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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-04-01 · 4 (4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
4 (4.1927)
Date
1927-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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statt der beiden am ersten bzw. zweiten Abend gesungenen Stücke D'E.3 2*n TX und “prn’Di p2X zwei andere Lieder, die mit den Worten beginnen 1XX' 'TDX DnSD N2L und F2V px rvcn Während wir bekanntlich nur vier Becher Wein am Sederabend trinken, ist in Handschriften des spanischen Ritus ausdrücklich noch ein fünfter Becher erwähnt, eine Sitte, die auf eine alte, im babylonischen Talmud sich findende Ueberlieferung zurückgeht. Wir öffnen bekanntlich für einen Augenblick während des “j^ön “pctr bie Tür. In einer Handschrift des deutschen Ritus aus dem 15. Jahrhundert der preußischen Staatsbibliothek in Berlin findet sich die Vorschrift, während der Rezitation der Hallelpsalmen nach der Mtthlzeit und dem folgenden sogen, großen Halle! Türen und Fenster geöffnet zu halten. In talmudischer Zeit Pflegte man die häusliche Feier damit einzuleiten, daß man die Tür öffnete, und die Armen zur Teilnahme einlud. Noch bunter wird das Bild von der Verschiedenartigkeit der Sederfeier, wenn wir von der Betrachtung der Gebetsordnung übergehen zu der Untersuchung des eigentlichen Sederrituals, wie es mit dem Genuß der in der Sederschüssel liegenden symbolischen Gerichte verknüpft ist. Zunächst ein Wort über die „Schüssel". Während in Frankreich und Deutschland eine Sederschüssel (77^'p) gebräuchlich war bzw. ist, war im spanischen Ritus ein Korb vorgeschrieben, wie übrigens auch aus den illustrierten Haggadahhandschriften des spanischen Ritus und beispielsweise auch aus einer dem italienischen Ritus folgenden Handschrift der Stadtbibliothek in Frankfurt a. M. deutlich ersichtlich ist. Die mit der Sederschüssel verbundenen verschiedenartigen Bräuche: beispielsweise im Mittelalter in Nordfrankreich, die Schüssel zu Beginn der Sederfeier wegzustellen und dann wieder auf den Tisch zu bringen, oder, mancherwärts in Deutschland, die Schüssel auf die Schulter zu nehmen und damit in eine Ecke des Hauses zu gehen, dienten Wohl alle dem gleichen Zweck, die bei Tisch anwesenden Kinder zum Fragen anzuregen. Auch sonst waren die Kinder an diesem Abend Gegenstand besonderer Beachtung. Man schenkte ihnen, um sie wach zu erhalten, in Spanien Nüsse und gebrannte Aehren, in Deutschland in der Gegend von Mainz Kastanien. Was die einzelnen auf der Schüssel liegenden Gerichte betrifft, so eriiiiiert der Kiiochen an die uralte Gepflogenheit, das gemäß dem Gebot der Thorah (2. B. M. Kap. 12. V. 3 ff) am Feuer gebratene Fleisch eines Opferlammes mit ungesäuerten Broten und bitteren Kräuterii im Familienkreise zu genießen. Das gleichfalls auf der Schüssel liegende Ei bildet zusammen mit dem Knochen die sogenannten „Zwei Gerichte", aus denen in alter Zeit (vor Zerstörung des 2. Tempels) die eigentliche Mahlzeit bestand. Diese zwei Gerichte sind die Nachahmung römischer Sitte, wie der ganze Abend stark durch die griechisch-römische Umgebung der Juden vor Zerstörung des 2. Tempels beeinflußt ist. Auch der Genuß der vier Becher hat in griechisch-römischer ^itte seinen Ursprung. Bei den Griechen wurde das sogenannte Symposion (Trinkgelage) nach der Mahlzeit mit einem den Göttern gewechten Trankopfer