Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 5 (10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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gottesdienstlichen Vorlesung des Neujahrstages die Kindheits- und Jugendgerichte großer Männer vor die Seele führen. Es ist, als ob sie uns damit zuriefen: Glück oder Unglück, sie sind dein eigenes Werk. Deine Erziehung bedingt dein Schicksal, denn das Leben ist ja doch nur der Stoff, dem erst dein Geist die Gestaltung verleiht! Und damit verstehen wir auch die Reihenfolge, daß uns nämlich am ersten Tage des Festes Hanna vorgeführt wird, wie sie ihr Kind dem Dienste des Ewigen weiht, und erst am zweiten Tage Abraham, der fein Kind dem Ewigen opfert. Denn nur wer gelernt hat für den Ewigen zu leben, ist auch bereit, für ihn zu sterben. Wo es sich um die Anleitung zu einem gottgefälligen Leben handelt, da tritt die Mutter Hanna in den Vordergrund. Hier aber, wo dietodesmutigeHingabe gepriesen wird, da betont die Schrift das Beispiel des Vaters. Auch auf dem Gebiete des Unterrichts und der Erziehung haben die Anschauungen sich geändert. Während eine frühere Zeit in der einseitigen Ausbildung des Verstandes, in der Mitteilung und der Menge der Kenntnisse und des Wissens das Allheilmittel sah, um den Menschen besser zu machen, daß also der sog. Gebildete auch der bessere Mensch sei, so erblickt man heute in der Ausbildung, Entwicklung und Leitung des Gefühls einen mächtigen Faktor für die Willensgestaltung. Das Vorbild, die Einfühlung, das Erlebnis sind von bleibendem Einfluß. Die neuen Lehrpläne fordern, so viel wie möglich von dem Gedanken des Arbeitsunterrichts Gebrauch zu machen, durch den der Schüler die Fähigkeit selbst zu denken und zu arbeiten, sich selbst in strenge Zucht zu nehmen, am besten erwirbt, durch den aber nicht nur eine Schulung des Verstandes, sondern Weckung und nachhaltige Förderung aller seelischen Kräfte erreicht werden kann. Denn bei dem Arbeitsunterricht, der natürlich nicht mit Handarbeitsunterricht zu verwechseln ist, ist das wesentliche Merkmal, daß der Schüler den fertigen Stofs vom Lehrer nicht einfach übernimmt und sich einprägt oder in Aufgaben anwendet, sondern daß die Erarbeitung der Erkenntnisse und die Durchdringung des Stoffgebietes zum Zwecke seiner sicheren Beherrschung und selbständiger Verarbeitung in natürlicher, vom Lehrer nur geleiteter Zusammenarbeit stattsindet. Die Jugend soll also planvoll in vernünftige Arbeitsteilung und Zusammenarbeit mit den Erziehungsfaktoren zu wirken gewöhnt werden. Für den Religionsunterricht bedeuten diese modernen Gedanken und Forderungen ganz besonders die Zusammenarbeit von Haus und Schule, wie sie in der alten Zeit von selbst geübt wurden. Der biblische Erziehungsplan ist in dem ersten Absätze des Schmagebetes niedergelegt: „Du sollst diese Worte, die ich dir heute gebiete, stets in deinem Herzen tragen, du sollst sie deinen Kindern einschärfen und von ihnen sprechen, wenn du in deinem Hause sitzest, wenn du auf dem Wege gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du ausstehst." Wie sein hat die Schrift mit wenigen Worten die Ausgabe der Eltern gezeichnet. „Die Worte, die ich dir heute gebiete, müssen zuerst i n d e i n e m Herzen sein." Die Eltern sind nach jüdischer Anschauung die Stellvertreter Gottes auf Erden. Sie können ihre hohe Aufgabe nur dann erfüllen, wenn das Wort Gottes in ihrem Herzen ruht, wenn sie in religiöser Hinsicht den Kindern wirkliche Vorbilder sind. Auch der beste Religionsunterricht kann seine Aufgabe nicht erfüllen, wenn er in dem Kinde keinen Resonanzboden findet. Was nützt die schönste Schilderung von der