Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 1 (1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Es würde auch zu weit führen, in diesen Ausführungen die Anbaumöglichkeiten zu erörtern. Es dürfte ja zur Genüge bekannt fein, daß die Hauptstärke der palästiuensischen Landwirtschaft, abgesehen van der van Alters her, wie auch heute noch van den Arabern gepflegten Viehzucht, im Wein-, Orangen-, Bananen- und sonstigen Südfrüchtebau, sowie im Anbau von Blumenkohl und ähnlichen Gemüsearten liegt. Es bedarf hier wohl auch kaum eiuer Erwähnung, daß das Land, trotz seines für unser westeuropäisches Empfinden oft weite Strecken weit wüsten und verwüsteten Aussehens, doch noch weitere Ausbeutemöglichkeiten bietet, von denen ich nur die an verschiedenen Stellen geübte Marmorgewinnung sowie die Salzgewinnung insbesondere aus dem Toten Meer hervorheben möchte. Die Hauptbedeutung der Palästinaaufbauarbeit für uns liegt jedoch wobl in ihrer geistigen Auswirkung. Was jedem an unsere abendländischen Kulturverhältniffe gewöhnten Besucher auffallcn muß, ist eine außerordentliche Genügsamkeit und damit verknüpfte Reinheit der Sitten und des Volkslebens. Wenn schon häufig darüber geschrieben wurde, daß insbesondere in den kommunistischen Siedlungen die Ehe und damit das jüdische Familienleben vollkommen zerstört fei, so muß meines Erachtens, soweit ich dies beobachten konnte und beurteilen kann, dies in das Reich des Märchens verwiesen werden. Auch in den Siedlungen sind ebenso wie in den Städten sämtliche Ehen fast ausschließlich vor dem Rabbiner geschlossen, der dort ja gleichzeitig auch in staatsrechtlichem Sinne die Funktion des Standesbeamten ausübt. Auch vou einer gemeinschaftlichen Kindererziehung kann gar keine Rede sein, wenigstens nicht so, wie dies gemeinhin geschildert wird. Selbstverständlich werden in den Siedlungen die Kinder zumeist tagsüber gemeinschaftlich in Kindergärten oder in der Schule erzogen und unterrichtet, wie überhaupt die Unterbringung der Kinder in den Kindergärten schon im frühesten Alter auch in Städten üblich ist. Es bedarf jedoch keiner Erwähnung, daß auch in den Siedlungen die Eltern sich in ihrer freien Zeit ihren Kindern genau so widmen, wie wir dies hier gewohnt sind. Auffallend ist insbesondere auch in den Städten das Fehlen fast jeglicher Vergnügungsstätten. Es gibt wohl nur in Tel-Aviv ein einziges modern eingerichtetes Hotel, in dem es einen sogenannten 5-Uhr-Tanztee gibt. Dieses Hotel wird jedoch, da es der einzige Betrieb in Tel-Aviv mit arabischer Bedienung ist, von der Bevölkerung ziemlich boykottiert. Bezeichnend ist jedenfalls, daß auch in dem großstädtisch angelegten Tel-Aviv, wie mir von ärztlicher Seite versichert wurde, kein einziger Fall von Geschlechtskrankheiten in diesem Jahre bekannt geworden sei. Es ist wohl richtig, daß die gesamte jüdische Bevölkerung Palästinas fast ausschließlich national eingestellt ist. Dies darf jedoch meines Erachtens nicht mit nationalistisch verwechselt werden. Wenn es auch für den dort Lebenden ein begreifliches Hochgefühl bedeutet, sich in einem Lande zu befinden, das keinen Antisemitismus seiner Natur nach kennen kann, und in dem die Juden nicht nur gesellschaftlich, sondern auch staatsrechtlich eine geachtete, ja führende Stellung cinnehmen, so sind sich die dort lebenden Juden der Kleinheit des Landes, ihrer