Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 1 (1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ebenso deutlich zeigt sich ferner der jüdische Einfluß schon dem äußeren Beschauer in Haifa. An die noch ganz in arabischer Art am Fuße des Karmel gebaute Stadt, deren Ladengeschäfte freilich auch zu einem großen Teil sich jetzt in jüdischen Händen befinden, schließen sich die ausgedehnten Villenviertel aus dem Abhange des Karmel, dem sogenannten Hadar-Hakarinel an, die ausschließlich von Juden bewohnt sind, wie auch die schon teils älteren, schönen Villen auf dem Karmel selbst und ferner westlich am Strande das jüdische Strandvillenviertel Bath-Galun. Auch in Haifa ist der jüdische Einfluß auf geistigem Gebiet' in der großzügig angelegten und ganz modernen technischen Hochschule sowie der mit eiuem Internat verknüpften Realschule zu sehen. (In Tel-Aviv befindet sich übrigens ein Gymnasium). _ Ebenso überwältigend, vielleicht noch stärker als der Eindruck dieser drei Städte ist für den westeuropäischen Besucher der Anblick der in der Landwirtschaft tätigen Juden. Gruppieren sich schon eine Reihe alter Siedlungen um Tel-Aviv und zwischen Tel- Aviv und Jerusalem, so liegt doch offensichtlich der Schwerpunkt der landwirtschaftlichen Siedlungen in der sich von Haifa nach Osten bis znm Jordan erstreckenden Ebene, dem sogenannten Emek Jesreel, sowie den sich nördlich längs des Tiberiassees bis Metula, das bereits in einer Höhe von 1000 Meter liegt und ganz in die syrische Grenze eingeklemmt ist, anschließenden alten und lieuen Siedlungen. Es würde zu weit gehen und den Rahmen dieser Ausführungen überschreiten, wenn ich mich bei der Schilderung einzelner solcher Siedlungen, die ich besuchte, aufhalten wollte. Ein Blick aus eine der neueren Karten Palästinas zeigt deren Größe, Zahl und Namen und zeigt insbesondere, daß, mag auch der bisherige Bodenerwerb im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Mitteln ein außergewöhnlich großer sein, wie insbesondere auch im Verhältilis zu den nach Menschen- und Geldmaterial vorhandenen Bebauungsmöglichkeiten, die Gesamtfläche der in jüdischeui Besitz befindlichen Ländereien in: Verhältnis zu dem arabischen Landbesitz noch recht gering ist. Wenn ich mir erlauben darf, in diesen Ausfiihrungen kllrz zu den sich aufdrängendcn Problemen der Palästinaarbeit auf Grund meiner persönlichen Eindrücke Stellung zu nehmen, so möchte ich, mit der Arabersrage beginnend kurz folgendes sagen: Das Verhältnis zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung schien z. Zt. ein alißerordcntlich gutes zu sein. Von der lleberspannung des nationalistischen Prinzips, daß die Arbeit im Lande, sei sie, wie sie wolle, mit von jüdischen Händen zu besorgen sei, konnnt man sogar in manchen zionistischen Kreisen im Lande nach und nach ab. Zahlreich sicht mau nicht nur in den alten sogenannten Rothschildkolonien arabische Landarbeiter, sondern auch arabische Arbeiter beim Straßenbau beschäftigt. Auch in den Städten sieht man arabische Arbeiter, Schuhputzer, Kutscher, Chauffeure und dergleichen neben den jüdischen, wenngleich man auch den Eindruck hat, daß das Baugewerbe bzw. Bauhandwerk, völlig in jüdischen Händen liegt. Dieses, zur Zeit reibungslose und gute Zusammenleben der arabischen und jüdischen Bevölkerung, das nur an den Feiertagen in dem religiösen Pulverfaß Jerusalem durch aus religiösen Fanatismus zurückzuführende kleine Zwischenfälle gestört wurde, ist ein so gutes, daß, wie mir von verschiedenen dort lebenden Bekannten