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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-04-01 · 4 (4.1927) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
4 (4.1927)
Date
1927-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gemeinden verwandt, so daß wir fast mit leerer Kasse in das neue Etatsjahr hineingehen. Der größte Teil der ausgewandten Summe diente der Verbesserung des Unterrichtswesens in den kleinsten Gemeinden und wurde zu Beiträgen und Darlehen für diese Gemeinden verwandt. Neben diesen Aufwendungen zugunsten der kleinen und kleinsten Landgemeinden, welche hauptsächlich von den größeren Stadtgemeinden geleistet wurden, hat unser Mitteilungsblatt durch seine regelmäßig erscheinenden Monatsausgaben Belehrung und Ermahnung in alle jüdischen Häuser der hessischen Gemeinden getragen und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit gekrästigt. Es hat sich — wie man uns vielfach bekundete — zu einem beliebten, gern gelesenen Verbandsblatte entwickelt. Es hat mit ein Verdienst, wenn es schon gelang, weite jüdische Kreise in Hessen für unsere Verbandsarbeit zu erwärmen und zu neuer Freiheits-Sehnsucht zu erwecken. Das neue Budgetjahr wird alle Berufenen zu neuer Arbeitsleistung bereit finden. Reichere Mittel müssen und werden uns zur Verfügung stehen. Auch der hessische Staat wird uns die finanzielle Hilfe, um die wir ihn angerufen haben, nicht versagen können. Am 10. April tritt der Dberrat zu Beschlußfassungen für das neue Budgetjahr in Mainz zusammen. Aber einen Gedanken müssen wir aufs entschiedenste ablehnen: niemand sage oder denke: „auf mich kommt es nicht an": Die kleinste Zwerggemeinde, das letzte jüdische Haus, das letzte jüdische Kind müssen wir unserer Fürsorge und Betreuung zu gewinnen suchen. Der Talmud sagt: „Der Mensch ist eine Welt im Kleinen"; auch der einzelne Mensch ist eine kleine Welt, ist ein Wunderwerk Gottes, aus welchem sich ungeahnte Wirklichkeiten entwickeln können. Ein einziges Kind im letzten und kleinsten Iudenhaus kann, wenn es rechtzeitig zu gewissenhaftem Unterricht herangezogen wird, geistige und seelische Kräfte entfalten, die es befähigen, später führend und helfend einen großen Kreis aus Unzulänglichkeit zu befreien. Eine Zeit der Befreiung aus unwürdigem Druck und Verfall ist gekommen. Ein neuer Weg liegt vor den hessischen Juden: Möge jeder gerüstet sein zum Wandern, bereit zur Freiheit! Tagung der süddeutschen israelitischen Landesverbände und des Verbandes bayer. israelitischer Gemeinden. Am 6. Februar hielten die süddeutschen Landesverbände eine Tagung ab, deren Resultat die Formel für eine Arbeitsgemeinschaft ihrer Verbände war, nachdem die Gründung einer Reichsorganisation durch die einstimmige Ablehnung des preußischen Landesverbandes vereitelt worden war. Die Initiative zu diesem begrüßenswerten Zusammenschluß hatte der bayer. Verband ergriffen, der am 13. März in Fürth ebenfalls eine bemerkenswerte Tagung abhielt, die sich die Schaffung von Mustersatzungen für die Gemeinden zur Aufgabe gestellt hatte. 3. Verbandstag des preußischen Landesverbandes. Am 27. und 28. März tagte der preußische Landes-' verband in Berlin. Zum Vorsitzenden des Verbandstages wurde an Stelle des verstorbenen Iustizrat Dr. Sonnenfeld Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin, gewählt. 