antwort eines viele hundert Millionen Menschen umfassenden Glaubens, die sagt: Erlösung muß sein von dem Leid. Alles menschliche Leben sei eine Kette von Leid und Schmerz und das sei höchstes Sehnen und Streben von dem Willen zu leben erlöst zu werden, dann x\t man auch von dem Leid erlöst. Das ist aber nicht die Antwort des Judentums. Das Judentum bejaht das Leben und, weil es das Leben bejaht, bejaht es auch das mit dem Leben unzertrennlich verbundene Leid und es sieht in dem Leid Schickung Gottes, Prüfung und Mittel der Bewährung. Es gibt eine andere Antwort, die sagt, Erlösung muß sein von der Sünde. Die Sünde, das sei die widergöttliche Macht, die die Welt beherrscht und den Menschen in ihr Netz verstrickt, und von dieser Sünde, von der Macht der Sünde müsse der Mensch erlöst werden. Das ist nicht die Antwort des Judentums. Es kann so nicht antworten, weil es die Sünde nicht als eine Notwendigkeit, als eine für sich bestehende Macht anerkennt, und weil es deni Menschen die Kraft zuspricht, der Sünde Herr zu werden und sie zu besiegen. Ganz anders ist die Erlösungssehnsucht des Juden. Sie richtet sich nicht auf den Menschen als Einzelpersönlichkeit, sie will den Menschen überhaupt nicht in seiner Vereinzelung betrachten. Die jüdische Sehnsucht nach Erlösung richtet sich aus die Erlösung der ganzen Menschheit von den antisozialen Mächten der Unterdrückung und der Gewalttat. Sie ist gerichtet auf die Gemeinsamkeit der Menschheit. Sie beginnt mit der Emporhebung der Heiligkeit der Wahrheit. Es gibt einen Satz des Talmuds, der sagt: „Wer etwas wiedererzählt im Namen dessen, der es zuerst gesagt hat, bringt Erlösung über die Welt." Wiedersagen im Namen eines anderen, das ist Ausdruck innerer Ehrlichkeit, Ausdruck der Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit, so ist der Gedanke, führt zu Erlösung. Erlösung ist so in einem gewissen Sinne in der jüdischen Frömmigkeit ein politischer Begriff, denn alles Kämpfen gegen Unterdrückung, für Recht und Wahrheit ist eine Angelegenheit der Politik. Aber es ist ein politischer Begriff, der sich nicht auf Israel allein erstreckt, sondern auf alle Menschen. Und er macht das Politische zu einem Stück der Heiligung des Menschen und der Welt. Jüdische Frömmigkeit sehnt sich nach der Erlösung der ganzen Menschheit von Unrecht und Unterdrückung. So stellt es den Menschen hinein in die Gesamtheit, lehrt ihn sich selbst nur als Glied der Gesamtheit zu begreifen, zeigt chm seine Abhängigkeit von der Gesamtheit und seine Verpflichtung gegen sie. Alle solche Erlösung ist gerichtet an Gott, wie es heißt: 'ii ’TUni „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." Wir kehren zu unserem Ausgangspunkt zurück. Den Verwandten lag die Pflicht ob, das verlorene Grundeigen auszulösen, daher heißt der Verwandte der Erlöser. So wird die Familie zum Träger der Ideen erhoben, aus denen der Erlösergedanke herauswächst, und darum ist auch Pessach, das Fest der Erlösung, vor allem ein Fest der Familie. So wie es mit dem Seder beginnt, der die Familie vereint, so will es die Familie als Keimzelle der Religion fest begründen, denn nur in der Familienerziehung und in der Familienüberlieferung können die Grundlagen gelegt werden für ein Leben im Zusammenhang mit der geschichtlichen Ueberlieferung und in persönlicher Frömmigkeit. 4 Die Hoffnung aus unsere Jugend. Von Rabbiner Dr. Sander, Gießen. Im Mittelpunkte der Sederabende steht unsere Jugend. Der Jüngste der Tischgesellschaft erhält das Wort, als wäre er die Hauptperson, ohne die die ganze Feier des Festabends nicht abgehalten werden könnte. Wie leuchtet da der Blick der Mutter, wenn ihr Söhnchen zum ersten Male „ma nischtano" fragen kann, wie aufmerksam lauscht der Vater auf die alten bekannten Fragen, wie viel Mühe hat doch auch der Lehrer aufgewendet, um dem Elternhause den Beweis seiner Arbeit zu erbringen, wenn die Jüngsten schon in der heiligen Sprache verständnisvoll auf den Zauber des Sederabends Hinweisen können, und wie selbstbewußt ist der Knabe, wenn er zum ersten Male tätigen Anteil an diesem häuslichen Gottesdienste nehmen kann! Im Gotteshause, noch mit wenig Verständnis für den Gang des Gottesdienstes, in den Hintergrund gedrängt, um nur bisweilen zur Ruhe gemahnt zu werden, darf der Knabe am elterlichen