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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-03-01 · 3 (3.1927) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
3 (3.1927)
Date
1927-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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- Geschichtliches aus dem Aabbinate der Provinz Oberhessen. , Von Josef Marx, Gießen. 3cit den frühesten Zeiten war der Amtssitz des Ober- oder Landrabbiners: Friedberg, nicht Gießen. Der Rabbinerstuhl zu Friedberg war höher und älter als die übrigen in der ganzen Nachbarschaft. Durch eine mit der Judcnschaft zu Fricdberg bereits im Jahre 1603 getroffene Uebereinkunft war die ganze Judcnschaft des Oberfürstcntums Hessen, Darmstädter Anteils, verbunden, den jedesmaligen Oberrabbiner zu Friedberg auch als chren Oberrabbiner anzuerkcnncn, wofür sie auch das Recht hatte, bei der Wahl dieses Oberrabbiners mit zu konkurrieren. Eine solche Wahl wurde in folgender Weisevorgenommen: Die Vorsteher und „Baumeister" der Judenschaft, wie sie genannt wurden, kamen einige Zeit vor der Wahl in Bubbach zusammen. Hier wurden alsdann die Meldungen der verschiedenen Kandidaten geprüft und drei in die engere Wahl gebracht, deren Namen auf eine eigens dazu bestimmte Tafel geschrieben wurden. Einige Zeit später versammelten sich hierauf alle bei einer solchen Wahl stimmfähigen Juden in Friedberg. Wer alsdann von den obigen drei Kandidaten die meisten Stimmen auf sich vereinigte, galt als gewählt und zum Landrabbiner bestellt. Daß es bei solchen Wahlen nicht immer so friedlich zuging, kann man sich denken. Ganze Aktenstöße von Beschwerden an die Behörde geben den Beweis, daß das Gemeindelebcn ein sehr unruhiges, von gehässigen Kämpfen erfülltes gewesen sein muß. Auch an wiederholten Versuchen, das Rabbinat nach Gießen zu verlegen, hat es nicht gefehlt. Allein die Friedbergcr wußten alle Bemühungen, auf ihr altes Recht pochend, zu Hintertreiben, bis im Jahre 1809, nach dem Tode des Moses Liebmaun, die Negierung beschloß, die Rabbinatsgeschäfte bis zur demnächstigcn Wiederbesetzung 3 Bikarien zu übertragen, von denen einer seinen Amtssitz in Gießen haben müsse. Und so erhielt unsere Gemeinde den ersten landesherrlich bestätigten Rabbiner in der Person des Loeb Meyer Heß, der sein Amt bis zu seinem am 0. Januar 1826 erfolgten Tode verwaltete. Er hatte ein Alter von ca. 78 Jahren erreicht. Sein Nachfolger war Tr. Abraham Alexcknder Wolfs, der am 29. April 1811 zu Tarmstadt geboren wurde. Sein Vater, Alexander Wolfs, ein in der talmudischen und rabbinischen Literatur bewanderter Kaufmann, der noch im hohen Alter das Darmstädter Rabbinat während einer zweijährigen Vakanz verwaltete und mehrere Jahre der Kommission zur Prüfung der Rabbinats- Kandidaten angehörte, leitete den ersten Unterricht seines sehr begabten jüngsten Sohnes Alexander, den er früh für den geistlichen Stand bestimmte. Schon in seinem sechsten Jahre legte der junge Wolfs eine solche Bekanntschaft mit der hebräischen Sprache an den Tag, daß der Kirchenrat Wagner, der ihn zufällig examinierte, seine Verwunderung darüber aussprach und ihn durch das Geschenk eines schönen Buches zum fortgesetzten Fleiße aufmunterte. Mehrere Jahre genoß er den talmudischen Unterricht des Rabbiners Mecklenburg und bereitete sich gleichzeitig für das Gymnasium vor, das er nur kurze Zeit besuchte. Im