Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 5 (10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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selbst verboten hätte, sich so schroff den christlichen Wormsern gegenüber zu stellen, da sie ja gar nicht wissen konnten, wie lange die französische Occupation dauern und wann Stadt und Land wieder in deutscher Gewalt sein würden. Ferner war die Iudenschaft im 17. Jahrhundert nach der Tradition früherer Jahrhunderte viel zu sehr daran gewöhnt, sich unterzuordnen, als daß plötzlich ein so unfügsamer Geist in sie fahren konnte. Daß sie die Franzosen bestachen, scheint unwahr zu sein, da die jüdische Gemeinde nach Ausweis ihrer Archivalien arg verschuldet war und gegen alle Welt pekuniäre Verpflichtungen zu erfüllen hatte. Es mag sein, daß bei dem Stadtbrand die Iudengasse etwas glimpflicher weggekommen ist: tatsächlich jedoch erreichten ganz ohne Frage die alles verheerenden Flammen auch das damalige Iudenquartier. Die ganze innere Einrichtung der Synagoge war ja samt dem Dachstuhl ein Raub des Feuers geworden. Die Synagoge selbst wurde noch zum Pferdestall und von den heimgekehrten Bürgern als Speicher benutzt." So weit Eanstatt. Wenn man das Aktenstück liest, welches die Juden von Worms am 25. Februar 1689 an den Rat der Stadt gerichtet, kommt man zu einer andern Ansicht als die Herren Seidenbender und Mekel. Als weiterer Belang, daß sich die Juden nicht in so rosiger Stimmung befunden haben können, dienen die Worte des damaligen berühmten Wormser Rabbiners Iair Bacharach: „Unstät und flüchtig irre ich feit der Zerstörung der Stadt umher und bin plötzlich zum Greise geworden, meiner Augen Licht ist getrübt, die Schärfe meines Geistes ist gebrochen, denn Not und Elend sind meine ständigen Begleiter." Schließlich möge der folgende Brief des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Metz an den in Worms die w i r k l i ch e Lage der Wormser Juden darstellen. Das Schriftstück ist in hebräischer Sprache geschrieben und lautet in deutscher Uebersehung wie folgt: Metz, 18. Adar 5449 (10. März 1689). Friede sei vom Himmel beschert den Frommen, Gerechten, den tapferen, klugen Kämpfern, deren guter Ruf überall gehört wird, unseren Kollegen, den Vorstehern, Führern und Leitern der wohllöblichen Gemeinde von Worms. Unsere besten Grüße voraussendend, sind wir in den Besitz des Brieses durch die Post, sowie desjenigen durch Herrn Aron (vermutlich Aron Levi Fränkel) gelangt. Beide sind trüber und sehr erschreckender Nachrichten voll und erwecken unsere innige Teilnahme an Euerem Mißgeschick. Stände es nur in unseren Kräften, Euch von ferne mit Gut und Blut zu Hilfe zu eilen, wir würden es der als bedeutend tn allen Stücken weit berühmten Gemeinde Worms gewiß nicht vvrenthalten. Wir haben auch zu diesen: Zwecke eine Versammlung abgehalten, in welcher Euere Angelegenheit nach allen Seiten besprochen wurde. Dabei ist als Resultat hervorgegangen, Euch von dem Vorhaben abzuraten, mit einer mündlichen Klage dem Throne Sr. Majestät des Kaisers zu nahen. Es ist mit Gewißheit anzunehmen, daß es Euch nicht besser ergehen wird, wie es der in ebenso großer Achtung stehenden Gemeinde Trier ergangen, die gleichfalls mit einer Klage vor Se. Majestät getreten, aber unter Mißachtung znrückgewiesen worden ist, wie es überhaupt bei den jetzigen Kriegszeiten nicht anders zu. erwarten steht, daß der König sich in solche Angelegenheiten nicht einlassen werde. Sollte es Euch aber auch gelingen, das Ohr Sr. Majestät für Euere Sache zu gewinnen, so dürfte jedoch eine Antwort von ihm so lange ansbleiben, bis Euere Sache von dem Fürsten-Jntendanten geprüft und begutachtet worden. In diesem Falle müßt Ihr aber in Erwägung ziehen, ob