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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-01-01 · 1 (1.1927) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
1 (1.1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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stehendere, wenn ihm die Alltagsarbeit eine kleine Atempause gestattet, mit der Frage befassen, wann und unter welchen Voraussetzungen am zweckmäßigsten gegeben wird und welche Pflichten dabei die Behörde hinsichtlich der Unterstützung Hilfsbedürftiger zu erfüllen hat. Der in der Fürsorge praktisch Tätige, kann fast täglich beobachten, daß der Außenstehende gerne dazu neigt, in dem Einzelfall, den nur e r ficht, die Schuld an der Ursache der Hilfsbedürftigkeit mehr oder weniger der behördlichen Fürsorge zu geben. Es ist nicht zu leugnen, daß häufig umständliche bürokratische Ermittlungen dazu führen, die Notlage zu verschärfen, ihre Beseitigung dagegen, deren letztes Ziel doch die Fürsorge sein soll, in Frage zu stellen. Immerhin dürfen diese Fälle nicht verallgemeinert werden. Anderseits darf aber auch nicht übersehen werden, daß mitunter eine Prüfung der Verhältnisse nicht zu umgehen ist, wenn vermieden werden soll, daß zwecklos gegeben wird. Denn erfahrungsgemäß ist nur ein planmäßiges Geben geeignet, die Not wirksam zu beheben. Gerade der private Geber glaubt fast immer, daß er sich mit der Hingabe eines Geschenkes an einen Tritten, der ihm hilfsbedürftig erscheint, weil er sich häufig bei ihm zeigt, seiner Pflicht entledigt habe. Dies trifft keineswegs zu. Es ist allerdings nicht immer leicht, fcstzustellen, wann der geeignete Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben ist, ist doch gerade die vorbeugende Fürsorge, die Verhütung, daß vorübergehende Not dauernde wird, einer der wichtigsten Momente, auf die die moderne Fürsorge ihr Hauptaugenmerk richten soll. Dem, der sich nicht tagtäglich mit diesem Gebiet beschäftigt,kann daher-nicht dringend genug empfohlen werden, sich mit dem Problem vertraut zu macheil, und sich darum zu kümmern, welche Pflichten die öffentliche Hand gegenüber seinem hilfsbedürftigen Mitmenschen hat. Die nachstehenden Darlegungen sollen dieser Aufklärung dienen. Der Aufforderung der Schriftlcitung, durch einige belehrende Aufsätze diese Fragell zu erörteril und insbesondere nachzuwcifen, daß die großen Aufgaben der Fürsorge nur mit Hilfe privater Wohltätigkeit und Unterstützung gelöst werden können, komme ich daher gerne nach. Eine eingehende Behandlung des Stoffes, ist selbstverständlich, so wünschenswert fic auch wäre, im Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich. Dies ist auch nicht beabsichtigt. Die Ausführungen sollen vielmehr in erster Linie mit dazu anregcn, brachliegende Kräfte zur planmäßigen und tätigen Mitarbeit'heranzuziehen. Einem späteren Zeitpunkt, sobald die Fürsorgegesetzgebung eine größere Stetigkeit angenommen^ hat, mag es Vorbehalten blpibcn, eingehender zu den aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen. Ter Vollständigkeit wegen erscheint es jedoch zweckmäßig, auch kurz das Gebiet der Erwerbslosenfürsorge zu streifen und in einem weiteren kleillen Aufsatz, die Fürsorge und Wohlfahrt unserer Jugend, ein Thema, das bekanntlich ebenfalls zur Zeit ein großes Allgemeininterefse beansprucht, zu behandeln. Ich hoffe und wünsche, daß die Ausführungen dazu beitragen mögen, dem schwierigen Problem der Fürsorge diejenige