Jahre 1817 begab er sich nach Mainz, wo er bei dem Rabbiner Herz Scheuer (gest. 1823) seine Studien im Talmud fortsetzte und von seinem späteren Freunde M. Creizenach Unterricht in der Mathematik erhielt. Schon nach einem halben Jahre verließ er jedoch Mainz und ging nach Würzburg zu dem in jener Zeit berühmten Oberrabbiner Abraham Bing, dessen talmudische Vorlesungen er mit regem Eifer besuchte, und ließ sich am 22. April 1819 auf der dortigen Universität immatrikulieren. Während seines zweijährigen Aufenthalts in dieser Universitätsstadt hörte er linguistische, historische, philosophische und theologische Vorlesungen, von denen ihn die des Philosophen Joh. Jac. Wagner und des Theologen Fischer besonders anzogen. Fischer, dem Wolfs überhaupt näher stand und den er eine Zeitlang fast täglich besuchte, erteilte ihm den Rat, sich zum Doktor der Theologie promovieren zu lassen. Er verließ Würzburg und reiste nach Gießen, m der Hoffnung, dort den theologischen Doktorgrad zu erhalten. Tort angekommen, erfuhr er jedoch, daß er nur als Doktor der Philosophie promovieren könne, was „post exploratas atque prodaias ingerüi doctrinaeque eximiae dotes" den 26. August 1821 geschah. Es dauerte nicht lange, so wurde dem erst 20jährigen Tr. Wolfs von dem in Tarmstadt lebenden van Eß, dem bekannten Herausgeber der „Vulgata" ein sehr vorteilhaftes Engagement augeboten, das er jedoch, aus Besorgnis, daß späterhin Forderungen an ihn gestellt werden könnten, die gegen seine religiöse Ueberzeugung stritten, ablehnte. Wolfs lebte nun mehrere Jahre teils in Würzburg, teils in Tarmstadt hauptsächlich seinen theologischen Studien und erhielt im Jahre 1824 von mehreren bedeutenden Rabbinern die rabbinische Ordination. Nachdem er im Juli 1826 ein theologisches Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, wurde er von der hessischen Negierung am 15. August 1826 zum Landrabbiner der Provinz Oberhessen (Gießen) ernannt. Am 1. Oktober hielt er in Gegenwart der theologischen Fakultät und vieler Staatsbeamten seine Antrittspredigt, die auf Wunsch und auf Küsten der Gemeinde Gießen zum Besten der Wasserbeschädigten im Vogelsbergischen im Druck erschien. Wolfs war bald eine in weiten Kreisen bekannte Persönlichkeit, und als im Jahre 1828 das Rabbinat in Kopenhagen vakant wurde, wandten sich die Vertreter genannter Gemeinde, durch Gotthvld Salomon in Hamburg auf ihn aufmerksam gemacht, mit dem Gesuche an ihn, sich um die Stelle zu bewerben. So wurde er am 8. Oktober 1828 von König Friedrich VII. von Dänemark zum Oberrabbiner und Prediger ernannt. Am 28. März 1829 hielt er in der hiesigen Synagoge seine Abschiedspredigt, die seine Zuhörer aufs tiefste ergriff und zu Tränen rührte. Wir erfahren aus seinen Darlegungen, daß er nie daran dachte, das Amt eines Geistlichen zu übernehmen. Er habe zwar von seiner Kindheit an die Wissenschaften gepflegt, die zur Bildung eines israelitischen Seelenhirten notwendig sind. Aber trotzdem habe er in seinem Innern nie daran gedacht, den heiligen Lehrstuhl Gottes zu betreten. Ja, selbst die Schritte, die er tun mußte, um sich solch eine Laufbahn zu eröffnen, seien mit einigem inneren Widerstreben geschehen, mit dem Gedanken, nicht dazu bestimmt und den Schwierigkeiten eiiies geistlichen Amtes nicht gewachsen zu feilt. Seit Jahren fast ganz sich selbst überlassen, hatte^ Israel weder Pfleger seines