Sedertische das Wort ergreifen; aus dem schönsten, frischesten Hagadabüchlein Weisheit schöpfen, die bescheidensten Bilder von der Vergangenheit und Zukunft des Judentums bewundern, um ob seiner „tiefen" Kenntnisse des Hebräischen belobt zu werden. Die Erinnerung an diePessachabende, andenen der Sohn „ma nischtano" am elterlichen Tische gefragt hat, hinterlassen die tiefsten heiligsten Gefühle in seinem Innern, aber auch das Gemüt des schon greisen Vaters und der altersschwachen Mutter läßt das Bild jener freudenreichen Zeit wieder erstehen, in der der Kreis von zwei und drei Generationen die Festestafel umrahmte. Höret auf die Fragen Eurer Kinder, so lehrt uns das Pessachfest eindringlich, denn bedeutsam ist schon die bloße Tatsache des Fragens. Im 2. Buche Mose Kp. 12/26 verheißt die Tora: Eure Kinder werden zu Euch sprechen: Was bedeutet Euch dieser Dienst? Daran knüpft sich ein talmudisches Wort: Eine schlimme Verheißung erging hiermit an unsere Väter, denn es wurde ihnen bedeutet: Einstens wird die Tora in Israel vergessen werden, so die eine Auffassung. Die andere Deutung dagegen lautet: Eine beglückende Verheißung besagen diese Worte, denn sie verkündet ja: Ihr werdet Kinder und Enkelkinder erleben! Und als eine frohe Botschaft nahmen unsere Väter in Aegypten diese Verkündigung entgegen, da es weiter heißt: Es verneigte sich das Volk und bückte sich; d. h. aus Dankbarkeit für die göttliche Zusicherung, daß der Geist des Pessachsestes durch alle Zeiten in Israel fortleben wird. Die Fragen nach dem Wesen des Pessachsestes und unserer gesamten Lehre braucht uns nicht besorgt zu machen um den ferneren Bestand des Judentums. Denn überall, wo gedacht wird, wird wohl gezweifelt, aber nur, wo gedacht und gezweifelt wird, kann wahres Verständnis erzielt werden. Weil unsere heutige Jugend mit offenem, kritischem Blick vor das Gesamtbild des Judentums hintritt und nach Klarheit über die religiösen Probleme ringt, darum hegen wir die Hoffnung, daß sie Träger echter Religion sein und das heilige Erbe der Väter forterhalten wird. Die Fragen der Jugend sollen uns nicht erschrecken, selbst wenn sie durch ihre Schärfe und Tiefe uns bisweilen in Staunen oder gar in Verlegenheit setzen können. Weisen wir lästige Fragen unserer Kinder nicht ungeduldig zurück! Könnt Ihr Eltern sie nicht beantworten, so erklärt dies ohne Scheu und verweiset Eure Kinder an eine Stelle, an der eine Antwort zu erwarten ist; seid dann aber auch nicht entsetzt über die Antwort, wenn sie sich nicht in Euer eigenes Religionssystem einfügen will. Vergesset Ihr Eltern nicht, daß Eure Kinder durch ihre allgemeine Bildung und durch den allgemeinen Fortschritt der Erkenntnis zu den Fragen, die sie stellen, mit Macht hingedrängt werden, daß es aber auch eine Religionswissenschaft gibt, mit deren Hilfe auch die tiefst einschneidenden Fragen zu beantworten möglich ist, ohne daß man freilich dem Wahne verfallen darf, alle Rätsel des Lebens lösen zu können. Die Jugend muß Gelegenheit haben zu fragen: Was bedeutet dieser Dienst? Sie muß einen Dienst, ein Tun sehen, um durch Beobachtung zum Denken, Fragen, und Urteilen zu gelangen. Die Jugend will aber nicht leere Formen sehen, sondern sucht in den Formen den wahrhaft religiösen Inhalt. Die Jugend hat das heiße Verlangen, die Religion denkend zu erfassen, und wenn wir ihr hierzu die Gelegenheit bieten, dürfen wir auf sie auch die Hoffnung setzen, daß sie die Religion der Väter mit Liebe umfangen und mit Treue bewahren wird. Es muß die alte jüdische Erkenntnis überall zur Herrschaft kommen, daß die Gesamtheit die Ehrenpflicht hat, die Kenntnis vom Judentum in allen ihren einzelnen Gliedern zu verbreiten. Auch die kleinste Religionsgemeinde muß ihre Existenzberechtigung vorzüglich darin erblicken und ihre finanziellen Mittel in erster Linie darauf verwenden, ihrer Heranwachsenden Jugend die Kenntnis des Judentums zu übermitteln, und niemand darf sagen: Ich habe kein Interesse an dem Unterricht der Kinder anderer Leute. Alle in der Neuzeit entstandenen Verbände gehen von dem leitenden Gedanken aus: Wir müssen uns zu einem Bunde zusammenschließen, um die schwachen Kräfte der kleinsten Gemeinden zu ergänzen, damit auch dort ein Mindestmaß von Belehrung ermöglicht werde. Gewiß hat jeder Vater in