2 'S? 3 Reben der Beratung und Beschlußfassung über den Verbandsetat für 1927 bildete der Entwurf eines neuenIudengesetzes für Preußen den Hauptgegenstand der Verhandlung. Rach lebhaften Auseinandersetzungen kam man schließlich zu einem Majoritätsbeschluß über einen der Regierung vorzulegenden Entwurf, dem allerdings die jüdische Volkspartei geschlossen ihre Billigung versagte. Der Hauptgrund dieser Mißbilligung lag in der Fassung über den Austritt aus der Gemeinde, über das Frauenwahlrecht und die Karenzzeit ausländischer Juden. Ob die Regierung den von der Majorität angenommenen Entwurf genehmigen wird, muß abgewartet werden. Bemerkungen zum Ritual der Sederabende. Bon Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Darmstadt. Das Wort des Meisters der jüdischen Wissenschaft, Leopold Zunz, mit dem er feine grundlegende Untersuchung über den Ritus des synagogalcn Gottesdienstes einleitet: „Allmählich erst ist das Rituale, selbst in seinen einfacheren Teilen, zu einer ausgeprägten Gestalt gediehen", kann man einer Untersuchung über das Ritual des Sederabends vorausschicken. Mehr als zwei Jahrtausende haben an der Gestaltung der Sederabende ihren Anteil, die verschiedensten Kulturen, mit denen der Jude auf seiner Wanderschaft in Berührung kam, ließen ihre unverkennbaren Spuren im Sederritual zurück. Ter Grundstock der Haggadah (d. h. Erzählung, nämlich vom Auszug aus Aegypten) findet sich bereits in der Mischnah, die — ein Teil des Talmud — um 200 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung, gesammelt wurde. Wir lesen in der Mischnah bereits das „Ma nischtana" (in freilich etwas anderer Form), fene§ bekannte Stück der Haggadah, in dem das Kind seiner Verwunderung über die seltsamen Bräuche des Abends Ausdruck gibt, und auf das der Hausherr dann antwortet. Diese Antwort in der jetzt vorliegenden festen Form hat sich auch erst allmählich entwickelt. In der Mischnah wird nur die Forderung aufgestellt, mit der Schilderung von der „Erniedrigung" Israels zu beginnen' und mit den Tagen der „Erhöhung" Israels zu schließen. Jii der Mischnah wird ferner bereits der Sitte der vier Becher Erwähnuiig getan, sowie der Pflicht, vor und nach der Mahlzeit die sogenannten Hallelpsalmen zu sprechen. Ein anderes sehr altes Stück der Haggadah ist der Abschnitt mit den Fragen der sogenannten „vier Gestalten", des Weisen, des Bösewichts, des Einfältigen und des Kindes. Dieser Teil ist in der vorliegenden Form der Mechiltah lMaß) entnommen, einem um daS Jahr 70 n. abgeschlossenen Kommentar zum 2. Buch Moses; die ursprüngliche Form des Stückes findet sich in viel klarerer Fassung im Jerusalemischen Talmud. Die Haggadah bildete ursprünglich einen Teil der Mechiltah und ist nach Ansicht meines sel. Lehrers I. Lewy etwa im 8. Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zettrechnung abgeschlossen worden. Sie war damals freilich erheblich kürzer. So findet sich das bekannte Lied "N^ V5 erst im Anfang des 12. Jahrhunderts,; "ES 7EN ist vermutlich erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts in unsere Haggadah eingedrungen, wie auch das bekannte Lied NI" "OES, das in der Hoffnung anf den Bau des Tempels gipfelt, sich nicht vor dem 14. Jahrhundert in deutschen Handschriften, und zwar nur als Anhang findet. Man sang es ursprünglich Wohl hebräisch und deutsch. 'Nachstehend der deutsche Text, wie er in einer dem deutschen Ritus folgenden Handschrift der Pariser Nationalbibliothek aus dem 10. Jahrhundert vorliegt. „Einiger Gott, nun bau Tein Tempel schire, also schir, also schir, in unsren Tagen schire, nun bau, nun bau, nun bau, nun bau, nun bau, min bau Tein Tempel schire, ja schire. Barmherziger Gott, gerechter Gott, demütiger Gott, hochgelobter Gott, würdiger Gott, sänftiger Gott, chcnter Gott, trauditer Gott, Jüden Gott, kreftiger Gott, lebdiger Gott, mechtiger Gott, nahter Gott, ewiger Gott, forchtzumer Gott, zimlicher Gott, königlich Gott, reicher Gott, starker Gott." Noch später, kaum vor Ende des 16. Jahrhunderts, drangen dann die beiden aus deutschen Volksliedern stammenden Stücke, das sogenannte Zahlcnlied und das Lied vom Lämmchen tn die Haggadah ein. Das Bild der Entwickelung der in der Haggadah gesammelten Gebete und Festlieder gestaltet sich noch mannigfaltiger, wenn man den Blick über den deutschen Ritus hinaus auf andere Riten richtet. So enthalten z. B. die Handschriften des spanischen Ritus

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