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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-12-01 · 7 (12.1926) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
7 (12.1926)
Date
1926-12-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Aufgabe und unser Religionsgesetz vor einer drohenden Gefahr stehen. Der Münchener Tierschutzverein hat das zweifelhafte Verdienst, die Schächtfrage in unseren Tagen als Angriff gegen eine judisch-religionsgesetzliche Institution wieder aufgerollt'zu haben. Der bayerische Landtag hat eine Eingabe dieses Münchener Tierschutzvereins^ gutgeheißcn, welche verlangt, daß künftig durch gesetzliche Vorschrift allen Schlachttieren ohne Unterschied die Wohltat der schmerzlosen Betäubung vor der Blutentziehung — möglichst unter Verwendung mechanisch wirkender Geräte <Schußbolzen usw.) —■ zuteil werden möge. Die Anwendung dieses Beschlusses käme Wohl auf eine Unmöglichkeit des rituellen Schächtens hinaus. Wenn bis jetzt das Schächten ohne vorherige Betäubung auf Grund des Beschlusses des Landtages in Bayern noch nicht unmöglich gemacht wurde, so ist dies nur der Tatsache zu verdanken, daß es zweifelhaft ist, ob ein derartiges direktes oder indirektes Schächtverbot zu den Rechten eines Landes gehört oder ob nicht vielmehr dazu eine gesetzliche Bestimmung des Reiches erforderlich ist. Man täusche sich aber nicht über die Größe der Gefahr, die hier vorliegt. Immer weitere Kreise werden in diesen Kampf gegen das rituelle Schächten hineingezogen. Im Novemberhcft der in Darmstadt erscheinenden „Allgemeinen Tierschutz-Zeitschrift" findet sich ein Artikel unter dem Titel: „Ist das Schächten eine Tierquälerei?" In diesem Artikel wird außerordentlich scharf gegen das Schächten Stellung genommen. Die Erklärung wird da teilweise gebracht, welche der „Reichsverband praktischer Tierärzte" zur Schächtfrage abgegeben hat, und die ungefähr folgendes besagt: Fast alle deutschen Tierärzte halten heute das rituelle Schächten für ein tierquälerisches Schlachtverfahren. Wenn früher tierärztliche Stimmen es verteidigten, so stammt das aus einer Zeit, in der auch noch andere grausame Schlachtverfahren, wie der Genickstich und mangelhafte Schlagwerkzeuge zur Anwendung kamen. Heute aber wird in weitestem Umfange die Schutzbetäubung angewandt, durch welche die Tiere ohne Fefselung, ohne Niederwerfcn, ohne daß sie etwas ahnen und sich ängstigen, blitzschnell, sicher und schinerzlos betäubt werden, ohne irgendwelche gesundheitliche oder gewerbliche Nachteile und ohne Gefahr für die beim Schlachten tätigen Menschen. In seiner diesjährigen Hauptversammlung am 6. Juni in Düsseldorf hat der „Reichsverband praktischer Tierärzte" aus Anlaß der bevorstehenden Beschlußfassung des bayerischen Landtages die Erklärung von 1910 ausdrücklich und einstimmig mit Zustimmung der jüdischen Teilnehmer der Hauptversammlung erneuert. Wenn die berufenste Vertretung ein so eindeutiges Urteil abgibt, daiin kanil ein Zweifel darüber, daß das rituelle Schächten eine in unserem Zeitalter unerträgliche Tierquälerei ist, iiicht mehr bestehen .... Der „Reichsverband praktischer Tierärzte" steht geschlossen hinter dem Verlangen des „Münchener Tierschutzvereiiis,, und des Bayerischcii Laridtages usw. Die Stellungnahme des „Reichsverbaiides praktischer Tierärzte" wird noch belegt durch Anführung