Aufmerksamkeit und Anerkennung zuzuwenden, die es tatsächlich verdient. Wenn dadurch der Fürsorgegcdanke in weitere Kreise der Bevölkerung hineingetragen uild vertieft wird, dann war die Arbeit nicht unnütz und ihr Zweck darf als erreicht angesehen werden. Die Palästina-Arbeit. Von Rechtsanwalt Tr. Franz K a l l m a n n , Mainz. Als zweite Abhandlung über die Strömungen im heutigen Judentum folgt hiermit die Darstellung eines Augenzeugen über die „Palästinaarbeit". Die Schriftleitung. Ter Aufforderung des Mitteilungsblattes des Laudesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens, ein Referat über die derzeitige Palästinaarbeit zu erstatten, komme ich gerne nach. Allerdings muß ich gleich darauf aufmerksam machen, daß ich kein Berichterstatter aus einem „der verschiedenen Lager" bin, wie man vielleicht aus der Vorbemerkung der Schriftleitung zu dem Referat von Herrn Rechtsanwalt Dr. Stahl in der 7. Nummer des Mitteilungsblattes vom Dezember 1926 annehmen könnte. Ich gehöre vielmehr, wenn ich mich so ausdrücken darf, überhaupt keinem Laaer an, sondern schöpfe meine Kenntnisse lediglich aus den Eindrücken einer Palästinareise, die ich im September 1926 unternommen habe. Tie Ankündigung der Schriftleitung, daß es sich bei diesen Referaten um die persönliche Meinung der Verfasser handle, trifft also bei mir in ganz erhöhtem Maße zu. Ich habe daher, ob zu Recht oder zu Unrecht mag dahingestellt bleiben, bei nachstehenden Ausführungen keinerlei theoretische Hilfsmittel in Anspruch genommen, sondern möchte das Referat über die derzeitige Palästinaarbeit lediglich in Form eines Reiseberichtes bzw. in der Wiedergabe der Eindrücke erstatten, die sich dem unbefangenen Beobachter aufdrängen, als den ich mich hoffentlich bezeichnen darf. 2 Wenn man von Aegypten kommend über die am Suezkanal liegende Umschlagstation Kantara mit der ganz modern anmutcndcn Bahn nach Jerusalem fährt, hat man zunächst kaum den Eindruck, sich in dem jüdischen Ausbauland zu befinden. Man fährt nach Ileberstehen der englischen Paßkontrolle durch augenscheinlich in der Hauptsache von arabischer Bevölkerung bewohntes Gebiet und wird zunächst nur durch die nochmals un Zug durch jüdische Beamte ausgcführte Paßkontrolle auf den jüdischen Einfluß im Lande aufmerksam gemacht. Auch Jerusalem macht dem flüchtigen Beschauer bei dem ersten Anblick den Eindruck einer überwiegend arabischen Stadt, welcher Eindruck durch einen Gang durch die Altstadt noch verstärkt wird, die mit ihrer typisch orientalischen Prägung ebenso gut in Aegypten wie in Palästina liegen könnte. Bei näherem Zusehen bemerkt man jedoch, wie außerordentlich stark die Palästinaarbeit bereits das äußere Stadtbild, wie auch das Leben in Jerusalem beeinflußt hat. Eine große Anzahl hebräischer Firmenschilder jüdischer Geschäfte zeigt, daß das geschäftliche Leben sich bereits in reichem Maße in jüdischen Händen befindet; ein weiterer Blick belehrt uns, daß rings um Jerusalem ein Ring von jüdischen Villenvierteln entsteht, der Pilzen gleich mit überraschender Geschwindigkeit iu den letzten Jahren aus dem Boden geschossen ist, und der sich in vielleicht nicht allzu ferner Zeit ganz um die seitherige Stadt Jerusalem ziehen wird. Ich denke hierbei insbesondere an die jüdische Beaintenvorstadt Bcth-Hakerem, die, wie mir auf einer Photographie in dem dortigen Gemeindehaus gezeigt wurde, vor zwei Jahren noch ein wüster Steinhaufen war, jetzt aber schon fast vollständig ausgebaut