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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-12-01 · 7 (12.1926) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
7 (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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und talmudischer Texte, für die Bestimmung der Sitte und des Religionsgesetzes nachgewiesen und gezeigt, wie aus den Werken der großen Lehrer auch Ansklärung über geschichtliche Vorgänge zu gewinnen ist. Die Anregung, dieses bedeutungsvolle Gebiet jüdischer Geschichte in den Tätigkeitsbereich des neugegründeten Rabbinervcrbandes einzubezichen und insbesondere Leben und Werk des langjährigen Mainzer Rabbiners Maharil, dessen 500. Todestag uns das Jahr 1927 bringt, zum Gegenstand der Bearbeitung zu machen, sand, wie der Vortrag selbst, den ungeteilten Beisall der Kollegen. Zu der Versammlung waren 25 Rabbiner, darunter 9 mit ibren Frauen erschienen, 42 Herren haben ihren Beitritt erklärt, 7 haben ihr Fernbleiben von der Versammlung mit amtlicher Verhinderung entschuldigt. Zum Vorsitzenden sür ein Jahr wurde Seligmann, Frankfurt, zum Schristführer Friedmann, Frankfurt, gewählt. Die nächste Versammlung soll in Baden, voraussichtlich in Mannheim, stattsinden. Wie haben die deutschen Juden im Mittelalter ausgesehen? Die darstellende Kunst war bei den Juden uw sonderlich geübt. Die Auswirkung religionsgesetzlicher Vorschriften hat diese Tatsache mit bestimmt. Plastische Darstellungen, sie seien gegossen, gemciselt oder geschnitzt, konnten nur von solchen Objekten und solcher Weise hergestellt werden, daß sie die Verwendung oder Verdächtigung als Götzenbilder ansschlossen. Dadurch waren enge Grenzen gezogen. Aber auch Gemälde und Zeichnungen von nicht-jüdischer Hand sind uns aus früheren Jahrhunderten nur spärlich erhalten; infolgedessen besitzen wir nur wenige Judenbildnisse, welche uns Auskunft geben könnten über körperliche Beschaffenheit, Gesichtsschnitt, Gehabe und Kleidung unserer Vorfahren. Besonders aus dem Mittelalter sind Bildberichte selten, während um die beginnende Neuzeit, also nach 1450, Bildnisdarstellungen der Juden häufiger zu finden sind. Bekannt ist, daß beispielsweise der Maler Rembrandt in der Zeit seines Aufenthaltes im Amsterdamer Judenviertel und seines Verkehrs in jüdischen Kreisen zahlreiche Porträts von Juden und Szenen aus dem jüdischen Leben geschafsen hat; auch Holzschnitte und Stiche bedeutender jüdischer Gelehrter sind in der Folgezeit, im 17. und 18. Jahrhundert entstanden. Die ältesten Judenbildnisse des Mittelalters sind uns in den Miniaturen, welche als Illustrationen zu Handschriften gefertigt waren, erhalteit. Erinnert fei tiur an die Pessach-Hagadah-Handfchrift aus dem 13. Jahrhundert und die Machsor-Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, im Besitz der Stadtbibliothek zu Hamburg, oder an die Miniaturen in der Chronik des Ulrich von Reichenthal, welche uns Bilder der Juden aus der Zeit des Konzils zu Konstanz erhalteit hat. Ciiie sehr beachtenswerte Abbilduitg eines Juden (des Minnesängers Sützkind von Trimberg) enthält die berühmte Manessische Liederhandschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek, welche aus deiii 14. Jahrhundert stammt. Die Zahl dieser illustrierten Werke, welche für unsere Frage von Bedeutung sind, läßt sich mit Leichtigkeit vermehren. Zweifellos aber kann für unsere Kenntnis des Aussehens und des Gehabes der mittelalterlichen Juden noch viel bisher uiibeachtetes Material aus Bildwerken beigebracht werden. Wir wollen iiur darauf Hinweisen, daß die Darstellungen des jüngsten Gerichts, wie sie sich in Stein oder Holz verarbeitet oder auf Altarbilderu gemalt in zahlreichen Kirch enfiiiden, uiiter den Verdammten fast m jedem Falle auch Jiidentypen aufweisen. Eiiie solche Darstellung befinbet sich im Kreuzgang des Mainzer Domes und über dem Portal des Münsters zu Bern, die letztere aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts, die erstere wohl aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. (In Bern steht auch ein Moses- und ein Simsonbrunnen, die in diesem Zusammenhang Beachtung verdienen.) Im Baseler Historischen Museum sind einige Gobelindarstellungen biblischer Gestalten in mittelalterlicher Tracht zu sehen. Ganz besoridere Beachtung verdienen aber die mittelalterlichen christlichen Gemälde, welche die Beschneidungsfeier oder die Tempelpredigten des Begründers der christlichen Religion darstellen. Fast immer haben die Maler bei diesen Bildern Typen jüdischer Zeitgenossen benützt, wie ja auch Rembrandt und viele Niederländer biblische Szenen in niederländische Landschaften gerückt und biblifche Gestalten in die Tracht des 17. Jahrhunderts gekleidet haben. Im Sommer 1925 fand hier in Mainz eine Ausstellung alter Kunst statt, welche besonders aus Privatbesitz beschickt war und die alte Kunst am Rhein zeigte. Unter den Gemälden befand sich auch ein Bild aus der Hand eines mittelrheinischen Meisters aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Gegenstand des Gemäldes 4 ist die Tempelpredigt. Im Vordergrund sitzen als kritische Zuhörer fünf Juden, welche zweifellos vom Künstler nach der „Natur" gemalt sind. Eine Teilreproduktion des Bildes mag unseren Hinweis veranschaulichen: In Privatsammlungen und Museen, in Stadt- und Torskirchen ist gewiß noch manches Gegenstück zu finden. Wir halten es im Interesse der Kenntnis der Lebensgestaltung unserer mittelalterlichen Vorfahren für wichtig, derartige Darstellungen zu verzeichnen und unsere zuständigen Stellen zwecks Bearbeitung daraus aufmerksam zu machen. Derartige Meldungen nimmt unsere Schristleitung gern entgegen. S. Levi, Mainz. Die Londoner Konferenz liberaler Juden. 10. bis 12. Juli 1926. Von Rechtsanwalt Dr. Rudolf Stahl, Bad-Nauheim. Die verschiedenen Strömungen des heutigen Judentums sind in außerordentlich lebendigem Fluß. Um unseren Lesern einen Ueberblick über diese Vorgänge bei den verschiedenen Richtungen des gegenwärtigen Judentums zu verschaffen, wollen wir in der nächsten Zeit, in unserem „Mitteilungsblatt" Berichterstatter aus den verschiedenen Lagern zu Worte kommen lassen. Wir betonen ausdrücklich, daß die Berichterstatter lediglich ihre persönliche Meinung zum Ausdruck bringen und daß wir uns mit den Ausführungen weder indentificieren noch eine Verantwortung für ihre Stellungnahme tragen. Wir geben heute einen Zeugen der liberalen Konferenz in London, an welcher dieser Referent privatim teilnahm, das Wort und beabsichtigen, in den nächsten Nummern auch über die Arbeit der konservativen Richtungen im heutigen Judentum und über den Stand des Zionismus beberichten zu lassen. Die Schriftleitung. Der Plan zu dieser Konferenz, der ersten W e l t konferenz liberaler Juden, geht schon in die Vorkriegsjahre zurück. Jni November 1914 sollte die Konferenz in Deutschland stattfinden; nun tagte sie 12 Jahre später in London, da der damalige Plan durch den Krieg zerschlagen wurde. Die Versammlungen in London tagten in der liberalen Synagoge in der St. John's Wood Road, mitten im belebtesten Teile der weiteren Stadt, gerade gegenüber dem „Lord-Criket-Ground". Hier, auf dem feudalen, unüberfehbaren Grasplatz, fanden gerade an dem Tage der Eröffnung der Konferenz die historifchen Criket- Wettspiele zwischen den beiden großen englischen Acistokraten- Ghmnasien Eton und Herrow statt, und es wimmelte von Zylinderhüten und schwarzen Anzügen, Automobilen und Autobuswagen. Mitten in dieser modernen Umgebung, die gleichsam stets an die Zeitlichkeit erinnert, erhebt sich der einfache Bau der Synagoge, die in ihrem zeitlos gedachten Stil stark an einen griechischen Tempel erinnert. Das Innere des Baus ist ebenfalls schlicht, angenehm in den Proportionen, aber in der Schmuck- und Farblosigkeit etwas zu puritanisch und kühl anmutend. Der einzige Schmuck ist die breite Holzwand, in die der Thoraschreiii eingebaut ist, über dem der in Hebräisch geschriebene Psalmvers anfsällt: Dienet dem Herrn iii Freude.

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