Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 3 (3.1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9582242-9623183-9620252--0081-9620254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
schaulicher, lebendiger hervortrctcn, bat aber den großen Nachteil, daß die Menschen selbst verblassen: sie werden zu bloßen Schemen, zu Gestalten der Phantasie, die völlig wirklichkeitsfremd, im Guten wie im Bösen, so im Leben niemals zu finden sind. Dementsprechend erscheinen in den Erklärungen unserer Lehrer vielfach die Juden — beispielsweise Mardechai und Esther — fast als Jdealmenschcn, als die Vvllendung alles Guten, denen die Heiden — beispielsweise Haman und die Seinen, sowie Vasthi, die abgesctzte Königin, als vollendete Bösewichte — als der Inbegriff aller Schlechtigkeit gegenübcrstehen. Zwei Beispiele^mögcn das Gesagte illustrieren. Megillah Fol. 10 b heißt es: „R. Samuel b. Nachmatii legte seiner Predigt über das Esthcrbuch folgenden Bibelvcrs zugrunde (Jes. Kap. 55, 13). Statt Dornen wird die Eypresse emporwachscn. Dornen — das bedeutet: statt Haman, des Bösewichts ... die Eypresse — das bedeutet: Mardechai, ... statt der Nesseln — das bedeutet: statt Basthi, der Gottlosen, ... wird die Myrthe emporwachsen — das bedeutet: Esther, die Fromme." An einer anderen Stelle «Megillah 11a) heißt es: Raba legte seiner Predigt über das Estherbuch folgendes Bibelwort zugrunde (Spr. ^al. Kap. 29, 2): „Wenn die Frommen sich mehren, freut sich das Volk, aber wenn ein Bösewicht herrscht, seufzt das Volk." Wenu die Frommen sich mehren ... das sind. Mardechai und Esther, .... aber wenn ein Bösewicht herrscht, das ist Haman ... Es ist nicht zu leugnen, daß solche Betrachtungsweise gerade vom religiösen Standpunkte aus ihre großen Gefahren hat. Wo die Menschen ihre Physiogiwunie verlieren, wo sie, losgelöst von allem wirklichen Leben, uns nur als Typen entgcgentretcn, da ist den niedrigen Instinkten Tür und Tor geöffnet, da besteht die Gefahr, auf der einen Seite zu vergöttern und auf der anderen Seite nur zu verdainmen. Wir haben es ja in der Kriegs- und Nachkriegszeit immer wieder erlebt: Der einzelne Franzose, der einzelne Deutsche wurde vou dem Gegner, wenn er ihn kennen lernte, vielfach mit Achtung, ja Wertschätzung betrachtet, aber der Typ des Fraitzosen, der Typ des Deutschen war cs — vou den Zeitungen ins allgemeine verzerrt — der mit dem grinimigsten Haß verfolgt wurde. Uns Juden geht es so seit Jahrtausenden. Bon dem einzelnen Juden spricht selbst der fanatischste Judenfeind oft mit Anerkennung, aber „der Jude" als Typ ist es, der ihm als die Wurzel alles Nebels in der Welt gilt. Je krisenhafter eine Zeit ist, um so geringer ist int allgemeinen die Widerstandskraft der Menschen derartigen Versuchungen gegenüber. Das Buch Esther ist dafiir besonders lehrreich. Es scheint, als ob dieser Teil der Heiligen Lchrift dem „Volk des Buches" von der Vorsehung geradezu als Buch der Versuchung aus seiner Wanderung durch die Geschichte mitgegeben wäre. Im Gegensatz zu den arideren heiligen Büchern arm an direkten religiösen Lehren, soll das Buch Esther indirekt Israel religiös beeinflussen, soll es den Juden auf die Probe stellen, soll cs erweisen, wie er, der immer wieder Angefeindete, vort allen Völkern Gehetzte, eine Erzählung aufnimmt, die ausnahmsweise einmal nicht rrur von dent Leid, sondern auch von dem ^icge Israels, ausnahmsweise einmal nicht nur von der Ohnmacht, sondern von denr Triumph der Juden zu berichten weiß. Tie sittliche Aufgabe, die die Vorsehung Israel mit dem Estherbuche stellte, war um so größer, als es diese Geschichte fast iminer in Zeiten las, in