und bis zu gärtnerischen Anlagen angelegt ist. Sie ist durch eine in jüdischen Privathändcn befindliche Autobuslinie mit dem eigentlichen Jerusalem verbunden, wie überhaupt das Vorwiegen des jüdischen Autobus- und Autoverkehrs gegenüber dem arabischen sofort in die Augen fällt. Dies ist um so auffallender, als ja, wie bekannt, die jüdische Bevölkerung zur arabischen Bevölkerung zur Zeit zahlenmäßig im Verhältnis von 160 000 zu 600 000 steht, und auch, wenn ich mich nicht irre, der Anteil der jüdischen Bevölkerung an Jerusalem gegenüber der arabischen oder andersgläubigen ein verhältnismäßig geringer ist. Am Ueberwältigendsten zeigt sich jedoch dieser überraschendejüdische Einfluß auf geistigem Gebiet. Ties nicht nur in den Kunstwerkstätten von Bezalel, deren Erzeugnisse in Jerusalem und im ganzen Lande in geschmackvollen Verkaufsstellen zu haben sind, den in verschiedenen Häusern bereits nahezu 1 Million Bände enthaltenden und alle wissenschaftlichen und sonstigen Gebiete umfassenden Bibliotheksräumen und der landschaftlich schön auf dem Oelberg gelegenen Universität, sondern insbesondere in der hebräischen Sprache, die überall als wahre Umgangssprache gesprochen wird. Es ist mir verschiedentlich vorgekommen, daß ich gerade in Jerusalem mich in deutscher Sprache nach dem Weg erkundigend in hebräischer Sprache Antwort erhielt und den Antwortenden erst durch meinen Hinweis, daß ich ja nur Tourist sei, zur Fortsetzung des Gesprächs in deutscher Sprache bewegen konnte. Dieser Eindruck von dem außerordentlichen Einfluß der jüdischen Ausbautätigkeit auf das Land verstärkt sich selbstverständlich, wenn man sich von Jerusalem aus nach Tel-Aviv begibt, einer Stadt von jetzt ungefähr 50 000 Einwohnern, in der die gesamte Bevölkerung ausschließlich jüdisch ist und Araber überhaupt nicht zu sehen sind. Jeder Stein, der hier steht, jedes Haus ist von jüdischen Händen gebaut, vom einfachsten Schuhputzer bis zum Bürgermeister, vom Kutscher über den Handwerker bis zum Arzt und Polizeipräfekten ist hier alles jüdisch, und es macht wirklich einen uns außergewöhnlich anmutenden Eindruck, wenn man an mancher Straßenecke einen in englischer Polizeiuniform steckenden, in Gardemaß gewachsenen jüdischen Verkehrsschutzmann stehen sieht. Mag man zu dem Problem des vielgescholtcncn Tel-Aviv stehen, wie man will, mag man die Uneinheitlichkeit und Stillosigkeit des Städtebildes verdammen, (das übrigens auf mich einen angenehmen uiid mit einem modernen amerikanischen Seebad vergleichbaren Eindruck machte), mag man sein Mißfallen darüber äußern, daß Tel-Aviv um deswillen nichts Besonderes darstelle, weil hier Juden wiederum in größerer Anzahl städtisch angesiedelt seien, wovon die erdrückende Anzahl kleiricr und kleinster Ladengeschäfte Zeugnis ablegt, so wird sich doch niemaiid dein tiefen Eindruck entziehen können, den diese organisch in sich geschlossene, nur lose mit Jaffa zusammenhängende jüdische Stadt auf den Besucher macht. Auch in Tel-Aviv kommt das geistige Leben nicht zu kurz, wie das hübsche kleine dortige Museum, sowie die landwirtschaftliche Versuchsstation beweisen. Bemerkenswert war die ausfallende Ruhe unb Beherrschtheit der Bevölkerung, die ja doch zum größten Teil aus Arbeitern uild kleinen und Heinften Kaufleuten besteht, während der Zeit meines Tortseins, da zu dieser Zeit die wirtschaftliche Krise wohl so ziemlich auf ihrem Höhepunkt war.

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