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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-12-01 · 7 (12.1926) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
7 (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Die Or g a n i s a t i o n der Konferenz funktionierte dank der Opferfreudigkeit und Gastfreiheit der Londoner liberalen Gemeinde ausgezeichnet. Man bekam beim Eintritt in die Eingangshalle von einer der freiwilligen Helferinnen ein gedrucktes Programm und einen gedruckten Auszug aus den Referaten in die Hand gedrückt. Die Deutschen bekamen die englisch gehaltenen Referate, ins Deutsche überseht, in einem Heft mit grünem Umschlag; die Engländer und Amerikaner bekamen ein entsprechendes Heft in Englisch, in braunem Umschlag, so daß man auch aus diesen Farben die Staatsangehörigkeit ersehen konnte, was übrigens kaum nötig war, da die Physiognomien der Teilnehmer nach Ländern sehr verschieden waren. Wenn die Konferenz eine Konferenz von Rabbinern hieß, so ließ das eigentlich das Bild von alten Männern mit weißen Bärten erwarten. Nichts dergleichen war zu sehen, vielmehr eine Versammlung von Amerikanern — diese beherrschten schon durch ihre Zahl die Versammlung — von Engländern und Deutschen. Diese machten noch am meisten den Eindruck von Rabbinern, wie wir sie uns vorstellen. Die Engländer und Amerikaner hatten durchweg den Typ von Weltmännern, und besonders die Amerikaner stellten alle den wohlbekannten Jankeetyp dar. Die Vertreterin von Indien erschien in ihrer indischen Landestracht (die übrigens in London sehr häufig gesehen wird), und auch im Gesichtsausdruck glich sie den Indiern, die man schon einmal irgendwo gesehen hat. Die Teilnehmer der Konferenz waren also aus der ganzen Welt gekommen, und nur die osteuropäischen Länder waren, da es dort keine „liberale" Bewegung gibt, nicht erschienen. Die Tatsache der Beteiligung der ganzen Welt gab der Konferenz eine Weite, wie sie eben nur bei dieser Zusammensetzung möglich ist. Man muß einmal einen Engländer diesen klangvollen Ausdruck des „AI over the world" haben aussprechen hören, dann weht einen etwas von dieser Weltweite an. Tatsächlich waren ja auch fast alle Führer des jüdischen Liberalismus auf der Konferenz anwesend. Von England vor allem: Montefiore und Miß Montagu. Von Amerika die Führer der verschiedenen Richtungen des Liberalismus, die im folgenden noch erwähnt werden sollen. Von Deutschland u. a. Dr. Dienemann, Pros. Ellbogen, Felix Goldmann, Dr. Italiener, Paula Ollendorf, Dr. ^alzberger, Dr. Seligmann, Sobernheim, Dr. Heinrich Stern (Berlin), Rabbiner Dr. Max Wiener (Berlin) und Woyda. Tie Tagung wurde eingeleitet durch einen F e st go tt e s d i e n st, der in den Sabbathgottesdienst verflochten war. Charakteristsicherweise bestand zuerst der Plan, die Vorträge schon am Samstag vormittag beginnen zu lassen. Dagegen hatte man sich von deutscher Seite aus widersetzt, und sich deshalb aus den Festgottesdienst geeinigt. Dieser fand dann in einer feierlichen, aber extremresormierten Form statt, bei der z. B. auch die Frauen aktiv beteiligt waren, und die Männer meist ohne Kopfbedeckung erschienen. Samstag abend gab es dann einige feierliche Begrüßungsansprachen. Zunächst von dem englischen Führer Montefiore; dann von Rabbiner Seligmann, der mit Nachdruck aus die Pflicht zum Judesein hinwies; schließlich noch von dem Amerikaner Wolsey, der — wie fast alle Amerikaner — ein glänzendes Rednertalent entwickelte. Die 12 Vorträge am Sonntag ,die an den Zuhörer schon mit Rücksicht auf die wechselnde deutsche, englische und französische Sprache hohe Anforderungen stellten, teilten sich in drei Gruppen. Die erste Gruppe behandelte die Wissenschaft von Judentum und Bibel, hatte also streng wissenschaftlichen und theoretischen Charakter. — Rabbiner Schulmann (New- Aork), entwickelte eine jüdisch-liberale Religionsphilosophie, in der der Gedanke ausgesprochen wurde, daß nicht Blut, sondern Ideen einen nationalen Geist schassen. Max Wiener (Berlin) sprach über Glauben an die biblische Offenbarung. Er begründete dabei den Unterschied zwischen dem liberalen und dem orthodoxen Osfenbarungsbegrisf, betonte aber ausdrücklich, daß es uns um die Religion, nicht um die liberale Religion ginge. Der Londoner liberale erste Rabbiner Mattuk beschloß die erste Vortragsgruppe