Glaubens, noch eigentliche Lehrer seiner Religion. Belehrung, gründliche Belehrung ward ihm nicht zuteil, und das Wort der Erbauung ward ihm nicht gepredigt. Wie konnte es da anders werden,als daß jeder dem folgte, was man ihm hier oder dort für Weisheit gab, daß in jedem Herzen sich ein anderer Glaube gestaltete, iu jeder Seele eine andere Religion erwachte. Es ward öde an der heil. Gottesstätte und verlassen der Ort, der zur gemeinsamen Erbauung dienen sollte, gelöst die Einigkeit, welche sonst die Religion, der gemeinsame Glaube hervorgebracht hatte. Wer hätte da Mut haben mögen, die zerstreuten Herzen zu sammeln, wer Hoffnung haben können, in einer Gemeinde segnend zu wirken, da man ja fürchten mußte, bei jeder Ueberzeugung, für die man einzunehmen suchte, wider so viele andere, bereits vorgefaßte Meinungen zu verstoßen. Wolfs hat es verstanden, trotz all dieser Schwierigkeiten sein Amt segensreich zu verwalten und die Liebe seiner Glaubensgemeinde zu erwerben. Am 16. Mai 1829 trat er sein Amt an. Seit dieser Zeit wirkte er mit unermüdlichem Eifer und seltener Hingebung in Kopenhagen, geehrt uiid geachtet sowohl von feiner Gemeinde als auch von seinen christlichen Mitbürgern und der Regierung. In Anerkennung seiner Verdienste um die Kultur der dänischen Juden ernannte ihn der König am 6. Oktober 1854 zum Ritter des Danebrog-Ordens. Wolfs ist der Vater der dänischen jüdischen Homiletik und einer der fruchtbarsten homiletischen Schriftsteller der Gegenwart. Er hat über 5000 Predigten, Gelegenheitsreden nicht mitgerechnet, in den verschiedensten Arten gehalten und weit über 100 einzelne im Truck erscheinen lassen. Seine Predigten kennzeichnen sich durch sorgfältige Disposition, eingehende und erschöpfende Behandlung auserlesener Texte, durch eine sinnreiche Exegese und klare, liebliche Sprache. Am 3. Dezember 1891 starb er zu Kopenhagen, 91 Jahre alt. Sein Nachfolger war Tr. Benedict Levi. Tr. Benedict Levi, einer alten Rabbinerfamilie angehörend, wurde am 14. Ott. 1806 als Sohn des hochgeachteten Rabbiners Samuel Wolf Levi*) zu Worms geboren. Sein Vater (geb. 1751, gest. 1813 zu Mainz) ging schon als Kind mit seinen Geschwistern nach Augsburg, um dort in profanen Fächern Unterricht zu genießen. In der Mendelsohn'schen Zeit, als die Beschäftigung mit profanem Wissen bei den Juden eine Seltenheit und in deutschen Rabbinerhäusern eine Ausnahme bildete, hat diese Familie bei aller religiösen Strenge den Forderungen der Zeit Rechnung getragen.Samuel Levi gehörte zu der kleinen Zahl von Rabbinern des 18. Jahrhunderts, die mit großem rabbinischem Wissen humanistische Bildung und beste gesellschaftliche Formen verbanden. Als die Franzosen 1793 das linke Rheinufer überschritten, flüchtete er in der Besorgnis, als einer der Notabeln der Stadr nach Frankreich geführt zu werden, in Begleitung anderer Bürger nach Frankfurt a. M. Dort fand er elf Monate lang ein Asyl, bis in Worms Ruhe und Ordnung zurückgekehrt waren. Samuel Levi war der französischen Sprache vollkommen mächtig. Vor einem größeren Kreise von Zuhörern pflegte er allabendlich die französischen, damals sehr interessanten Zeitungen zu übersetzen. *) Sein Vater Wolf Levi war lange Zeit Dajan zu Prag und später Rabbiner zu Pfersee bei Augsburg, dessen Bruder Salomon Levinger starb als Rabbiner zu Gailingen (Baden). 4

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