Euch letzteres auch Heil bringen kann. Unser Rat wäre daher, daß Jbr Euch wiederholt mit einem Bittgesuche, begleitet von dem Privilegium des Marschall de Turenne an den Herrn Intendanten wendet. Das Bittgesuch miißt Ihr aber von einen: geschickten Schreiber ansertigen lassen, um ihm bei den Herren Anklang zu verschaffen zu suchen, damit sie für Euch geeigneten Ortes ein gutes Wort einlegen. Der barmherzige und allgnädige Gott möge Euch überall Gunst verschaffen, damit Ihr den Zweck Euerer Bitte erreichet. Diese unsere bescheidene Meinung wollen wir Euch jedoch nicht als die allein richtige ausdrängen. Wenn Ihr aber doch daraus besteht, an die Tore des Königs zu klopfen, müßt Ihr Euch durch wenigstens eine oder zwei Personen aus Euerer Genwinde vertreten lassen und wir wollen dann auch unser Möglichstes tun. Der Allmächtige möge Eueren Leiden ein Ziel setzen und möge Euch beglücken mit seinem Segen. In: Aufträge Sr. Ehrwürdcn des hiesigen Oberrabbiners, sowie der Vorstände, Führer und Leiter der hiesigen Gemeinde zeichnet Moses, Sohn des bereits verstorbenen Jsaac, Vorsänger. Gedanken über Erziehung im Anschluß an unsere hohen Feiertage Von Reallehrer Efchelbacher, Mainz. Unsere Festtage mit ihren erhebenden Eindrücken sind nun vorüber. Aber wie der Geist der großen Tage schon in den Zeiten der gewohnten Arbeit wachsen soll, so soll auch später, wenn der Feiertag vorübergegangen ist, er nicht plötzlich erlöschen, sondern langsam ausklingen, um in der folgenden festlosen Zeit noch lange nachzutönen. Wer aus einer heiligen und geweihten Stimmung heraus plötzlich und unverweilt an die tägliche Arbeit geht, wer nicht fähig ist, stille zu stehen, wenn das Herz spricht, der ertötet mit Gewalt die fromme Regung seiner Seele. Wer in alter Zeit im Tempel ein Opfer darbrachte, der durfte nicht sofort das Heiligtum verlassen, einen ganzen Tag mußte er vielmehr noch im Bezirk des Tempelberges verbringen, damit die heilige Handlung des Opfers feine Seele auch ganz ergreifen könne, damit sie auch dann noch bleibe, wenn er wieder zurückgekehrt war in die vertrauten Geleise des Berufslebens. Und so soll auch der Gedanke an die nunmehr hinter uns liegenden Tage der religiösen Erhebung uns begleiten, denn ein DT» soll nicht nur eine angenehme Unterbrechung des gewohnten Einerlei sein, er soll unser Leben erhellen, aber nicht wie der Blitz, der im Augenblick, da er gekommen, schon wieder verschwindet, nein, er soll wie ein Leuchtfeuer auf hoher See uns fein, dessen Schein vom fernen Horizont die Luft schon erhellt, noch bevor die Umrisse des Leuchtturmes sichtbar werden, und dessen Glanz der Schiffer noch hinter sich erblickt, auch wenn der Felsen, auf dem die Feuerzeichen gegeben wurden, seinem Auge schon lange entschwunden ist. Unsere Gedankenwelt an den hohen Tagen bewegte sich vielfach in Fragen an das Schicksal. Wird es uns gut gehen? oder wird das Mißgeschick uns verfolgen? Werden wir die schwere Aufgabe, die das Leben an uns stellt, vor Gott und Menschen gut erfüllen? Schicksalsfragen aber sind im Judentum zumeist Sittlichkeitsfragen und darum in ihrem letzten Grunde Erziehungsfragen. Die Fragen an das Schicksal können doch letzten Endes nur den Sinn haben, ob wir uns glücklich oder unglücklich fühlen werden. Denn alles muß sich erst i n uns selbst abspielen, was von außen auf uns eindringt, und es kommt zumeist darauf an, wie wir uns zu allem stellen, und ob wir die Kraft erlangt haben, die Welt und das Schicksal zu meistern, zu überwinden. „Nicht durch die Schuld der Sterne, durch unsere eigene Schuld nur sind wir Schwächlinge." Die hohe Bedeutung der Einwirkung auf das kommende Geschlecht durch die Erziehung zeigt sich auch in der Weisheit unserer Alten, die uns in der