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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-11-01 · 6 (11.1926) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
6 (11.1926)
Date
1926-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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daß lediglich mit Rücksicht auf die ungünstigen Vermögensverhältnisse eine noch höhere Strafe unterblieben sei, und'daß die Bezeichnung „Jude" neben dem Namen in dem Zusammenhang, in der sie gebraucht worden sei, nicht die Feststellung über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion enthalte, sondern nichts anderes bedeuten könne als die Absicht, den so bezeichneten „einer niedrigsten und unvaterländischen Gesinnung zu bezichtigen". 3. Der nationalsozialistische Wanderredner Haselmayer in Frankfurt, der Schriftleiter der daselbst erscheinenden, aber zurzeit aus 6 Monate verbotenen „Freiheitssahne" hatte in Hungen (Oberhessen) in einer öffentlichen Versammlung eine wüste Hetzrede gegen die Juden vom Stapel gelassen, dabei die Negierung als „einen internationalen Saustall" bezeichnet und geäußert: „Es werde nicht eher wieder Ruhe eintreten im Volk, bis die Hakenkreuzfahne von den Zinnen des Berliner Schlosses wehe, die Judenfrage werde nur aus den Barrikaden entschieden." Haselmayer hatte sich deshalb vor dem großen Schöffengericht in Gießen zu verantworten und wurde wegen eines Vergehens gegen § 8 Ziff. 1 des Gesetzes zum Schutze der Republik in Tateinheit mit einem Vergehender Aufreizung zum Klassenhaß aus8130StGB, zu einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten und zu den Kosten verurteilt. — Ausdrücklich hob der Vorsitzende bei der Verhandlung hervor, daß die vom Gesetz zugelassene Verurteilung zu einer Geldstrafe nicht in Frage komme, weil die Angriffe und Bezichtigungen in sehr gewöhnlicher Form erfolgt seien. Ueber die vornehme Art des Herrn Haselmayer können sich unsere Leser einen Begriff machen, wenn wir ihnen einstweilen mitteilen, daß er in einer der letzten Nummern seines Blättchens „jeden C.-V.-Juden als einen großen Misthaufen an Charakterlosigkeit" bezeichnet hat. Hierüber werden unsere Leser wohl in der nächsten Zeit noch näheres hören. Verbände und Vereine. Mainz. Die Zentralwohlfahrtsstelle der israelitischen Religionsgemeinde in Mainz wird Sonntag, den 2t. November, vormittags 11 Uhr, in den „Schillerlichtspielen", Stadionerhofstraße 3, den Wohlfahrtsfilm „Ein Freitag-Abend" zur Aufführung bringen. Zu dieser Veranstaltung ladet sie alle Mitglieder der rsraelitischen Religionsgemeinde Mainz und die israelitischen Gemeinden der Nachbarschaft freundlichst ein. Tie Eintrittspreise bewegen sich in mäßigen Grenzen, so daß selbst Jugendliche diesen sehenswerten Film werden besuchen können. Dieser Film, der erstmalig auf der „Gesolei" in Düsseldorf gezeigt wurde, ist inzwischen in einer Reihe jüdischer Gemeinden mit größtem Erfolge aufgenihrt worden und hat tiberall aufrichtige Bewunderung ausgelöst. In großen Zügen zeigt er das segensreiche Wirken der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland und sucht in weiten jüdischen Kreisen warmes Interesse für dieses Betätigungsgebiet zu erwecken. Es kaiin deshalb driiigend empfohlen werden, sich dieseii beachtenswerten und belehrenden Film unbedingt anzusehen. Der Landesverband Hessen-Nassau und Hessen des Zcntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bittet uns mitzuteilen, daß die Landesverbandsvcrsammlung 1920 am Sonntag, den 14. November d. I., nachmittags 2 Uhr, in Tarmstadt (Hotel „Stadt Frankfurt, Bleichstraße 22) stattsinden wird. Die Tagesordiiung sieht Referate von: Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Zentralvereins, Dr. Norbert Einsteiii, Berlin urid Dr. Martin Marx, dem Syiidikus des Laiidesverbaiides, vor. , Herr Dr. Holländer wird außerdem mit Herrn Dr.stLinstein am Donnerstag, den 11. November d. I. in Tarmstadt (Saal des Musikvcreins, Steinstraße 24), in einer Mitgliederversammlung sprechen; Herr Dr. Norbert Einstein allein am Samstag, den 13. November d. I. im Saale des Israelitischen Gemeindehauses, Hiudenburgstraße 44, in Maiiiz irr einer Versammlung der Ortsgruppe Mainz über: „Die wirtschaftliche Lage des deutschen Judentunls" ein Referat halten. Nähere Eiiiladiingcn gehen den Ortsgruppen und Gemeindemitgliedern noch zu. „Tie Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" teilt uus mit, daß vor mehreren Monaten in Düsseldorf aiiläßlich der Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle in der Vorstandssitzung uiid Mitgliederversammlung beschlossen wurde, grundlegende Acnderungen der Satzungen vorzunehmen. Der provisorische Vorstaiid der Zentralwohlfahrtsstelle beschäftigt sich schon seit einigen Wochen mit den Vorbereitungen für den neuen Satzungsentwurf, welche unmittelbar vor dem'Abschluß stehen. Der Entwurf wird in aller Kürze den Gemeinden und Organisationen zugestellt werden, damit die in Aussicht genommene Mitgliederversammlung, welche die Entscheidung über den Satzungsentwurf hat, bald zusainincntreten kann, | Jugendecke Die Thorah spricht die Sprache des Volkes! Mimisrach schemcsch ad mwoau m’hullol sc.hem haschem! Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang wird Gottes Name gepriesen! — „Sonne, stehe still in Gibeon und Mond im Tale Ajalon!" so betet Josua. Steht hier nicht die Sprache der Bibel nn Gegensatz zur Naturwisseuschaft? Ein so hehres, verpflichtendes Buch darf doch auch nicht im geringsten Unzutreffendes fügen. Die Sonne geht ja nicht auf, es gibt ja keinen Sonnenuntergang. Was das Volk so nennt, sind ja nur scheinbare Bewegungen der Sonne, sie ist ja ein Fixstern, der als solcher feststeht, und um den sich unsere Erde als Planet dreht. Es ist also überflüssig und sinnlos zu beten: Sonne, stehe still! Ist dem wirklich so? Ja, wäre die Bibel ein naturwissenschaftliches Werk oder wollte sie nur naturwissenschaftliche Wahrheiten vermitteln, so hätten wir Grund zur Beanstandung. Aber sie will ja etwas anderes: Ethische, religiöse und sittliche Werte will sie vermitteln, und zwar uns allen, Gelehrten wie dem schlichten Männe aus dem Volke, dem Alter und der Jugend; das ist ihre Aufgabe schon gewesen in vergangenen Zeiten als die gesamte Menschheit noch in der Kindheit ihrer Entwicklung lebte. Da wäre es direkt verfehlt, wollte sie sich gelehrt, streng naturwissenschast- Uch ausdrücken. Je volkstümlicher und gemeinverständlicher ihre Sprache ist, desto leichter wird sie verstanden, und ist sie in der Lage, Einfluß auf die breite Masse des Volkes zu gewinnen. Wir alle wissen ja heute, daß die Sonne nicht auf- und nicht untergeht, und doch sagen wir urid feien wir auch noch fo gelehrt: Wir haben den „Sonnenaufgang" bewundert, als wir im Gebirge waren. Das ist eben der volkstümliche Ausdruck, die Sprache des Volkes. Es hat mit „wahr" oder „unwahr" nichts zu tun. Für die Sprache des Volkes muß die Bibel sich volkstümlich, konkret ausdrücken. Dem Volk geht cs in seiner Masse wie dem Kind. Will man diesem in ethischer oder moralischer Beziehung eine Belehrung zuteil werden lassen, so wird es die am besten erfassen, wenn inan ihm mit greifbarem, d. h. kontretem Beispiel kommt. Will ich z. B. dem Kinde beibringen, daß man Vorübergehende nicht belästigen oder gar schimpfen darf, fo kann ich ihn: das nicht besser beibringen als wenn ich ihm das Märchen vom Geißlein erzähle, das den vorübergehenden Wolf beschimpft, weil es ihn vom Dache des Stalles aus unbehelligt belästigen kann, das aber dann zur Strafe gefressen wird, als es der Wolf ein andermal vor dem Stall auf der Straße ertappt. „Jhni ist ganz recht geschehen, es brauchte ja nicht zu schimpfen", antworten die Kinder und beweisen damit, daß sie den Kern erfaßt, moralisch einsichtig und gestärkt sind. — Unsere Märchen sind nicht wahr und nicht unwahr. Diese Sprachperlen sind aber Volksgut, weil sie den kindlichen und volkstümlichen Ton reden, weil sie konkret sind. Ich will beileibe nicht Märchen und die Erzählungen der Bibel gleichstellen oder gar die biblischen Geschichten zu Märchen stempeln. Aber was beide in ähnlicher Weise zu Erziehungsmitteln von nimmer vergehendem Werte macht, das ist die Schönheit ihrer Sprache, die ewig wahr bleibt, weil sie die Sprache des Volkes spricht. Mag diese wie in den angeführten und anderen Beispielen naturwissenschaftlicher oder sonstiger Erkenntnis der modernen Wissenschaften nicht standhalten, das vermindert ihren Ewigkeitswert nicht im mindesten; sie sind dazu nicht da und wollen solchen Zwecken nicht dienen. Die Thorah spricht die Sprache des Volkes: stl'uauroli kil’schon bne odom!) Wer mit dieser Erwägung die Bibel liest, der wird in ihr nichts Unwahres, Unmögliches finden; im Gegenteil, er wird die Schönheit und Meisterschaft ihrer Sprache bewundern, die es fchoir vor grauen Zeiten verstand, die Sprache des Volkes so meisterhaft zu treffen, daß wir von ihr sagen können: Thauroh kil’sclion bnej odom! (Die Thorah spricht die Sprache des Volkes!! Grbm. Jüdischer Iugendverein Mainz a. Rh. Programm für Monat November 1926. Regelmässige Veranstaltungen 1. Lesegemeinschafr. Leo Bacck: lieber das Wesen des Judentums; Leiter Dr. Picard, i. V. Norbert Rose. Jeden Montag 8!4 Uhr im Turmzimmer Cafö Fürstcnhof. 2. Arbeitsgemeinschaft. Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude; Leiter Norbert Stiebel. Jeden Montag SA Uhr im Bibliothekzimmer des Gemeindehauses (Eingang Gabelsbergerstraße). « 5

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