denen der Gegensatz zwischen der vorübergehenden Epoche des Glückes, von der das Estherbuch berichtet, und der tatsächlichen Lage der Juden besonders groß war. Man begreift die Liebe, mit der die Phantasie des Volks sich gerade mit den Gestalten der Esthergcschichte beschäftigte, begreift es, daß die armen, verfolgten Juden, die zuerst Bedrohten und dann so wunderbar Geretteten, zu Lieblingsgestalten wurden; versieht es, wenn die Gegenspieler der Erzählung, insbesondere Haman, der die Juden zu verderben trachtete, und am Ende in dem eigenen Netz gefangen wurde, als der Judenfeind, von den Geknechteten in den dunkelsten Farben gemalt, gehaßt, und daß sein Fall entsprechend bejubelt wurde, man versieht es, wenn als Niederschlag derartiger Stimmungen sich Aeutzerungen im Talmund finden, von denen wir zwei Proben vorstehend wiedergcgeben haben, man versteht das alles, und doch — inan ist enttäuscht. Denn man fühlt, wenn das die ganze Wirkung des Estherbuches auf das Volk der Religion ist, dann hat es die ihm von der Vorsehung gestellte Probe nicht bestanden. Zum Glück ist das nicht der Fall. In demselben Abschnitt des Talmud, aus dem die obenerwähnten Sätze angeführt wurden, stoßen wir auf andere Stellen, die zeigen, daß man sich der sittlichen Aufgabe, auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wohl bewußt geworden ist. Wiederum seien zwei Stellen herausgegrifsen: Tie eine beweist das Ringen mit dem Problem, die andere die Lösung. Megillah, Fol. 16a, nimmt Bezug auf die Erzählung des Estherbuches, daß Haman auf Befehl des Königs gu dem Juden Mardechai gehen und diesen — auf dem Pferde des Königs reitend — durch die Stadt geleiten soll. In der sich im Talmud häufig findenden Manier der haggadischen Ausschmückung des biblischen Berichtes wird erzählt: „... Haman sprach zu Mardechai: „Steige auf und reite". Tiefer erwiderte: „Ich kann nicht, denn ich bin vom Fasten geschwächt". Ta bückte sich Haman, um 2 beim Aufsieigen zu Helsen, und Mardechai stieg aus; dabei^vcrsctzte er dem Haman einen Fußtritt. Da sprach Haman: „Steht denn nicht in eurer Bibel geschrieben l^pr. Sal. 24, 17): „Wenn dein Feind fällt, sollst du dich uicht freuen?" Da antwortete Mardechai: „Das gilt nur von einem jüdischen Feind; von euch aber heißt es (o. B. M. 33, 29): „Du wirst über ihre Höhen dahinschreitcn." — Diese Stelle ist zwar in ihrem Ergebnis noch völlig unbefriedigend, mit dem Geiste des Propheten, die in bezug auf sittliche Pflichten jedem Menschen gegenüber grundsätzlich keinen Unterschied machten, völlig unvereinbar, aber sw ist doch sehr charakteristisch. Denn hier ist der obenerwähnte Standpunkt, die Personen des Esthcrbuches nnr als Typen zu betrachten, verlassen, hier sind cs lebendige Menschen, die reden itnb handeln, leiden und sündigen, und siehe da, wider Willen des Erzählers sind die Rollen vertauscht: Haman ist der Leidende und Mardechai ist der Sünder geworden. ■— ' Zu wahrhaft sittlicher Höhe aber erhebt sich nachstehende lMegillah 101, überlieferte stelle: 9t. Josua b. Levi legte seiuer Predigt über das Estherbuch folgendes Bibelwort zugrunde (5. B. M. 28, 63): „Wie der Ewige Freude daran hatte, euch Gutes zuteil werdet, zu lassen, so wird er Freude daran haben, euch Böses zuteil werden zu lassen." Freut sich denn der Heilige, gelobt sei er, wirklich über das Unglück der Frevler? Es heißt doch: <2. B. d. Ehr., Kap. 20, 21, wo die Rede ist von einer siegreichen Schlacht der Israeliten über die heidnischen Moalntcn und Ammoniten): Während sie vor den Gewappneten cinherzogen, sprachen sie: „Danket dem Ewigen, denn ewig währet seine Gnade; warum sind denn die Worte: „denn