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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-03-01 · 3 (3.1927) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
3 (3.1927)
Date
1927-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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$n seinen Memoiren verzeichnet Levi auch, daß sein Vater von Napoleon in Audienz empfangen und 1807 in das große Syuhedrion zu Paris berufen worden sei. Sein Verhalten auf dem Syuhedrion, in dem er zur Mittelpartei gehörte, fand solche Anerkennung, daß man ihm die Wahl ließ, Rabbiner in Met? oder in Mainz zu werden. Er wählte das letztere und wurde 1808 zum Orand-Uabbin et Uresident du Eon.?i8toire ctu Departement äu Moni Tonnere berufen. Die Wahl von Mainz gereichte ihm aber nicht zum Wohle. Tort lebte ein höchst angesehener, gelehrter und fronuner Talmudist, Rabbi Herz Scheuer, den viele zu??? Rabbiner gewünscht hätten, der aber das Amt nicht annehmen wollte. Ohne dessen Wissen und Willen — beide Männer achteten einander und lebten in Frieden — hatte sich eine Partei gegen Samuel Levi gebildet. Dieser nahm sich mehrere Vorkommnisse derart zu Herzen, daß er zu kränkeln begann und 1813 starb. Auf seinem Sterbebette sprach er den Wunsch aus, daß sei?? Sohn Benedict Rabbiner werden?nöge. Frau Brendel Tara Levi, die Mutter des Tr. Levi, betrachtete diesen Wunsch als ein heiliges Vermächtnis und?nachte alle Anstrengungen, dc?n Sohne die erforderliche Bildung angedeihen zu lassen. Wie dainals allge?nein üblich,?nußte der größere Teil der Zeit für die religiöse und der geringere Teil für die profane Ausbildung verivendet werden. Ein großer Teil der deutschen Rabbiner besaß ausschließlich talmudisches Wissen. Manche hatten sich wohl die allerelementarsten profanen Kenntnisse angeeignet, d. h. sie konnten deutsch lesen und schreiben. Die „Neumodischen", )vie?nan sie??annte, begannen dann privati?n sich so weit vorzubereiten, daß sie die Universität beziehen konnten, ü?n Vorlesungen über Philosophie, Geschichte und orientalische Sprachen zu hören. Dr. Levi war frühzeitig i?? eine geordnete Schule eingetreten. In Mainz genoß er den ersten Schulunterricht. Dort sah er 1812 Napoleon auf seine??? Zuge nach Rußland über die große Bleiche ziehen. Sein Lehrer Eisik Tchwalje hob ihn in die Höhe und rief: „Sprich die Brochoh!" 1816 bis 1810 besuchte Benedict die israelitische Realschule des bekannten Tr. Ereizenach. Nachde??? er 5 Jahre lang bei den Rabbinern Weißmann und Eastel in Mainz den Tal?nud studiert, ging er i?n Alter von 17)4 Jahren mit seiner Mutter nach Würzburg, wo der bedeutende Tal?nudgelehrte Abraha??? Bing ii? eine??? talmudischen Lehrbause, einer sogenannten Jeschitvah, zahlreiche junge jüdische Theologen um sich versammelt hatte. Ohne Maturitätsexa?nen durfte Levi die Universität besuchen. Bei den Professoren Met? und Wagner hörte er Philosophie und Geschichte; Hebräisch. Syrisch und Chaldäisch bei Schwarz, Aesthetik und Pädagogik bet Fröhlich. De??? strebsamen Jünglinge blieben innere Kä?npfe nicht erspart, aber über die Periode des Zweifels hinweg rang er sich zu r??higer Klarheit durch. Er fand die For?nel, die Prinzipien des Iudentu?ns mit denen der Philosophie zu vereinigen u?^> das Zere???onienwesen nicht als Religion selbst, sonder?? als Mittel zur Veredelung des Menschen zu betrachten. Auf das e???pfängliche Ge???üt des Jünglings???achte die herrliche Umgebung Würzburgs tiefen Eindruck. 