gesagt wurde, mau in absehbarer Zeit mit jüdisch-arabischen Mischehen zu rechnen habe und sich bereits jetzt Assimilationserscheinungcn der arabischen an die jüdische Bevölkerung bemerkbar machen. Allerdings darf nicht verkannt werden, daß die dort lebende jüdische Bevölkerung sich nicht nur kliinatisch, sondern auch manchen Sitten und Gewohnheiten der arabischen Bevölkerung anpassen niuß, und daß die Kenntnis des Arabischen für den im dortigen Wirtschaftsleben Stehenden gcnatl so unerläßlich ist, wie untgekehrt bereits jetzt die Kenntnis des Hebräischen für den im Wirtschastslebeit stehenden Araber. Zum Berstäitditis des oben atigedetlteten Zahlenverhältnisses muß ttoch berücksichtigt werdeit, daß die atis ca. 100 000 Kopsen bestehende jüdische Bevölkerung fast ausschließlich geistig hochqualifiziert und mit guter Schulbildung versehen ist, während die arabische Bevölkerttttg zum grüßten Teil aus ungebildeten, unorgattisierten und nnorganisierbarcn Analphabeten besteht. Wie bereits erwähnt, besteht zahlenmäßig der Hauptteil der jüdischen Bevölkerung aus der Arbeiterschaft, die wiederum fast ausschließlich sich aus Judeit rtlssischer Herkunft zusammensctzt. scholl das äußere Bild des jüdischen Arbeiters ist gegenüber westeuropäischen Verhältnissen ein Erfreuliches. Handelt cs sich hier doch gleichfalls fast ausschließlich um offensichtlich gebildete Menschen, die auch in der Kleidung (Tcnniskostüm, Sporthemd und N'eiße Hose oder kleidsamer Russenkittcl) einen guten Eindruck machen. Auffallend war das ruhige und disziplinierte Verhalten bei Massenansaminlungcn, insbesondere in den unter freiem Himmel spielenden etwa 600 Personen umfassenden Kinos. Dies ist auf die starke und straffe Arbeiterorganisation zurückzuführen, die offensichtlich nach russischem Muster übernommen worden ist. Errungenschaften dieser Organisation sind der Neunstundentag und die Krankenkasse, die Kupatrolim, die gegenüber den Krankenhäusern der Chadassa einen Anspruch auf Krankenunterstützung gewähren. In großem Maße hat sich die städtische Arbeiterschaft auch um die Entwicklung des Kunstlebens insofern verdient gemacht, als Konzerte und Theater, freilich auch nicht ganz nach unfern westeuropäischen Begriffen, von der Arbeiterschaft ins Leben gerufen worden sind. Bekannt ist ferner auch der genossenschaftliche Zusammenschluß des Bauhandwerks im Solel Boneh. Negativ erscheint die Auswirkung dieser außerordentlich straffen Arbeiterorganisation in der Hauptsache wohl nur insofern, als dieser Organisation verhältnismäßig wenig Kapital gegenüber steht, sie also gewissermaßen einen Schlag ins Wasser bedeutet. Wohl gibt es, abgesehen von einer großen Zahl kleinerer Fabrik- und Handwerksbetriehe in Tel-Aviv einige größere Betriebe, wie die dortige Sylikat-Fabrik, das in Tel-Aviv, Haifa und Liberias befindliche Ruthenberg'fche Elektrizitätswerk, die Oelfabrik Schemen, das Zementwerk Nescher in Haifa sowie eine größere Textilunternehmung in der Nähe Haifas mit ausgedehnterem landwirtschaftlichem Besitz, doch find dies alles noch verhältnismäßig kleinere Ansätze im Gegensatz zu der fertig und einheitlich konstruierten und sich schon dem äußerlichen Beschauer aufdrüngenden Arbeiterorganisation. Ties wird selbstverständlich seitens der Unternehmer als Mißstand empfunden, und ich hörte verschiedentlich Klagen von Unternehmerseite, daß der Arbeiter sich in der Hauptsache als Angestellten seiner Organisation und nicht des Unternehmens fühle und kein Verständnis dafür habe, daß man an die Bewilligung sämtlicher