Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 3 (3.1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenwart. Lesen wir das Buch nicht in dem Sinne jener Lehrer, die alles Licht nur bei uns, alles Dunkle nur bei den anderen sehen wollen, sondern lesen wir es im Sinne jener echten religiösen Meister und Führer, die uns mahnen, auch in dem Gegner den Menschen zu sehen, die uns mahnen, bei Angriffen aus uns, die Schuld zunächst nicht bei den anderen, sondern bei uns selbst zu suchen und in allen Wandlungen unseres eigenen Lebens und des Lebens der Völker ehrsürchtig die Hand dessen zu schauen, der der Lenker aller irdischen Geschicke ist. Beiträge zur Geschichte der Juden in Hessen. Mit den folgenden beiden Arbeiten der Lerren Rothschild und Marx beginnen wir, in unserem Mitteilungsblatt Materialien zur Geschichte der Juden in Lessen zu sammeln, in der Loffnung, daß dadurch eine Gesamtdarstellung dieses Gebietes allmählich vorbereitet wird. Die beiden heute veröffentlichten Darstellungen ergänzen einander, doch sei bemerkt, daß der unermüdliche Mitarbeiter an unserem Mitteilungsblatt, der vor kurzem in sein achtzigstes Lebensjahr getretene Lerr S. Rothschild. Worms, aus dessen Feder wir mit Gottes Lilfe noch manche Niederschrift über das Gebiet seiner reichen Erfahrungen und Kenntnisse erwarten dürfen, seine Arbeit gekürzt hat, um Wiederholungen von Dingen, welche im Marx'schen Artikel behandelt werden, zu vermeiden. Für Darlegungen über dieses Gebiet der Geschichte der hessischen Juden, auch solche über einzelne Gemeinden und einzelne Persönlichkeiten, werden wir die Spalten unseres Mitteilungsblattes gern zur Verfügung stellen. Die Schriftleitung. Gestalten aus der alten Wormser jüdischen Gemeinde. Von S. Rothschild, Worms. I. Rabbiner Samuel Levi. Dieser war der Sohn des Rabbiners Wols Levi, der das ausgedehnte Landrabbinat Pfersee bei Augsburg verwaltete. Er war 1751 geboren und war nach der Beschreibung seines Sohnes, des verstorbenen Rabbiners Levi in Gießen ein ausfallend schöner Mann. Diese Schilderung stimmt mit dem Bilde überein, das mir der Urenkel Levis, Mvch, Capitaine der Artillerie in Paris, im Austrage seiner fast erblindeten Mutter für einen bestimruten Zweck vor ungefähr zehn Jahren gesandt hatte. Eine Seltenheit jener Zeit, verband Levi mit großem rabbmischem Wissen humanistische Bildung. In sehr jugendlichem Alter nach Worms berufen, sdie Antwort Levis auf feine Berufung, in hebräischer Sprache geschrieben, befindet sich im Archive der jüdischen Gemeinde, trägt aber kein Datum) mutzte er beim Ausbruch der französischen Revolution mit Frau und Kind nach Frankfurt flüchten, wo er elf Monate verweilte, bis der Sturm vorüber und Ordnung zurückgekehrt war. Levis Frau, Brendel, spendete 1789 eineil noch vorhandenen Synagogeuvorhang, der am Eref Rosch Chodesch Elul aufgehängt werden soll. — In damaliger Zeit waren in Worms sehr wenig Leute, die der französischen Sprache mächtig waren, aiiders Levi, der sie geläufig las urid sprach. Da man das in der Stadt wußte, versaniiiielten sich eine Zeitlaiig allabendlich Bürgermeister und Gemeinderat vor dem Hause des Rabbiners in der Judengasse, der ihnen dann den Inhalt der angekommencn Pariser Zeitungen sogleich deutsch vorlas. Welche Verehrung man Levi von seiten seiner Gemeinde