eröffnet. Demgegenüber weihte der Jude den Becher dem Ewigen. Der Becher nach der Mahlzeit, Becher des Segensfpruches genannt, ist ein bewußter Protest gegen die heidnische Sitte. Aber auch aus den übrigen symbolischen Speisen des Sederabends ist die innige Berührung mit römischer Kultur deutlich ersichtlich. Die römische Mahlzeit wurde mit einem sogenannten Gustus eingeleitet, Vorspeisen, die den Appetit anregen sollten; besonders gern aß man auch Lactuca (Lattich) und trank dazu Honigwein (vergl. I. Löw, Die Flora der Juden). Aus dem Weingenuß ist bei uns die Sitte des Kiddusch geworden, mit dem wir allemal am Sabbath und Feiertag die Mahlzeiten einleiten. Der Salat der Römer hat sich in dem Brauch erhalten, zu Anfang der Sederfeier „Karpas" zu genießen. Später, als man die Sitte nicht mehr verstand, glaubte man „Karpas" werde gegessen, um die Kinder zum Fragen anzuregen, in Wirklichkeit beruht die Sitte nicht auf religiöser, sondern kulturhistorischer Grundlage. Die Römer wuschen sich zum Genuß der Vorspeisen die Hände, deshalb das Händewaschen des Hausherrn zu Beginn der Sederfeier. Im Mittelalter wuschen sich übrigens auch an dieser Stelle die ganze Tischgesellschaft die Hände, wie aus verschiedenen deutschen und spanischen Handschriften ersichtlich und beispielsweise auch von Gaom Amram und von Raschi vorgeschrieben ist. Auch das Händewaschen nach Tisch, das sich als Vorschrift in den mittelalterlichen Haggadahhandschriften erhalten hat, war eine bei den Völkern des Altertums weit verbreitete Sitte. Im griechischrömischen Kulturkreis folgte auf eine größere Mahlzeit ein Nachtisch bestehend aus Gebäck und Früchten; daran schloß sich ein Umzug auf die Straße, der oft in Trunkenheit ausartete. Der Teilnehmer an einem solchen Umzug hieß „opikomos", daher das Wort „Aphikomon", in dem nach der Erklärung meines seligen Lehrers I. Lewy sich beide Bedeutungen „Nachtisch" wie „Umzug" erhalten haben. Denn es besteht einerseits die Vorschrift Aphikomon zu genießen, d.h. als Nachtisch ein Stück Mazzah, andererseits ertönt die aus jüdischem Geiste geborene Warnung pipiBX nDBH nrtx pTüfiB px „Man entläßt die Tischgesellschaft nach dem Genuß des Pessachopfers nicht „epikoinon" d. h. nicht „auf den Bummel", sondern verlangt vielmehr von dem Juden, daß er den Abend in weihevoller Stimmung im Familienkreise verbringe. Was die verschiedenen Kräuter betrifft, so Pflegt man, wie schon erwähnt, die Feier mit dem Genuß von „Karpas" einzuleiten. Unter „Karpas" ist Sellerie zu verstehen. An Stelle von Sellerie darf man nach der Ueberlieferung des Gaon Amram in Sura in Babylonien (starb 875), auch „andere Kräuter" nehmen, beispielsweise Rettich oder Eppich oder Lauch; m deutschen Handschriften findet sich daneben noch Kerbel (französisch eerkouil), Raschi nennt auch Kresse. Daneben ist auch Petersilie, eine aus Italien (Rom 13. Jahrhundert) stammende Sitte, gebräuchlich geworden (vergl. I. Löw a. ä. O.). Wegen der Schwierigkeit, zur Pessachzeit in Polen und Rußland bereits Sellerie und Petersilie zu erhalten, wird in diesen Gegenden als „Karpas" Kartoffel genommen. Daneben findet sich in Litauen und Polen auch die Zwiebel; der Gebrauch der Kartoffel ist auch in das östliche Deutschland gedrungen. Die Sitte, „Karpas" in Salzwasser einzutauchen, stammt aus Nordfrankreich und geht auf die Tossafisten R. Jakob b. Möir und R. Samuel b. Möir (um 1130) zurück; ursprünglich tauchte man auch