er ijt gütig", ausgelassen? Darauf antwortet R. Jochanan: weil Gott sich nicht über das Unglück der Frevler «in diesern Falle der besiegten und erschlagenen Ammoniten und Moabiten) freut. Und R. Jochanan fügt hinzu: Derselbe Gedanke tritt uns bei der Erzählung vom Untergang der Ägypter im Schilfmeer entgegen. Als die Engel im Himmel den Untergang der Aegypter und die Rettung der Israeliten sahen, wollten sie ein Danklicd anstimmcn, da rief der Heilige, gelobt sei er, ihnen zu: „Die Aegypter, ineiner Hände Werk, versinken im Meer, und ihr wolltet singen?!" — Hier stehen wir wieder auf klassischem Boden der Religion. Die künstlichen Schranken, die vorurteilsvolle Betrachtungsweise aufgerichtet hatte, sind gefallen, gestürzt von dem Glauben an der, einen Gott, der der Vater aller Menschen ist. Daß die rn dieser Talmudstellc von R. Jochanan vertretene Anschauung nicht etwa nur eine gelegentliche ist, sondern daß sie die maßgebende A n sicht des I u d e n t u m s wiedergibt, belveisr u. a. die Tatsache, daß von dem aus dieser Talmudstellc strömenden Geist der Liebe und Gerechtigkeit der Gottesdienst des Judenttuns bis heute beeinflußt wird. Vorn dritten Tage des Pcssachfestes ab werden, nicht wie sonst an Feiertagen, der freudigen Stimmung entsprechend, sämtliche Psalmen des sogen. Hallelgebetes gesprochen, sondern nur ein Teil, uiid zwar mit der ausdrücklichen Begrüiidung, iveil die Vernichtung des Aegyptcrheeres, vor, welcher iins die Thora-Vorlesung des 7. Pcssach-Tages berichtet, Schmerz über diese Tage breitet, das Judeiituin es für eine sittlich-religiöse Pflicht erachtet, iioch heilte iiach Jahrtausciidcii die Freude 311 dämpfen, im Hinblick darauf, daß Menschen dereinst hilflos int Meere versanken. Ter von R. Jochaiiaii gewiesene Weg ist auch voii aiideren Lehrerii eiiigcschlagen worden. Die Betrachtuiigsweise der schcmatischcn Gegenüberstellung: hier die sroininen Juden -- dort die frcvlerischen Heiden, ist verlassen. Statt dessen zeigt sich deutlich das Bestreben, für die gesamten Geschehnisse, voll dcncri das Estherbuch berichtet, den sittlichen H i n t e r g r u ii d auszuzeigen und ihn religiös iiutzbar zu niachen. Mit wahrhaft erfrischender Deutlichkeit wird von unseren Lehrern besonders int Midrasch ausgesprochen, daß ein Haupttcil der Schiild aii der damals den Juden drohenden Katastrophe d i e s e n selb st beizumessen ist, weil die Israeliten ihre Religion vernachlässigten, weil sie die frommen Sitten der Väter mit Füßen traten, weil sie, statt die Orte der religiösen Belehrung uiid Erhebung aufzusuchcn, sich zu den Schaustelluiigeii im Zirkus uiid Theater drängten ... Mit dieser Feststellung der sittlichen Schuld Israels wird aber auch die Gestalt des Haman wesentlich gemildert. Er ist mm nicht mehr der bloße Bösewicht, der iiur aus Schlechtigkeit haiidelt, aus bloßer Rachsucht Israel zu verderben trachtet, sondern er ist im Grunde nur das Werkzeug einer höheren Macht. All die Not, die über Israel hereinbricht, ist von der Vorsehung gesaiidt, Israel zu läutern, die wunderbare Rettung, die ihin zuteil ivird, dient iiur dem Zweck, Israel zu festigeii in der Zuversicht zuTem Einen, der allein helfen kann: Die ganze Erzähluiig ist eine treffcnbc Bestätigung des Bibelwortes, das ein alter Lehrer feiner Predigt über das Estherbuch zugruiide legte lMegillah, Fol. 11a): „Wo wäre eiu großes Volk, dem Gott so nahe ist, ivie der Ewigeuiiser Gott, allemal, da wir ihn anrufen." — Wir werden in diesen Tagen das Estherbuch wieder aufrollen. Vergessen wir nidft, daß es ein Buch der Versuchung ist, zumal in unserer von nationalen und religiösen Spannungen erfüllten x