1826 unternab??? er e?ne Fußreise in die Schweiz. J?n Oktober 1827 begab er sich nach Gießen, um dort seine Studien abzuschließen und den philosophischen Doktorgrad zu erwerben. Nachde??? er hier die verlangte Maturitätsprüfung bestanden hatte, wurde er a?n 7. Nove???ber 1828 pro-???ovicrt. Er hielt eine lateinische Rede, „de iis quae omnibus summi Numinis colendi rationibus sunt communia." Während dieses einjährigen Aufenthalts genoß L. auch den sehr anregenden u??d belehrenden Umgang des Rabbiners Wolfs, der ihn auch einige Male zu??? Predigen in der Synagoge zuließ. Das Jahr 1828 verlebte L. zu seiner weiteren Ausbildung in Worms bei de??? tal???udisch gelehrten Rabbiner Koppel Bambergcr igest. 28. März 1864), der ihm auch die rabbinische Ordination erteilte. U?n diese Zeit wurde Rabbiner Dr. Wolfs nach Kopenhagen berufen. Levi bewarb sich????? die vakante Stelle und hatte die Genugtuung, freilich??ach Ueberwindung von?na??cherlei Schwierigkeiten, i?n Alter von 23 Jahren, als Rabbiner von Gießen und dessen u?nfa??greichcm Sprengel ernannt zu werden. Ain 1. Oktober 1829 trat er sein A?nt an. L. richtete vor alle??? in seiner A???tstätigkeit seine Aufmerksa???keit auf die Verbesserung des Gottesdienstes. Schon k??rze Zeit nach seine??? A???tsa??tritte richtete er ein entsprechendes Gesuch an das Ministerin??? des Innern und der Justiz. Das Ministerium antwortete unter??? 18. März 1830, daß es dem geplanten Verbessern keinen Widerstand leisten??nd die Autorisation zu dessen Ausführung erteilen werde, wenn die einzelnen Wünsche ausführlich??nd gehörig???otiviert vorgelcgt würden. Als dies dann geschah, lehnte die Regierung jede Einmischung in die Kultusangelegenheiten trotz des früheren Schreibens ab. Unter den literarischen Arbeiten Levi's verdient seine 1838 veröffentlichte Abhandlung „Beweis der Zulässigkeit des deutschen Choralgesanges mit Orgelbegleitung bei dem sabbathlichen Gottesdienste der Juden" genannt zu werden. Die Rezension über diese Schrift hatte der Oberappellationsrat Ternburg,*) Großvater des früheren Kolonialdirektors) da?nals Vorsteher der Mainzer Ge-?neinde, in der Frankfurter Zeitschrift für Humanität „Tidascalia" geschrieben. L. wollte beweisen, daß der Israelit in seiner Muttersprache beten dürfe, daß die Orgelbegleitung erlaubt sei und daß deren Einführung das Judentu??? nicht christianisiere, sondern dasselbe seine??? Ursprünge, de??? Te???peldie??ste, nahe bringe. Mit Genehmigung des Kreisa?nts wurde im Jahre 1848 die Orgel eingesührt. Dieselbe wurde jedoch i?? der ersten Zeit nur bei besonderen Anlässen gespielt. Nach 40jähriger glücklicher Regierung war Ludwig I. vor? Hessen gestorben. Sein Sohn Ludwig II. bereiste nach seinen? Regierungsantritte die Provinz Oberhessen. In Gießen e???psi??g er den Rabbiner Levi und die Gemeindevorsteher Bock u??d Hirschhorn in Audienz. Levi überreichte bei dieser Gelege??heit i?n Na???en der Ge???einde ein von ih?n verfaßtes Huldigungsgedicht?nit folgenden? Motto: Und die Zeit, die König David über Israel regierte, ist vierzig Jahre. Und er starb i?n hohen Alter, voll an Leben, Größe und Ruhm, und es herrschte Sein Sohn Salo?non an seiner Stelle. (Chronik, B. 1, K. 29, V. 27, 28.) Der Großherzog äußerte wiederholt seinen Beifall über diese si??nige Widmung und ließ dieselbe bei der Hoftafel von Hand zu Hand gehe??. Ludwig II. gab Levi das Versprechen, sämtliche jüdischen Ge???ei??den der Provinz Oberhesscn de?n Rabbinat Gießen zu unterstelle??, was dann auch i?n Jahre 1842, als der Rabbiner Frankfurter in Friedberg gestorben war, geschah. Tr. Levi wurde nun Landrabbiner der Provinz Oberhessen. Dieselbe umfaßte 90 jüdische Gemeinden mit ca. 1500 Seelen. 