zu Beginn des Seder in Eharosses. Nach der Vorschrift der Thorah soll, wie erwähnt, das Pessachopfer mit ungesäuerten Broten und bitteren Kräutern „Maror" gegessen werden. Diese Sitte hat sich in dem Genuß des „Maror" unmittelbar vor der Mahlzeit erhalten. Sehr alt ist die Frage, was unter „Maror" zu verstehen sei. Der Talmud sagt es sei X27 „Chassa", und das ist nach der Meinung von Löw (a. a. O.) Lattich. Die Samaritaner gebrauchen noch heute bei Darbringung des Pessachopfers den Lattich, der jung süß, später bitter ist. Irrtümlich ist in den slawischen Ländern und auch in manchen Gegenden Deutschlands statt des Lattich Meerrettich genommen worden. Statt des Lattich ist auch Gänsedistel, Häuptelsalat oder Kopfsalat erlaubt. Schließlich sei noch eines Brauches gedacht: Zum Zeichen, daß Gäste willkommen waren, hängte man in alter Zeit in Jerusalem einen Teppich vor die Tür des Hauses. Dieser Teppich veranschaulichte sinnfällig den Geist der Worte, mit denen wir auch heute noch allemal die Sederfeier einleiten: 7i2'l 'ii'1 p£-7 72 N2EK ir.” “pT^n 72 „Jeder, der hungrig ist, komme und esse mit uns. Jeder, der bedürftig ist, komme und feiere mit uns das Pessachfest." Aber dieser Teppich besagt noch mehr. Aus zahllosen Fäden zusammengesetzt, die trotz der verschiedenartigsten Färbung ein harmonisches Ganze bilden — ist jener Teppich ein Gleichnis des Judentums, richtet er an jede religiöse Strömung zumal in der Gegenwart die eindringliche Mahnung, nicht in gegenseitigem Hader nutzlos die Kräfte zu verzehren, sondern an dem von der Vorsehung gewiesenen Platze mit zu arbeiten an der Herbeiführung jener Zeit, da die Meisterhand des Ewigen aus der sittlichen Leistung des Einzelnen und der Völker weben wird jenen Teppich, auf dem dereinst die ganze Menschheit anbetend sich niederwirft zum Preise des Einig — Einzigen. Erlösung. Von Rabbiner Dr. D i e n e m a n n , Offenbach a. M. Wann immer von dem Auszug aus Aegypten die Rede ist, ist der Gipfelausdruck für das, was damals an Israel geschah, das Wort erlösen. Jede Errettung aus einer Not, die über Israel kam in dem unendlich langen Laufe seiner Geschichte, führt den Namen -77X) Erlösung. Wenn wir im Achtzehn-Gebet Gott für die Erlösung aus den Nöten der Zeiten danken, tun wir das mit den Worten: „Gelobt sei'st du Ewiger, Erlöser Israels." Wenn wir im Abendgebet und im Morgengebet Gott als den Erlöser preisen, der uns aus Aegypten geführt hat, mit welchem Wort geschieht es? „Gelobt sei'st du Ewiger, der du Israel erlöst hast." So rückt das Wort Erlösung in unser Bewußtsein ständig hinein. Aber welchen Inhalt verbindet man damit? Wie ist eigentlich die besondere jüdische Färbung dieses Wortes? Das ist nicht etwa eine Frage der blanken Worterklärung, sondern in dem Wort enthüllt sich ein Stück des Denkens. Jeder Sprachausdruck ist ein Spiegel der Seele,-strahlt wieder, was die Seele an Inhalt in sich trägt. Das Wort hat zunächst und in seiner ursprünglichsten Bedeutung noch keinen besonderen religiösen Inhalt, sondern es ist ein Ansdruck des praktischen Lebens. Mit ihm verbindet sich in der Sprache der Bibel, dem Ursprung unserer Frömmigkeit, der Gedanke an die Rückgewinnung verlorenen Landes. Wenn in der Verordnung vom 50. Jahre, dem Jobeljahre, bestimmt wird, daß alle 50 Jahre das Land an die Familie des ursprünglichen Besitzers zurückkehren müsse, so gipfelt 3

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