von Fällen, in welcheii beim Schächten Tierquälerei vorgekommen sei. Die Nachprüfung dieser genannten Fälle hat aber ergeben, daß sie entweder erfundeii oder entstellt sind. Trotzdem bauen die Schächtgegner auf diesen „Fällen" ein ganzes Gebäude von Schächtgegnerschaft auf. Man glaubt fein menschliches Empfinden und tierschützlerische Fürsorge beweisen zu sollen, indem man einer Gemeinschaft wie den Juden, die doch von Alters her jeder Tierquälerei vorgebeugt haben und entgegengetreten sind, die Erfüllung einer religwnsgesetzlichen Vorschrift unmöglich machen will; dabei wäre doch ein viel näher liegendes Betätigungsfeld des Tierschutzes und des menschlichen Empfindens im Kampfe gegen die sportlichen Tierhetzen, wie Jagden, Stierkämpfe usw. gegeben. Ern südrvestdeutscher Rabbinerverband Auf verschiedenen Konferenzen wurde der Wunsch geäußert, daß sich die süddeutschen Rabbiner zu einem Provinzialverbmid, der einen Teil des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland bilden soll, zusammenschlietzen mögen. So trat am 7. November die konstituierende Versammlung in Frankfurt zusammen. Seligmann, Frankfurt, wies in seiner Begrüßung darauf hin, daß kaum ein anderer Beruf so sehr zur Isoliertheit verurteilt sei, wie der des Rabbiners. Darum sei ein Zusammenschlußeine innere Notwendigkeit. Vor Eintritt in die Tagesordnung fragt Wreschner, Bad Homburg an, ob dieser Provinzialverband auf dem Boden jenes 8 10 des Allgemeinen Rabbinerverbandes stehe, der cs den konservativen Kollegen ermögliche, sich ohne Gewissensbedenken anzuschließcn. Der Vorsitzende antwortet, daß dies eine Selbstverständlichkeit sein müsse; er hoffe aber, daß nicht bloß ein Satzungsparagraph, sondern der Gemeinschaftswille und der Herzenstakt die Brücke zwischen allen schlagen werde. Von dieser Erklärung nahm der Anfragende mit Befriedigung Kenntnis. Hierauf folgten drei Vorträge, deren erster von Rabbiner Dr. Schlesinger, Buchau über das „Problem der Säkularisierung des Judentums" handelte. Hat das moderne Judentum als Religion oder als religiöses Volkstum zu gelten? Trotzdem die Tatsachen die zweite Auffassung nahezulegen scheinen, liegt in Wahrheit nicht Verweltlichung, sondern Erweiterung des allmählich zu bloßer Religiösität verengten Judentums vor, die das historische Wesen des Judentums, die jüdische Rcligioil (inr Gegensatz zu bloßer Religiosität), die Totalität des Judentums unter der B'rithidee und B'rithverfassung überhaupt erst wieder wirklich werden läßt. Darum ist die moderne Erweiterung des Judeiituins und jede entsprechende Bestrebuiig, vor alleiil der Palästinaaufbau zu fördern, unter Geltendinachiiiig feines historischen Wesens, was der Idee einer kontinuierlichen Entwicklung der B'rithverfassuiig nicht widerspricht. Der Vortrag fand allgeineinen großen Beifall uiid erregte dgs Verlaiigeii, ihii bald gedruckt gn sehen. Auch die Diskussion ergab fruchtbare Anreguiigen. Der zweite Vortrag wurde von Rabbiner Tr. I. Horovitz über Josiph Omez gehalten. Das Buch und sein Verfasser war -weiten Kreisen seit langein bekannt als der klassische Ueberlieferer des Frankfurter Minhag, insbesoiidere durch die „Fraiikfurter Rabbinen", von M. Horovitz. Ter Rediier erweiterte dieses Bild auf Grund eiiier Handschrift, die er herauszugeben beabsichtigt, nnb zeigt, wie Joseph Hahn zum Schriftsteller