mit einer Betrachtung der Bibel in Gottesdienst und Erziehung, und Zweck aus dem Geist des englischen aufgeklärten Liberalismus mit seiner rationalen Betrachtung der Dinge. Die zweite Gruppe der Referate gab einen Ueberblick über den Stand des Liberalismusin den verschiedenen Ländern. Deutschland wurde durch Dr. Stern vertreten und geschildert. Amerikanischen Liberalismus führte uns Rabbiner M o r g e n st e r n vor Augen. Amerika ist nach diesen Schilderungen in einem dritten Stadium des Liberalismus, und zur Zeit in einer Wende begriffen. Charakteristisch hierfür ist der zur Zeit innerhalb des amerikanischen Liberalismus sich abspielende Kampf zwischen den antizionistischen und zionistischen lieberalen Juden, eine Erscheinung, wie sie in Deutschland im liberalen organisierten Judentum völlig unmöglich wäre. In England scheint —nach dem Referat von Claude Montefiore — der Liberalismus noch in seiner ersten Erscheinungsform weiter zu bestehen, obwohl auch hier neue Ideen sich anmelden, und es ist sicher kein Zufall, daß der zweite Londoner liberale Rabbiner Zionist ist. Die dritte Gruppe der Vorträge behandelte die Praxis des liberalen Judentums in der Gegenwart. Leo B a e ck, der am Erscheinen verhindert war, hatte sein Referat schriftlich vorgelegt, so daß es verlesen werden konnte. Es gab eine großangelegte philosophische Grundlage des liberalen Judentums. Zwei amerikanische Rabbiner gaben dann noch Einzelheiten zu den Themen: „Wert der Zeremonien" und „Judentum im Haus und Privatleben". Der Montag vormittag war durch die D i s k u s s i o n ausgefüllt, die das Bild des Liberalismus, wie er sich in den verschiedenen Ländern auswirkt, erst mit den Farben der Wirklichkeit und des Lebens ausmalte. Vielfach wurden die entgegengesetztesten Ansichten laut, insbesondere zum Thema: „Geist und Körper des Judentums". Hier sielen die Redner in deutlich sichtbare Parteien auseinander, die aber interessanterweise nicht nach Ländern, sondern eher nach Alter geschieden waren. Nachdem bereits der junge und kluge Rabbiner Felix Levy aus Chicago die blutsmäßige Verbundenheit aller Juden betont und der junge Londoner Rabbiner Perlzweig ein offenes Bekenntnis zum Zionismus abgelegt hatte, provozierte der Newyorker Rabbiner Stesen Wise (sprich: Weiß!) die Stellungnahme der Konferenz zum Zionismus mit den zwei Fragen: Wie stellt sich die Konferenz zur Frage des Zionismus? und: Duldet die Konferenz Zionisten in ihren Reihen? Die Rede von Wise war entschieden der dramatische Höhepunkt der gesamten Tagung. Wise, der eine imposante große Erscheinung mit mächtigem, interessantem Kops ist, ist zugleich ein Redner von hinreißendem Temperament. Er steigerte sich im Reden in eine Begeisterung, die faszinierend wirkte. Und man war auch dann begeistert, wenn inan seine, von innerer Ueberzeugung getragenen Ansichten nicht teilen konnte. — Mit der Frage von Wise, die aus der Ueberzeugung kam, daß der Zionismus aus der Konferenz totgeschwiegen würde, meldete sich die eine, starke Partei des amerikanischen Liberalismus, die zionistisch gerichtet ist. Offenbar war man auf die Frage gefaßt; denn sofort antwortete der Londoner Rabbiner Mattuk, der gerade den Vorsitz führte: Die Konferenz nimmt keine offizielle Stellung zur Frage des Zionismus; sie läßt jedem einzelnen freie Hand, seine Stellung nach freiem Belieben einzurichten. Mit diesen klaren Sätzen wurde dieses Thema zur Seite gestellt. Ob für immer, darf man füglich bezweifeln, zumal im Verlaufe der weiteren Diskussion noch von den verschiedenen Zionistengegnern, (Montefiore und Schulmann) der scharfe Gegensatz zum Zionismus herausgekehrt wurde. Den Abschluß der Konferenz bildete die Gründung des Weltverbandess ür liberales Judentu m. Stach einer langen, sprachphilosophisch interessanten Debatte über den Namen der Vereinigung, in der man sich um den Sinit der Worte „liberal", „fortschrittlich" und „tnodern" stritt, einigte man sich aus den Ausdruck: Fortschrittliches Judentum, das aber durch eine erläuternde Fußnote dem „Liberalen", Modernen" und „Reform- Judentuni" ausdrücklich gleichgesetzt wurde. Eiue Botschaft, die an die religiöse Sendung des prophetischen Judentums erinnerte, wurde ebenso wie die kurze Satzung des Verbandes ohne weitere -kßß:*!:! V.t'r . BPT3 5

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