entgegenbrachte, davon nur ein Beispiel. Sein Sohn, der Rabbiner in Gießen, hörte bei einem Besuche in Worms, daß eine Familie in der Judeugasse das Bild seines Vaters besitze. Er gab sich alle Mühe, dasselbe zu erwerben. „Um keinen Preis geben wir dieses Bild her, zu ihm haben wir in schweren Tagen aufgeblickt und haben uns dabei getröstet, wir geben das Bild nicht her." — Im Jahre 1789 wurde die Erinnerung an die durch die Franzosen vor 100 Jahren zerstörte Stadt Worms durch gottesdienstliche Feiern begangen. Das sehr interessante, von Levi entworfene Programm befindet sich im Archive der hiesigen jüdischen Gemeiiide. Voii Interesse ist folgende Tatsache, die nicht nur von der Rednergabe Levis, sondern auch von seiner Macht und seinem Einflüsse auf die Gemüter der Gemeinde Zeugnis gibt. Das Schriftstück befindet sich im Archive der jüdischen Gemeinde. Es waren auf der Gemeindestube mehrere Taufend Gulden Pupillen- und andere Gelder iu eiserner Kiste verwahrt Uiid über Nacht daraus gestohlen worden, worüber danii ilatürlich Jammer und Klage in der Gemeinde erfolgte. Das kleine Eigentum uiid die Ersparnisse vieler geringer Leute, insbesondere vieler Witwen und Waisen, waren plötzlich verschwunden, und der Täter konnte nicht ermittelt werden. Da ordnete Levi einen Fasttag an, an dem alle Gemeindeangehörigen bis zum 13. Jahr herab, mit Ausnahme schwächlicher Krauen, in der Synagoge erscheinen sollten. Als dies geschehen und die Synagoge dicht gefüllt war, kam Levi im Sargenes (Totenkleid), begleitet vom Vorbeter und ^chofarbläser, gleichfalls im Sargenes und stellte sich mit ihnen vor die bl. Lade, die Thorarolle aus derselben holend und hoch im Arme haltend. Darauf ließ er wie am Roschhaschonoh, Schofar blasen und hielt dann eine eindringliche, ergreifende Rede an die Versammelten, das Unglück schildernd, welches der Diebstahl über so viele arme und geringe Leute gebracht habe. „Ich glaube, den Täter zu kennen oder vermute ihn doch", sagte er, „.und bitte ihn fußfällig, das Geld wieder zurückzubringen (zu welchem Ende er drei Häuser bezeichnete, in welchen es geschehen konnte, ohne bemerkt zu werden, wie er dann auch jedermann befahl, an den nächsten drei Abenden zu Hause zu bleiben, seine Tür aber offen zu lassen, damit kein Nachbar ein Kommen und Gehen erfahre), in welchem Falle ich den Segen Gottes auf ihn, seine Kinder und Kindeskinder herabrufe usw. Sofern er aber das Geld binnen 3 Tagen rlicht zurückgebracht habe, tue ich ihn und seine Angehörigen in ewigen Bann und rufe alle die Flüche auf sie herab, die in der Thora geschrieben stehen usw." Nach diesen Worten soll die ga-nze Gemeinde in lautes Weinen ausgebrochen sein. Sie hatten aber den erhofften Erfolg. In der zweiten Nacht wurde das Geld in den Hausflur des Herz Kahn gelegt, es fehlte nur wenig daran. Levi, der dem Synhedrin angehörte, wurde von Napoleon, der ihn sehr schätzte, die Wahl gelassen, ob er Rabbiner von Metz oder Mainz werden wolle. Er entschied sich für letztere Gemeinde, lieber den Weggang Levis von Worms erzählte mir ein sehr alter, schon seit vielen Jahren verstorbener Herr das Folgende: In Worms lebte ein Herr Melas, aus Prag stammend, unter dem Namen Michol Prag. Ta er talmudische Kenntnisse besaß, wurde er auch oft in religiösen Dingen befragt. Als Levi ein Stück Vieh für „trefa" erklärte, ging der Metzger zu Michol Prag und dieser sagte, „der Rav muß sich geirrt haben". Als Levi dieses hörte, berief er die Vorsteher und erklärte dort: „In einer Gemeinde, in welcher ein Privatmann sich erdreistet zu paßkenen, nachdem es schon der Rav getan, will ich nicht mehr Rav sein und ging nach Mainz." Ein Enkel von Samuel Levi war der durch den unglücklichen König Ludwig von Bayern und Richard Wäger berühmt gewordene Generalinusikdirektor Hermann Levi. Zur Zeit, als Levi noch in Karlsruhe wirkte, besuchte ich das dortige Seminar. Man erzählte sich, daß nach seiner Ernennung der andere Kapellmeister K. dem Großherzog in einer Audienz sagte: „Wissen Kgl. Hoheit, daß L. ein Jude ist?" „Allerdings, ich habe aber den Musiker und nicht den Juden angestellt." Bei Hofe war L. sehr beliebt und ich habe selbst bei Vorträgen des „Frauenvereins", denen die Großherzogin immer angewohnt hatte, gesehen, wie sie beim Weggehen allen Rednern durch eine Verbeugung gedankt und als Levi einen Vortrag hielt, diesen bat, vom Podium herunterzukommen, und sie unterhielt sich sehr lange mit ihm. Durch Berufung Levis nach München trat er in sehr nahe Beziehungen zum 5lönig Ludwig und Richard Wagner. Für jüdische Angelegenheiten hatte er sich auch noch ein Herz bewahrt und ich besitze ein sehr liebes Schreiben von ihm, das er mir von München aus gesandt hatte, ^aehr interessierte er sich für jüdische Anekdoten und sein Vater erzählte mir, daß er alle „Moschelscher" seinem Hermann schicken müsse. Zum Schlüsse möchte ich noch etwas mitteilen, das uns den braven Sohn einem Glaubensgenossen gegenüber zeigt. Ein Jude in Bayern hatte im Gasthause unfreundliche Bemerkungen, wie sie damals gang und gäbe waren, über König Ludwig, — der später dem Wahnsinn verfallen — gemacht. Am andern Tage ließ ihn der befreundete Amtsrichter kommen und sagte, daß er wegen Majestätsbeleidigung angeklagt sei und er solle sich einen tüchtigen Anwalt nehmen. Trotzdem wurde er zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Um Begnadigung zu erlangen, wandte er sich an einen hessischen Lehrer, der mit Rabbiner Levi, Gießen, befreundet war, damit dieser durch seinen Sohn Schritte tun soll. Levi schrieb seinem Sohne und als der Verurteilte dem Musikdirektor den Brief übergab, nahm er ihn freundlich auf, aber seine Gesichtszüge verdüsterten sich, als er den Inhalt las. Weil mein Vater es wünscht, will ich Ihnen gefällig sein; es kann aber einige Tage dauern, bis ich in der Angelegenheit etwas tun kann. Als der Geheimsekretär Z. dem Könige Vortrac, gehalten hatte, bemerkte er am Ende: „Majestät, ich habe noch etwas vorzutragen. Majestät wissen, wie königstreu die Juden sind. Da hat unlängst N. N. im Rausche etwas unfreundlich über Majestät gesprochen und er wurde zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Es ist ein sonst sehr geachteter Mann und er würde eine große Spende für die Bavaria-Sammlung geben, wenn ihm die Strafe erlassen oder ermäßigt würde." „Wie heißt der Mann?" rief erregt der Könch aus. „N. N." „So, ich kümmere mich nicht um N. N. und er braucht sich nicht um mich zu kümmern. Es bleibt bei der Strafe." Es ginst Levi nahe, dem Wartenden dies Mitteilen zu müssen, weil er dem Unglücklichen gerne helfen und seinem Vater gerne einen Wunsch erfüllen wollte. 3