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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-10-01 · 5 (10.1926) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
5 (10.1926)
Date
1926-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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zahlreicher Glaubensgenossen erklären? Dabei stehen wir Juden bei Andersgläubigen im Rufe, daß wir sür unsere Religion besonders opferbereit seien. Dieses Ansehen haben wir wohl dem Andenken unserer Vorfahren zu verdanken. Jeder Leser dieser Zeilen frage sich, ob er und ob seine Gemeinde im Rahmen des Möglichen dazu beitrage, dieses Ansehen zu erhalten! Der Landesverband hessischer Gemeinden will persönlich und materiell alle nur möglichen Opfer bringen, um den kleinen Gemeinden beizustehen, den Vorstehern ihr manchmal keineswegs beneidenswertes Amt durch Informationen und Hilfe zu erleichtern. Diejenigen Gemeinden, welche heute noch in der glücklichen Lage find, ihre Bedürfnisse selbst zu bestreiten, und darüber hinaus ein ganz kleines Scherslein für ihre übrigen Glaubensbrüder übrig haben, müssen sich ihrer Pflicht voll bewußt werden nach dem Prinzip: Kol Jisroel arevim soll boseli! „Alle Juden sind sür einander verantwortlich." Welche Gemeinde, die heute noch sicher dasteht, kann wissen, wie bald sie selbst vielleicht in die Lage kommt, die Hilfe des Verbandes in Anspruch nehmen zu müssen? Dieser notwendige Appell möchte niemanden kränken, sondern zur Gesundung unhaltbarer Zustände führen. L. Kr. Von unserem Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens. bine Sitzung des Oberrates fand am 8. Oktober 1926 in Mainz statt. Anwesend waren: Der Verbandsvorsitzende Koininerzienrat Mayer und sein Stellvertreter Kommerzienrat Kronenberger in Mainz; die Oberratsmitglieder: Rechtsanwalt Baum, Alzey; Justizrat Dr. Goldschmidt, Össcnbach a. M.; Hch. Hirsch, Groß-Gerau; Rabbiner Dr. Italiener, Tarlnstadt; Lebrer Kahn, Alsfeld; Ferd. Krämer, Friedberg; Rabbiner Dr. Levi, Mainz; Sanitätsrat Dr. Nickelsburg, Worms; Siegfr. Rosenthal, Oppenheim; Rechtsanwalt Rothenberger, Gießen; Jul. Simon, Bingen; Ad. Steinbcrger, Alsfeld, und die stellvertretenden Oberratsmitglieder L. Hachenburger, Darmstadt, und Lehrer Stern, Alzey. Aus dem Verhandlungsstosf sei folgendes bekannt gegeben: 1. Nach Begrüßung der Anwesenden berichtet der Herr Vorsitzende über die am 18. Juli zu München stattgefundene Versammlung behufs Gründung eines Reichsverbands und über die Ginweihungsseier der Syimgoge zu Butzbach, bei denen er als Vertreter des Hessischen Landesverbandes zugegen gewesen sei. 2. Die Beschlüsse der Schulkommission werden zur Kenntnis genommen und die sür Lehrer erfolgten Bewilligungen von 1400 RM. und 60 RM. werden gutgeheißen. 8. Nach eingehender Aussprache wird beschlossen, das der Gemeinde Seligenstadt bewilligte zinslose Darlehen zunächst auf 300 RM. und uach Prüfung der obwaltenden Verhältnisse und nach Ausstellung des Verbandsvoranschlags evtl, aus 500 RM. zu erhöhen. 4. Es wird beschlossen, die Gemeinden zur Zahlung ihres Verbandsbeitrags aufzufordern. — Zufolge gestellter Anträge werden einigen leistungsschwachen Gemeinden der Mindestbeitrag auf 80 RM. herabgesetzt. 5. Behufs endgültiger Ausstellung des Voranschlags für das erste Rechnungsjahr und wegen Anstellung von Wanderlehrern soll aus Mitte November eine Oberratssitzung anberaumt werden. — Den Gemeinden, die der: Verband um Uebernahme der Sorge sür den Religionsunterricht ersucht haben, ist von diesem Beschlüsse Kenntnis zu geben. 