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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-08-01 · 3/4 (August/September 1926) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
3/4 (August/September 1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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'NUß. oder mit dem Gedanken der absoluten Liebe die Unterschiede des Verdienstes nicht mehr bestehen lassen kann. Der Schrei ^ner umfassenden Moral ausschauenden Denkers Nietzsche: wo ist die Gerechtigkeit, die Liebe und die Liebe, die Gerechtigkeit ist? kommt aus der Verzweiflung der menschlichen Vernunft, dre nur eines, entweder die Gerechtigkeit oder die Liebe uneingeschränkt sich vorstellen kann. Die jüdische Religion, weil sie beides, sowohl die Gerechtigkeit als auch die Liebe sich als die vereinten Eigenschaften Gottes vorstellt und beide daher als unbedingte Ziele für das menschliche Handeln hinstellt, folgt hier den ilnwegdeutbaren Angaben des religiösen Erlebnisses, obwohl sie mit dieser Doppeltheit die geschlossene Einheit, die die Vernunft des Menschen fordert, durchbricht. Nietzsche stürmte über die hier der Vernunft gesetzte Grenze hinaus und stammelte die Worte „Christus mit der Rosenkrone" und „der gekreuzigte Dionysos". Er wollte die Idee der Liebe, die nichts fordert und nur selig schenkt, und die der Gerechtigkeit, die die Würde strenge trennt vom Gemeinen, zusammen denken. Das aber ist unmöglich. Das Judentum bescheidet sich zu zeigen, das; die Frömmigkeit beide Ideen m ihrer Absolutheit in Gott ansetzt, sie aber in einen Begriff zusammenfassen, versucht es nicht, Jona ist also nach menschlichem Verstände im Recht, wenn er verdrossen ist, die Botschaft der strengen Gerechtigkeit Gottes zu bringen, da er weiß, wie sehr diese Botschaft in aller Wahrheit unvollkommen ist. Als gläubige Juden müssen wir unser Handeln ständig unter den nach gut und schlecht richtenden Gesichtspunkt stellen, dürfen aber doch nicht verzweifeln ob der Aussichtslosigkeit, Endgültiges zu erreichen, und müssen unsere Hoffnung auf die Liebe Gottes richten, der uns in aller Unvollkommenheit gnädig aufnimmt. Wir stellen uns Gott als Richter vor, unser innerster Adel sagt uns dies, wir können nicht glauben, daß Pflichterfüllung, Opfer, heroisches Tun nicht gewürdigt werden sollte vor seinem Thron. Und dann, wenn wir den Gedanken, alles nur auf unser Verdienst zu stellen, in seiner ganzen Schrecklichkeit erfaßt haben, werden wir doch gewahr, daß noch etwas anderes in uns lebt: die Hoffnung und die Zuversicht auf die Liebe Gottes, die uns nicht verlassen wird, und die milde mit uns sein wird gemäß dem Wort, das zu Jona gesprochen wurde: „Mich sollte nicht jammern Ninive, die große Stadt....?" Heber den Charakter des synagogalen Gesanges. Von Oberkantor Jonas, Mainz. Es ist eine unverkennbare Tatsache, daß die Wirkung des Gebetes im Gottesdienst nicht unwesentlich erhöht wird durch den synagogalen Gesang. Denn dieser bewirkt die innere Erhebung und Erbauung und erzeugt in unserem Herzen jene religiösen Gefühle, die zu wahrer Andacht und einer weihevollen Gottesverehrung führen. — Gebet und Gesang in unlösbarer Verbindung waren die steten treuen Begleiter des jüdischen Volkes und selbst in den traurigsten Epochen seiner Geschichte wurde der Gesang beim Gottesdienst nicht ausgeschaltet. Fraglos haben die synagogalen Melodien so wie sie uns in den Zeitläuften von Geschlecht zu Geschlecht aus mündlichem Wege überliefert wurden, sehr viel an Originalität eingebüßt. Trotzdem aber läßt sich bei einer von weitgesteckten, allgemein-musikalischen Gesichtspunkten angestellten Untersuchung mrt ziemlicher Klarheit feststellen, daß wir es bei unserem, d. h. in Deutschland, im Norden, Westen und auch teilweise im Süden Europas gepflegten Chasonns mit zwei in ihrem Toncharakter sich deutlich unterscheidenden Gruppen zu tun haben. Die eine derselben zeigt ein völlig modernes Gepräge. Ihre Melodien stehen in einer frischen, lieblichen und freudigen Ausdruck zeigenden Dur art und der musikalische Satzbau weist eine streng rhythmische Symmetrie auf. Diese Erscheinungen deuten auf nicht sehr alte, durch den Einfluß der neueren Kunstmusik entstandene Tonweisen hin. Zu diesen wären beispielsweise zu rechnen die als traditionell bekannten Melodieen für nDD' mjDty und min nno^ der m^-Kaddisch u. a. m. Die andere Gruppe dagegen zeigt eine gänzlich verschiedene, durchaus fremdartige Natur. Wir finden in ihr als vorherrschende Tonart das düstere, gedämpft-bedrückte Moll, das häufig mit melodischen Dur-Wendungen, die unsere westeuropäische Musik