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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-01-01 · 1 (1.1927) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
1 (1.1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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jüdische öffentliche Meinung bestanden, daß aber um diese Zeit jene verhängnisvolle Spaltung zwischen Ost und West statt hatte: der Osten interessierte sich für die religiöse Frage Chasidismus oder Rabbinismus. Davon wußte der Westen nichts, der sich um ganz andere Probleme bemühte, nämlich, wie viel Judentum nur nötig sei, damit Staatsbürgertum und Religion, ohne sich gegenseitig zu behindern, miteinander vereinigt werden können. Der erste Zionistenkongreß schuf wieder die Brücke zwischen Ost und West, denn ob Zionismus oder Antizionismus, die Frage Palästina schuf wieder die Gemeinsamkeit des Interesses, des ablehnenden oder zustimmendcn, aber immerhin eines Interesses, das Ost und West verband und die Möglichkeit einer einheitlichen Basis der jüdischen öffentlichen Meinung schuf. Groß-Bieberau. Am 14. November beging Herr Lehrer Sulzbacher seinen 60. Geburtstag. In seiner allbekannten Bescheidenheit hatte sich der Jubilar jegliche Feier und Ehrung verbeten. Trotzdem ließen es sich seine Gemeindemitglieder, mit denen Sulzbacher in harmonischer Weise lebt, sowie seine zahlreichen ehemaligen und jetzigen Schüler nicht nehmen, den verehrten Lehrer und Berater durch zahlreiche Geschenke, briefliche, telephonische, telegraphische und persönliche Glückwünsche zu erfreuen. Der Landeslehrerverein, dessen Rechner Sulzbacher ist, entsandte ein Vorstandsmitglied, Herrn Lehrer Kahn, Höchst a. M., nach Groß- Bieberau, um seine Glückwünsche und eine Ehrengabe zu übermitteln. Letztere, die beiden ersten Bände von Dubnow's »Geschichte der Juden" war mit der Widmung versehen: „Dem liebenswürdigen Kollegen und treuen Freunde, dem eifrigen Förderer der Standes- und Vereinsinteressen in dankbarer Anerkennung zum 60. Geburtstage gewidmet vom Israel. Lehrerverein Hessens"; eine Gabe, die dem Jubilar sichtbar große Freude bereitete. Auch der Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens, zu dessen stellvertretenden Oberratsmitgliedern Herr Sulzbacher zählt, sandte ein herzliches Glückwunschtelegramm. Wir wünschen Herrn Sulzbacher auch weiterhin ein glückliches Leben, Gesundheit und Frcude.!rü!P onE/jn ilNÖ NF Tarmstadt. Am Sonntag, den 9. Januar 1927, vormittags 11 Uhr pünktlich, läuft in den Palast-Lichtspielen Tarmstadt, Grafcnstraße 18, der überall mit großem Beifall aufgenommene Kulturfilm „Ein Freitag Abend". Ein Terzett jüdischer Musiker eröffnet die Aufführung durch einen Musikvortrag. Wie wir hören, ist der größte Teil der Karten schon kurz nach Beginn des Verkaufes vergriffen gewesen, doch sind noch eine beschränkte Zahl von Karten vorhanden. Preis JL 2.— und Jl 1.—. Es empfiehlt sich, solche vorauszubestellen, da nur diese eine Vorstellung möglich ist. Das Lokal wird uni 10Vi Uhr geöffnet, und muß die Vorstellung pünktlich beginnen, infolge späterer anderweitiger Inanspruchnahme des Lokales. Vorverkauf der Karten in der Bücherstube Alfred Bodenheimer, Rheinstraße 24, Telephon 2824. Verbände und Vereine. Am Sonntag, den 14. November d. I. fand in Darmstadt die diesjährige ordentliche Landesverbandstagung des^ Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für Hessen und Hessen- Nassau statt. An derselben nahmen 89 Delegierte aus allen Teilen des Freistaats Hessen sowie aus Hessen-Nassau teil; ebenso Vertreter der Gemeinde, der Starkenburgloge, der Verbindung im K. E. „Viadrina", des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten und des Jüdischen