6. Die Religionsgemeinde Flonheim hat sich bereit erklärt, 800 RM. p. a. zu zahlen, falls der Verband einmal in der Woche ihre Kinder unterrichten lasse. Das Anerbieten soll angenommen und der Gemeinde erklärt werden, daß der Verband Herrn Lehrer Stern, Alzey, der z. Zt. in Flonheim unterrichtet, mit der Erteilung des Unterrichts beauftragen werde. — Der Gemeinde Gaualgesheim soll empfohlen werden, durch Vermittlung ihres Rabbiners um Erteilung des Religionsunterrichts durch den im Mainzer Bezirk tätigen Wanderlehrer beim Verband nachzusuchen. 7. Tie grundsätzliche Genehmigung zur Veranstaltung von Verlosungen soll sür die hessischen israelitischen Religionsgemeinden erwirkt werden. 8. Von der Mitteilung des Herrn Steinberger, daß ihm ein Anschluß des gesetzestreuen Verbands nicht gelungen sei, wird Kenntnis genommen und Herrn Steinberger der Dank des Kollegiums sür seine Mühewaltung ausgesprochen. Die Juden in Worms im Jahre 1689 Von S. R o t h s ch i l d. Im vorigen Jahre feierte die hiesige evangelische Gemeinde die Erinnerung an die vor 200 Jahren erbaute Dreifaltigkeitskirche in festlicher Weise. In allen gehaltenen Reden wurde der ganz hervorragenden Tätigkeit des „Dreizehner Mitgliedes" Seidenbender gedacht. So sehr er für das Aufblühen der Stadt nach der Zerstörung tätig war, so sehr war er bedacht, die Juden zu drücken und wenn er es hätte durchsetzen können, wären die Juden damals aus Worms verjagt worden, aber der Kaiser hatte sie geschützt. Seidenbender hat die Juden in der fürchterlichsten Weise verleumdet. So schreibt er unter anderem: „Zeit während der Kapitulation hatt sich auch dieses straffwürdig zugetragen, daß die Juden im Beysein des Magistrats als ihrer Obrigkeit auf offnem Platz durch den Schulklepper bei dem Barbesier eine aparte Befchützung gesucht, dergleichen sie auch durch zweimalige abschickung in daß Lager vor Philippsburg und Frankenthal getan, dem Dauphin ein present von einem ganz vergülten hohen pocal zu tun, derselbe allezeit in die Ohren gepißpelt und die Hände gedrückt usw." Dann fährt er fort: „Als am 2. Dezember der 2 General d'Huxelles mit einer Suite von 70 Personen stark das erste Mal in die Stadt gekommen, haben die Juden sich herbei gemacht und im Angesicht der Stadtdeputierten durch den Schulklepper Abraham zur Kanten und noch einem Vorsteher 2 geputzt fette Gänse mit goldenen Luisen gefüllt in einer Schüssel, in der andern eine große Gansleber, in der dritten aber Citronen und Pomeranzen präsentiert, so er auch angenommen, das Faß Wein aber, so der Herr Bischof verehren wollte, hatte er nicht acceptiert; außderdem hatt diese gottlose Nation das kaiserliche Wappen, das viele Jahr her an ihren auf beeden Seiten verschlossenen Gassentoren angeheftet gewesen, abgerissen und das königliche französische mit sonderbarem Frohlocken angeschlagen." Wie Seidenbender, spricht auch der Bürgermeister M e k e l. Diese Mitteilungen sind aber, wie ein anderes Zeugnis uns belehrt, cum grano salis zu nehmen. Canstatt (C h r i st) schreibt in einer Erinnerungsschrift 1889: „Seidenbender und Mekel dichteten den Juden mehr an, als sie verantworten können. Man sollte doch nicht vergessen, daß die Klugheit der Juden es ihnen von

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