in dieser Art nicht kennt, durchsetzt ist. In dieser Feststellung müssen wir zweifellos eine Musik älterer Zeit oder die Nationalmusik osteuropäischer lslavischer und magyarischer) oder selbst orientalischer Völker erblicken. Die Mischung des einfachen Kantilenenstils mit reichen Passagen uiid Koloraturen gibt den Melodien dieser Gruppe einen'herzergreifenden Ausdruck, der. von sehr elegischer Natur, oft bis zum herbsten Schmerz und tiefster, demütiger Zerknirschung gesteigert werden kann. Viele Melodien der bevorsteheiiden D'O1 werden diese Eigentümlichkeit sofort bestätigen, so z. B. die miH^r das ‘'"TU /D u a. — In der Annahme, daß der geschichtliche Ursprung des letzteren für die geschätzten Leser unseres Blattes von .Interesse sein dürfte, sei daher noch einiges über das und seine Melodie gesagt. Nach Elbogen (Der jüd. Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung) ist die Entstehung desselben in das erste gaonäische Zeitalter (um 650—700) zu verlegen. Erwähnt wird sein Text von R. Paltoj von Pumbadita (853) und in der uns bekannten Fassung findet er sich bereits im Gebetbuch des Jacob bar Schimschon (1113 Paris). Auch Maharil (Jakob Möllin Halev, Rabbiner in Mainz — gest. 1427) war das 7D bekannt, wie aus seinem 1ÖD hervorgeht. Danach wurde es in den deutschen und fränkischen Ländern als „Pint" gesungen. Seine typische Melodie kannte man noch nicht; denn die uns geläufige hat erst im 16. Jahrhundert durch J>ie Bemühungen des Isaak ha Laban aus Prag in Deutschland Aufnahme gefunden. Nach Böhmen und Polen war sie aus Byzanz gekommen und die Byzantiner schließlich scheinen sie direkt vom letzten Gaon (d. i. das Schulhaupt der babyl. Hochschule) R. Hai übernommen zu haben; denn aus einer Response (Antwortschreiben) der Gaonen geht hervor, daß viele Schüler aus Konstantinopel bei R. Hai, Gaon in Pumpadita, studierten. Ob die damalige Melodie sich in der gegenwärtigen unverändert wiederfindet, ist nicht festzustellen und kaum anzunehmen. Ungeachtet aber dessen ist und bleibt sie ihres musikalischen Charakters wegen von so überwältigender Wirkung, daß sie mit Fug und Recht zu den Perlen des synagogalen Gesanges gerechnet wird. Der schwermutsvolle, ergreifende Klageton des ist ein lebensvolles Abbild für die tieffchmerzlichen und zugleich tiefedlen Empfindungen der früheren Generationen unseres Volkes. Sein ganzes wechselvolles Geschick spricht aus dieser herrlichen, alten Melodie in erschütternder Sprache zu uns. Und wer Israels Geschichte kennt und weiß, daß seine in der Verbannung erduldeten furchtbaren und endlosen Leiden die aller Völker der Erde übertreffen, der wird auch begreifen, weshalb unser ^"TIJ 7D die Sangweisen aller Nationen an schmerzlichem Ausdruck überragt. Jugendecke Neujahrsansprache für die Jugend der unteren und mittleren Schulklassen. Von Studienrat Dr. L o r g e , Mainz. Liebe Kinder! Wenn wir in der Geschichte aller Völker und längst vergangener Zeiten lesen, wenn wir uns die Sitten und Gebräuche fremder Nationen vor Augen führen, so begegnet uns besonders auf religiösem Gebiete manches Unschöne und Häßliche, was uns mit Abneigung und Abscheu erfüllt und uns zur Dankbarkeit gegen Gott stimmt, daß er uns zu Israeliten, zu Bekennern eines reinen und edlen Glaubens gemacht hat. Unter dem vielen Häßlichen, was uns in den religiösen Gebräuchen anderer Völker begegnet, ist uns sicherlich die Tatsache am widerwärtigsten, daß oft kleine, unmündige Kinder oder auch erwachsene Menschen — selbst bei geistig hochstehenden Völkern — den Göttern zum Opfer dargebracht wurden. Nur Israels Religion verbot diese scheußliche Sitte und entweihte sich nicht am Blute unschuldiger Menschen. Um so mehr, liebe Kinder, muß es uns auffallen, daß im Tora- Abschnitt, der am heiligen Neujahrsfeste in den Synagogen zur Verlesung gelangt, uns erzählt wird, wie Gott selbst Abraham zu einem schweren Opfer, zum Opfer seines einzigen Kindes aufsordert. Um aber diesen Zwiespalt zu beseitigen, um uns die Frage zu beantworten, wie es kommt, daß Gott selbst ein Menschenopfer fordert, während er es auf der anderen Seite streng verbietet, wie es kommt, daß Gott selbst einen scheinbar so grausamen Befehl zu geben vermag. Er, der doch die Liebe und Güte selbst ist, um uns alle diese aus uns einstürmenden Fragen zu beantworten, müssen wir uns zunächst den Inhalt dieser Erzählung vorsühren, um zugleich aus ihr eine Richtschnur für unser eignes Verhalten im Leben zu gewinnen. Noch im späten Alter hatte sich der höchste Wunsch Abrahams, seine beinahe erloschene Hoffnung, seine letzte

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