Weihe und Poesie des Freitagabends oder der Sederabende, wenn das Kind vom Elternhause aus keine Vorstellung davon mitbringt? Zu den Aufgaben, die das Haus an den unmündigen Kindern 4 zu lösen hat, gehört die Anleitung zur religiösen Praxis, die Pflege der geschichtlichen Erinnerungen. In den Geist des jüdischen Gesetzes die Kinder einzuführen, kann nicht früh genug begonnen werden, und nur die Eltern können dies leisten. Diese erste Einführung aber kann natürlich noch nicht auf dem Wege des Unterrichts oder der religiösen Reflexion vor sich gehen. Hier muß man sich zunächst an die Empfänglichkeit der kindlichen Augen und Ohren wenden, die aus die Handlungen und Reden der Erwachsenen achten. So kann den Kindern eine Menge von Wissen und Können bereits vermittelt werden, bevor die planmäßige Belehrung an sie herantritt. Das lebendige Beispiel der Eltern ist zunächst der einzige, aber auch der seines Erfolges sicherste Lehrmeister. Das Gottesgeseh verlangt es ausdrücklich, daß die Eltern, wo es angeht, den Kindern Gelegenheit geben, das religiöse Leben im Elternhause zu beobachten. Schon früh soll man ihre Aufmerksamkeit auf die religiösen Zeremonien und die religiös-sittlichen Handlungen hinlenken, die Wißbegier der Kinder und ihren Hang zum Fragen spornen, und ihrem Nachahmungstriebe ein Feld der Betätigung eröffnen. Denn sie atmen mit dem von ihnen auch nur äußerlich Geübten, mit dem von ihnen nur unverstanden Nachgelallten zugleich auch religiöse Stimmungen ein, und früh schon zieht mit ihnen ein religiöses Ahnen, Sehnen und Staunen in die wachen Kinderherzen ein. Ein Kind, das an der Hand des Vaters oder der Mutter den Weg zum Gotteshause nimmt, wird auch später, wenn es den Lebensweg allein gehen muß, in Erinnerung an die Kindheitstage den Weg dorthin suchen und finden. Den jungen Acker der unberührten Kindesseele soll man schon früh bearbeiten, denn gar bald kommt die Zeit, wo die heiligen Saaten des Gotteswortes selbst in ihrem Gemüte Wurzel schlagen sollen. Die Mutter ganz besonders soll dem Kinde die Segenssprüche des täglichen Lebens einprägen. (Ein kleines Morgengebet, Sprüche beim Händewaschen, vor dem Essen, Tischgebet und Nachtgebet u. a. sollen ihm geläufig werden.) Sobald das Kind reif dafür ist, lehre es der Vater oder die Mutter den Vers: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einig einziger Gott!" und den Vers: „Die Lehre, die uns Moses geboten, ist ein Vermächtnis der Gemeinde Jakobs." Jener Vers: „Höre Israel!" wird das Losungswort für das Kind und bleibt es für den Mann und die Frau durch die ganze Zeit ihres Lebens. Es ist dasselbe Wort, welches für den jüdischen Bekenner seit mehr als zweitausend Jahren die Quelle unsäglicher Bedrückungen und Martern geworden ist, welches ihm aber auch die sittlicheKraft verliehen hat, allen äußeren Anfechtungen zu trotzen und zu widerstehen, und seine Widersacher — zu überleben. Diese hohe Bedeutung der Mutter für die Erziehung wird uns von unseren Weisen in sinnigen Aussprüchen übermittelt: Gott befahl Mose zuerst zu den Frauen,^dem Hause Israels, zu sprechen und nachher zu den Männern zu reden; warum? Weil die Erziehung der Kinder Sache der Frauen ist. „Es ist das Verdienst der Frauen, die Kinder zum Hause Gottes zu führen." „Das Haus ist der Tempel der Frau, die Erziehung der Kinder ihr Gottesdienst, die Familie ihre Gemeinde." Mögen diese Gedanken dazu beitragen, die jüdische Erziehungsarbeit frisch zu erhalten und zu beleben, Interesse am Religionsunterricht zu erwecken, zum Wohle der Kinder und der Eltern nach dem Psalmworte: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du dir Macht gegründet."