noch lange nicht gefestigten Stellung und weltpolitischen Unbedeutendheit wohl bewußt. Auch von amtlich führend dort tätigen Zionisten hörte ich, daß inan das ursprüngliche Ziel und Ideal der Errichtung eines jüdischen selbständigen Staates weit revidiert und zurückgestellt hat. Man will nichts, als noch zehn Jahre in der seitherigen Weise dort Weiterarbeiten und sich der arabischen eingeborenen Bevölkerung gegenüber eine gewisse Majorität oder wenigstens doch ein bedeutenderes Verhältnis erringen. Tie Bedeutung dieser Palästinaarbeit für uns liegt auf rein geistigem Gebiet. Es mag sein, daß in manchen großstädtischen Gemeinden wie Berlin, Amsterdam, London und Newyork eine größere Seelenzahl von Juden vereinigt ist, als dies z. Zt. in ganz Palästina der Fall ist oder je der Fall sein kann. Jedenfalls sind nirgends für das gesamte Judentum geistig so gewaltige Möglichkeiten gegeben wie in Palästina. Wenn z. B. Palästina auch Juden sämtlicher religiöser Schattierungen vom vollkommenen Atheisten bis zum strenggläubigen Juden umfaßt, so ist doch durch die Zusammenfassung all dieser heterogenen Elemente auf bewußt jüdischer Grundlage sowie durch die gleichzeitige Erweckung der im wesentlichen sonst nur liturgischen Zwecken dienenden hebräischen Sprache eine ganz andere Möglichkeit zur Neubelebung des religiösen Lebens gegeben als z. B. in den viel ausgedehnteren russischen Siedlungen, m denen das Judentum einer weitgehendsten Rufsifizierung weichen wird. Sodann besteht infolge der einzigartigen Zusammenfassung jüdischen Lebens in sämtlichen Berufsschichten und in mindestens staatsähnlicher Form die Möglichkeit daß Palästina auch nn übrigen ein Kulturzentrum für die in der Diaspora lebende Judcnheit wird, wozu meines Erachtens das dort in den Anfängen begriffene Kunstleben sowie die wissenschaftlichen Institute einen vielversprechenden Ansatz bieten. 4 Nicht nur aus diesen Gründen allein, sondern auch, weil infolge des allgemeinen Interesses die Augen der ganzen Welt z. Zt. auf den Fortgang der Palästinaarbeit gerichtet sind, scheint^ mir das Durchhalten und Gelingen dieser Arbeit eine Prestigefrage der gesamten Judcnheit zu sein, mag man im einzelnen zu den Problemen des Zionismus Stellung nehmen, wie man will. Aus dem Leben unserer Verbandsgemeinden. Tarmstadt. Am 0.Dezemberd.J. fand die diesjährige Generalversammlung der Chewra kadischa der israelitischen Neligionsgemeinde statt. Dr. Ludwig Mayer, der seit der Gründung der erste Vorsitzende der Ehewra war, trat aus beruflichen Gründen von der Leitung zurück; au seiuer Stelle wurde Herr Sigfried Stern gewählt. Die Versammlung dankte dem scheidenden Vorsitzenden dadurch, daß sie ihu einstimmig zum Ehrenvorsitzenden ei nannte. Die beiden anderen Vorstandsmitglieder, Herr Lehrer E. Hauser und Herr Sigmund Salomon wurden wiedergewählt. Es wurde unter anderem die Gründung einer Sterbekasse beschlossen, um den Mitgliedern der Chewra bei einem Stertzefalle in ihrer Familie zu den Beerdigungskosten eine Beihilfe zu leisten. Der angekündigte Vortrag von Rabbiner Dr. Italiener über „Tie jüdisch-liberale Weltkonferenz in London" mußte der vorgerückten Zeit wegen ausfallen. Am 21. Dez. fand das übliche Brudermahl statt, das sehr anregend verlies. Offenbach a. M. Vom geistigen Leben innerhalb der Gemeinde ist mancherlei zu berichten. Ter