Frauenbunds. Von der Berliner Zentrale wohnte Herr Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Zcntralvereins, der Tagung bei, der eingehend in seinem Referat die politische, rechtliche und gesellschaftliche Notlage der deutschen Juden schilderte und Mrtteilungen vertraulicher Art über die von der Zentrale getroffenen uird vorgesehenen Maßrrahmcn machte. Herr Tr, Norbert E i n st e i n , Berlin, sprach über die wirtschaftliche Lage des deutschen Judentums und schilderte die Veränderungen, die im deutschen Wirtschaftsleben im letzten Jahrzehnt cingetreten sind, und die sich ganz besonders zu Ungunsten derjenigen Wirtschaftskreise und Gesellschaftsschichten ausgewirkt haben, denen die deutschen Juden in erster Linie angehören. Er zeigte, daß auch die Aussichten für die Zukunft auf diesem Gebiet recht trübe sind, und wie sehr die völkische Agitation vom „jüdischen Kapitalismus" und vom „jüdischen Reichtum" jeder Grundlage entbehre. Herr Dr. Martin Marx erteilte den Tätigkeitsbericht des Landesverbandes. Er referierte eingehend über die starke antisemitische Welle, die über das besetzte Gebiet im Berichtsjahr hinwegging, und über die erfolgreichen Schutzmaßnahmen des Zentralvereins gegen Bedrohung und Verleumdung. Eine lebhafte, auf hohem Niveau stehende Aussprache schloß sich an, deren Ergebnisse sich im kommenden Arbeitsjahr auswirken werden. Im Zusammenhang mit der Landesverbandstagung fanden in Hessen eine Reihe großer Versammlungen statt. Am 11. November sprach in Darmstadt in einer Kundgebung, wie sie der Zentralverein dort in dieser Stärke noch nie erlebt hatte, Herr Staatsrat a. D. Dr. Cohn, Dessau, über die Sorgen des deutschen Judentums". Die stürmische Zustimmung der Zuhörer zeigte das Verständnis der Darmstädter jüdischen Bevölkerung für die Arbeit des Zentralvereins. In Mainz sprach am 13. November Herr Tr. Norbert E i n st e i n , Berlin über „Die Juden und das Wirtschaftsleben" und brachte den Zuhörern wirtschaftliches Material und wirtschaftliche Zusammenhänge zur Kenntnis, die zur Beurteilung der heutigen Lage außerordentlich vie^ Neues und Wertvolles beitrugen. In Gießen sprach Fräulein Studienrätin Dr. Gertrud K l a u s n e r , Mitglied des preuß. Landtags, und Mitglied des Hauptvorstands des Zentralvereins über das Thema: „Völkerversöhnung — Volksversöhnung". Auch hier verlief die Versammlung außerordentlich gut. Angesichts der Größe des Landesverbandsgebiets fand am 17. November in Kassel eine außerordentliche Landesverbandsversammlung statt, die von 69 Ortsgruppenvertretern besucht war und in der Herr Dr. Alfred Wiener, Berlin, über „Vertrauliches aus der Arbeit des Zentralvereins", Fräulein Studienrätin Tr. Klausner über „Der Fall Haas im Landtag" und der Syndikus für Rheinhessen und Starkenburg, Herr Erwin B a e r, Frankfurt a. M. über die Tätigkeit des Landesverbands referierten. Ein Urteil in der Schächtfrage oder „Völkische Phantasiebilder". Gelnhausen. Der Schlachthofverwalter Lindemann aus Gelnhausen hatte vor einigen Monaten in einem Brief an den „Reichsverband praktischer Tierärzte" behauptet, daß ein von dem Metzgermeister Reis daselbst zum Schächten gefesselt niedergelegtes Jungrind nach dem von dem Lehrer Marx der israelitischen Gemeinde Gelnhausen vorgenommenen Schächtschnitt 8 Minuten lang ausgiebig blutete, plötzlich zum Entsetzen aller Anwesenden seine Fesseln zerriß, sich erhob, in den Schweineschlachtraum lief, wo es einen Ausgang vermutete, dann kehrt machte und in normalem Schritte aus die Ausgangstür zuging, bis es dem Metzgermeister Reis gelang, durch starkes Ziehen am Schwänze das Tier zu Fall zu bringen." CVJ *co M Io » w <-> S—I ^^7 5

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