wurde dadurch, daß er zunächst eirren Auszug aus dcrii kabbalistisch-ethischen Werke „Reschith Chochmo" den sein Vater begonnen hatte, vollendete. Die Richtung dieses Buches bestimmte seine ganze weitere Tätigkeit. Er scharte 18 junge Leute zu einer Art Tugendbund nur sich. Ter Einfluß des kabbalistischen Kreises von Safed ist nicht zu verkennen, obwohl Hahn von Haus aus kein Kabbalist war. Bestimmend wurde ein Sendbote, der von Safed aus auch in Frankfurt a. M. war. Briefliche Verbindung mit den Gelehrten des Heiligen Landes bestärken diesen Einfluß. So ward der Boden für die sabbathianische Bewegung vorbereitet, die später nach Frankfurt Übergriff. Doch ist es im wesentlichen der ethisch-religiöse Gehalt der Kabbala, den Hahn mit dem überlieferten Wissensgut in seiner Persönlichkeit vermählt. Neue Minhagim lehnt er inr allgemeinen ab — außer den 6 Psalmen, die entsprechend den 6 Wochentagen zum Eingang des Sabbat rezitiert werden, sowie dem Lecho dodi, das er in bedirrgtern Sinne zuläßt und das bei ihm zunr erstenmal in der jüdischen Literatur Erwähnung firrdet. Als Grüuder bedeutsamer sozialer Institutionen, als Prediger und als Vertrauensmann aller hat er sich in den aufgeregten Zeiten der großen Rabbiner-Versammlung vom Jahre 1603, des Fettmilch'schen Aufstandes und während des 30jährigen Krieges unvergängliche Verdienste um die Frankfurter Gemeinde erworben. Viele feiner Forderungen z. B. die, Wanderlehrer auf das flache Land zu schicken, sind leider heute noch aktuell. Der gedruckte Josiph Omez, der etwa 100 Jahre nach dem Tode des Verfassers erschien, wiminelt von sinnstörcnden Druckfehlern. Die Handschrift ergänzt unseren Text in bedeutsamer Weise und zeigt u. a. Joseph Hahn, den Apologeten, der auf Reisen Nichtjuden gegenüber die Wahrheiten des Judentum-s darlegt, kraft seiner Vertrautheit mit dem jüdischen Schrifttum und den Urschriften des Christentums. Joseph Hahn meint, Kenntnis der Evangelien gehöre zur Erfülluug des Wortes: „Wisse was du zu erwidern hast." Diese ebenso gelehrten wie interessanten Ausführungen wurden mit dem lebhaftesten Beifall ausgenommen. In einem dritten Vortrag, der sich mit der Frühgeschichte der deutschen Juden beschäftigte, behandelte Rabbiner Dr. S. Levi, Mainz, das Thema: „Die alten jüdischen Grabsteine in Mainz als Dokumente rabbinischer Autoritäten." Nach einer Darstellung der Geschichte der alten Grabsteine und des unter dem Namen „Judcnsand" bekannten ältesten jüdischen Friedhofs legte der Referent die Bedeutung der großen Mainzer Meister dar, welche von der Uebersiedelnng des Kallonimos von Lucca nach Mainz an bis zur ersten Vernichtung der Gemeinde im Jahre 1096 in Mainz gewirkt und das geistige Leben bestimmend beeinflußt haben. Wenn auch manche Grabsteine noch fehlen, so ist doch durch die des Meschullam ben Kallonimos, des Simon ben Jsak bar Abbun, des Rabbenu Gerschom bar Jehuda, des Jakob bar Jakar und des Jakob bar Menachem ein Dokumentenmaterial gegeben, das zu einer anschaulichen und fesselnden Schilderung der Vor-Kreuzzugszeit ausreicht. Unter Heranziehung von Quellen aus Raschi's Kommentaren, aus den Tosaphot, aus der Gutachten-Literatur, aus Selichoth und Kinnoth wurde die Bedeutung dieser Lehrer für Exegese, Massora, Lexikographie und Kommentierung biblischer 3

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