Jugendverein entfaltet eine rührige Tätigkeit. Außer den ungefähr alle drei Wochen stattfindenden gemcinsamen Freitag-Abend-Feiern und dem vom Herrn Rabbiner geleiteten Bibelkurs bestehen zur Zeit zwei Arbeitsgemeinschaften: ein unter Leitung des Herrn Rechtsanwalt Dr. Goldschmidt arbeitender Kurs über Staatsbürgerkunde, ein unter Leitung des Herrn Studienreferendar Tr. Herz stehende Kurs über moderne Literatur. Ein dritter unter Leitung des Herrn Zahnarzt Tr. Walpe stehender Kurs über Geschichte beginnt in diesen Tagen. Alle Kurse sind gut — von ca. 30 Teilnehmern — besucht. In der Vortragsvereinigung der Gemeinde hält Herr Rabbiner Tr. Dienemann z. Zt. einen Zyklus über „Jüdische Sagen und Legenden". Der Zyklus umfaßt 3 bis 4 Vorträge. Ludwig Hardt rezitierte im großen Saal des israelitischen Gemeindehauses aus „Ost- und westjüdischen Dichtungen" vor einer außergewöhnlich zahlreichen Zuhörerschaft, die feiner erlesenen Vortragskunst mit Aufmerksamkeit folgte. Während der Ehanukkatage herrschte besondere Bewegtheit des Gemeindelebens. Abgesehen von den in der Synagoge abgehaltenen Feiern, veranstaltete der Chanukkaverein wie alljährlich ein großes Kinderfest. Am Sonntag vormittag wurden bedürftige Kinder beschert, die Mittel dazu lieferte eine Sammlung innerhalb der Gemeinde, am Nachmittag wurden die Kinder bewirtet, und Aufführungen, die von Herrn Kantor Gottlieb vorbereitet und geleitet waren, fesselten in 2>-stündigem Beisammensein die versammelten Kinder und Erwachsenen. Ter große Saal des Gemeindehauses erwies sich dabei als zu klein für die Bedürfnisse der Gemeinde. Der Saal mußte vorzeitig geschlossen werden, und viele Einlaßbegehrende mußten unverrichteter Sache heimkehren, so daß die ganze Veranstaltung ein zweites Mal wiederholt werden muß. Bingen. Ter Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Bingen begann seine Winterarbeit mit einem Vortrag von Dr. Ernst Simon, Frankfurt a. M. über das Thema: Die jüdische öffentliche Meinung. Herr Redakteur Simon brachte aus feiner praktischen journalistischen Arbeit ein hohes Maß von Vertrautheit mit dem Material seines Themas mit, und so darf sein Vortrag ohne alle Uebertreibung ein wertvoller Beitrag zur Soziologie des gegenwärtigen Judentums genannt werden. Ein geschichtlicher Ileberblick führte von den Formen der Ausdrucksäußerungen der jüdischen Gemeinschaft im biblischen und talmudischen Zeitalter zur Gegenwart. Solche Ausdrucksäußerungen der Gemeinschaft liegen nicht offen zu Tage, der Historiker muß hier vorsichtig prüfen. Der Prophet im Kerker ist oft der wahrere Repräsentant des Gemeinschaftswillens als der legitime Führer. Diese demütige Hingabe des Propheten muß auch noch heute in jedem Journalisten lebendig sein, der seine Aufgabe als Sprecher der öffentlichen Meinung mit sittlicher Verantwortung erfüllen will. Die Anfechtungen, mit denen er heute zu kämpfen hat, die Abhängigkeit vom Leser, der als Inserent dem Redakteur seinen Willen aufdrückt, die Unmöglichkeit, ohne Anlehnung an politische Gruppen wirtschaftlich bestehen zu können, die notwendige Subjektivität bei der Auswahl des Nachrichtenmaterials, das alles sind Anfechtungen, die der ehrliche Sprecher der öffentlichen Meinung zu überwinden hat. Im Zusammenhang damit wies auch Herr Simon auf dieses so wichtige Faktum hin, daß bis 1750 ungefähr eine einheitliche