1832 führte Levi die anmutige Henriette Mäher aus Mannhei?n als Gattin in sein Haus. Diese gemutreiche und geistig hochstehende Frau war bis zu ihre??? frühen Hinscheiden (1842) eine der anziehendsten Erscheinungen der Gießener Gesellschaft. Tie Besten bewarben sich????? ihre Freundschaft. Sie war eine ausgezeichnete Klavierspieler!?? und ohne Zweifel hatte ihr Sohn Herrnann, der Ge??eral?nusikdirektor in München (geb. 7. Nov. 1839, gest. 13. Mai 1900! seine?nusikalische Begabung von ihr e?npfangen. 1842 raffte eine tückische Krankheit sie hinweg. Der erste Stadtpfarrer, Kirchenrat Tr. Engel, hielt ihr die Grabrede und der Universitätsprofessor Schaefer widmete ihr in der „Didaskalia" einen war??? empfundenen Nachruf. Am 9. August 1854 starb Levi's Mutter, Frau Brendel Tara Levi. Sie war in Saarlouis geboren und in gar mancher Beziehung nennens- und rühmenswert. Ihren Stammbaum führte sie auf die d??rch Reichtum??nd Wohltätigkeitssinn beka????te Fa-???ilie Wor???s zurück, von der die Wor?ns de Rornillh und andere namhafte Familien Frankreichs absta?n???en. Wenige Jahre später, a?n 14. April 1858, hatte Levi das Glück und die Freude, seine einzige Tochter???it eine??? französischen Offizier, de??? Lieutenant Jules Moch, Repititeur der kaiserlich französischen Militärschule zu St. Ehr, zu verheiraten. Mr. Moch, bekannt als tüchtiger Lehrer, hatte die Feldzüge in Algier und der Krim??????itge???acht. Die Trauung fand in Rödelhei??? statt, Dr. L. sprach über die Worte: Adaitnoj imochem (Gott mit Euch!) Er war selbst bis zur tiefsten Rührung überwältigt, besonders als er seine Tochter ansprach und sie auf die Tugenden ihrer seligen Mutter hinwies und dann van dem Stande seines Schwiegersohnes redete,, Gottes Gnade für ihn erflehend, daß er jede Gefahr von de?n teuren Haupte abwenden???öge! — Die Situation hatte etwas Ungewöhnliches, ein Lehrer des Friedens und ein Lehrer des Krieges — verbunden durch der Liebe Hand! — Und daß der Mann des Krieges???? Offizierskleide ein Jude**) — das war das schönste Zeichen des Friedens und der Annäherung unter den Menschen! In segensreicher Amtstätigkeit schwanden L. die Jahrzehnte dahin. Bei seinen Landesfürstcn, deren er fünf den Thron besteigen sah. stand er stets i?? Gunst. 1878 feierte er sein 50jnhriges Doktorjubiläum, 1879 sein 50jähriges Amtsjnbilnum. Der Universität, deren philosophische Fakultät ih??? das Doktordiplo??? ehrenvoll erneuerte,???achte der Jubilar seine gesamineltcn wertvollen tal???udischen, rabbinische?? und hebräischen Schriften, eine stattliche Bibliothek, zu??? Geschenk. Während der Winter des Lebens Flocke????? Flocke auf das Haupt des würdigen Mannes streute, erlebte sein Herz die Freude, seinen Sohn Herinaun, den genialen Dirigenten,' Sprosse um Sprosse an der Ruhmesleiter emporklimme?? zu sehen. 1882 wohnte er der Ausführu??g des „Parsifal" unter seines Sohnes *) Levi schreibt in seinen Memoiren: „Der??burg achtete als Student auf koschere Milch; bei mir kam es niemals zu solcher Extre???ität." **) Jules Moch war i?u Kriege 1870/71 als Oberst Gefaugcner in Gießen. Dessen Sohn, Capitaine der Artillerie, wurde im Dreysuß-Prozeß oft genannt. 5

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