sozialen Forderungen erst denken könne, wenn man sich feine Stellung im Weltmarkt erkämpft hahe und hierzu genügendes Kapital angefammelt habe. Anders liegen wiederum die Verhältnisse der ländlichen^ Arbeiterschaft. Hier ist einerseits zu unterscheiden zwischen den schon vor der jetzigen zionistischen Bewegung gegründeten alten Rothschild-Kolonien, wie z. B. die um Tel-Aviv gelegenen Kolonien Nefziona, Rechoboth, Petah-Tikwah, Rischon le Zion und wie diese Siedlungen sonst alle heißen mögen. Tiefe Siedlungen sind osfcnsichtlich auf privatkapitalistischer Grundlage ins Leben gerufen, man hat die Siedler in die fertigen Häuser hineingesetzt, hat ihnen genügendes Inventar gegeben und läßt sie mit arabischen Kräften arbeiten, damit sie nach und nach das hineingesteckte Geld abarbeiten und abbezahlen können. Diese Siedlungen machen sämtlich einen guten Eindruck, sie sehen, wie z. B. Petah-Tikwah, das ca. 8000 Einwohner hat, oder Metula wie in den Orient verpflanzte polnische Kleinstädte aus und scheinen, mag dies nun länger oder weniger lang gedauert haben, jetzt zu rentieren und ihre Besitzer gut zu ernähren. Ein anderes Bild sieht man bei den, wie ich sie nennen möchte, zionistischen Siedlungen, die in erster Linie auf kommunistischer Grundlage in der Form der sogenannten Kwuzah angelegt sind. Sie machen zum größten Teil den Eindruck eines^ großen Gutsbofs, der jedoch bei manchen, ich erwähne zum Beispiel den Markenhof, noch in Holz und nicht in Steinbauten ausgebaut ist. Ileberall traf ich, soweit ich diese Siedlungen besuchen konnte, auch sie in musterhafter Ordnung, insbesondere, soweit ich dies als Laie beurteilen kann, was den Vieh- und Geflügelbestand anbetrisft. Doch scheint zur Zeit die Rentabilität dieser Kwuzoth noch nicht sehr groß zu sein, was meines Erachtens in der Hauptsache Wohl auf die noch nicht genügende geldliche Unterstützung zurückzuführen ist, was man schon aus der Tatsache sehen kann, daß, wie gesagt, einzelne dieser Siedlungen noch nicht in der Lage sind, ihre Angehörigen in Steinhäusern unterzubringen. Welche Mängel der Organisation bei diesen Siedlungen vorliegen mögen, vermag ich als Laie nicht weiter zu beurteilen. Die diesbezüglichen Ausführungen des bekannten Frankfurter Nationalökonomcn Prof. Tr. Oppenheimer sind ja jüngst durch die Presse gegangen und hinlänglich bekannt. Jedenfalls machten auch die in diesen Siedlungen befindlichen Siedler durchweg einen, zufriedenen und gesundheitlich zufriedenstellenden Eindruck. Mir scheint durch die Tatsache, daß die alten Kolonien sich in blühendem Zustande befinden und rentieren, der Beweis erbracht zu fein, daß es möglich ist, rentable Siedlungen anzulegen, wenn nur das hierzu nötige Kapital investiert und die richtige Organisationsform gefunden wird. Es würde auch über den Rahmen dieser Ausführungen hinaus gehen, wenn ich die verschiedenartigen Formen des kommunistischen oder genossenschaftlichen Zusammenschlusses schildern wollte, die man bei den jüdischen Siedlungen in Palästina antrifft. Offensichtlich ist man daran, nach und nach die rein kommunistische Form der Kwuzah zu überwinden und sich langsam privat-kleinkapitalistischcn Formen zu nähern. Tie letzte Stufe dieser Entwicklung ist der sogcnannte^Mofchav Owdim, d. h. eine Siedlungsform, in der der einzelne Siedler privat für sich wirtschaftet/ zwischen den Siedlern aber ein weitgehender gewofsensch östlicher Zusammenschluß im Ein- und Verkauf, sowie in der Benutzung bzw. Anschaffung der landwirtschaftlichen Maschinen besteht. 3