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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-08-01 · 3/4 (August/September 1926) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
3/4 (August/September 1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Aus dieser düsteren Zeit stammt auch das Gebetstück oder richtiger gesagt die selbstbcsinuliche Glaubcnsbetrachtung, von der hier gesprochen werden soll: unesanne-taukes. Mitten bineingestellt in die wiederboltc Mnssafschemaune-esre des Neujahrsfestes wurde diese ernste Betrachtung, in welche sich die Gemeinde erst in stillem Sinnen über die heilige Gewalt des Tages und des ewigen Richters versenkt, bis dann der Vorbeter die stillversunkene Gemeinde wie durch den Ton der Hirtenflöte auflauschen und das Bild erstehen läßt, wie wir gleich der Prüfung und Zählung, die der Hirte bei seiner Herde vornimmt, vor Gott, dem Hirten und Richter, einzeln vorüberziehen, um geprüft zu werden und nach seinem Willen und unserem Verdienst aus die Höhen des Lebens oder in die Tiefen zu wandern. Und da bricht nun plötzlich, geweckt durch diese Besinnung, die sittliche Erkenntnis zur Willensäußerung und zum Bewußtsein der Selbstverantwortung durch mit dem Rufe, der nach innen und nach außen zugleich wirken will: rron jm nx p’ayo npixi nbsro rairm „Aber reuevolle Umkehr, Gebet und Wohltun wenden das böse Verhängnis ab." Aus schwerem Leid ist dieses Unesanne-taukes geboren. Mittelalterliche Berichte erzählen uns darüber folgendes: In der Gemeinde M a i n z lebte ein angesehener Jude, Rav Amnon mit Namen. Dieser war auch beim erzbischöflichen Kurfürsten hochgeschätzt, so daß dieser den Rabbi gern der Kirche gewonnen gesehen hätte. Oftmals versuchte der Kirchenfürst, den Juden dem Uebertritt geneigt zu machen. Amnon lehnte entschieden ab. Aber einmal bedrängte der Erbischof ihn so sehr mit seinem Vorschlag, daß Amnon sich eine Bedenkzeit von drei Tagen ausbat. Nach Ablauf dieser Frist wolle er zum Erzbischof kommen und ihm seine Entscheidung mitteilcn. Amnon wußte bald, daß er den Uebertritt nicht vollziehen werde, wagte aber aus Furcht vor Strafe nicht, nach Ablauf der Frist zum Erzbischof zu gehen und ihm seine Weigerung auszusprechen. Da ließ man ihn holen und aus die Frage, warum er nicht gekommen sei, wie er versprochen hätte, bekannte er, daß er die Strafe für seine absagende Entschließung gefürchtet habe und bat, daß man ihm zur Strafe dafür, daß er nicht bald das Ansinnen entschieden zurückgewiesen, sondern die Bitte um dreitägige Bedenkzeit ausgesprochen habe, die Zunge, die solche schwächliche Worte ausgesprochen habe, ausschneiden möge. Der Erzbischof aber sagte: nicht die Zunge soll man Dir aüsschneiden, sondern die Füße, die Dich zur gesetzten Frist nicht zu mir getragen haben und die Hände soll man Dir abhauen. — So geschah es auch sofort: man schnitt Amnon beide Daumen und beide großen Zehen ab und legte den tötlich Verstiimmelten in einen Sarg und neben ihn die abgehackten Gliedmaßen. Kurz darauf war Rausch-haschonoh. An diesem Jaum-Hadin ließ Amnon sich in die Synagoge tragen und neben dem Vorbeterpult niederstellen. Als der Vorbeter die Keduschoh des Mußafgebetes beginnen wollte, bat Amnon den Vorbeter, kurze Zeit zu warten. Und nun trug Amnon sterbend sein reuevolles und glaubensstarkes Unesanne-taukes vor und hauchte mit dem letzten Wort die Seele aus. Drei Tage später erschien der Verstorbene dem Rabbi Kalonhmos ben Meschullam ben Kalonymos ben Mosche ben Kalonymos, also dem Sohne des großen Lehrers, der im elften Jahrhundert ebenfalls in Mainz lebte und dessen Grabgedcnkstein auf dem ältesten Friedhof in Mainz zu. sehen ist, in nächtlichem Gesichte, trug ihm den Text noch einmal vor und bat ihn, dieses Gebet in Israel zu verbreiten. Wir können nicht mit Sicherheit feststellen, was an diesem Berichte geschichtlicher Kern ist und was legendenhafte Ausschmückung hinzugefügt hat. Wir können auch nicht mehr die Persönlichkeit des Rav Amnon und des Erzbischof feststellen. Man wollte deshalb schon den Bericht in seiner Gesamtheit als legendenbaste Ausschmückung des jüdischen Leides und Heldenmutes bei den Verfolgungen der Kreuzzüge-Zeit betrachten und in Amnon die personifizierte Verkörperung der jüdischen Gesamtheit jener Tage sehen. Wir wissen aber, daß der bekannte Rabbiner Israel von Krems (um das Jahr 1400) in den Zusätzen zum Rabbenu Ascher (Rosch-haschonoh sol. 36a) mit einer geradezu allgemein Bekanntes aussprechenden Kürze sagt: „Rav Amnon hat den Unesanne-taukes geschaffen wegen des Begegnisses, das ihn getroffen hat". Und Israel von Krems bezieht sich bereits auf ältere Quellen (Or sarua). Die Geschichte von Rav Amnon ist in einem Neujahrsmachsor im Jahre 1541 gedruckt worden. Die Erzählung mit all ihren Einzelheiten wird mit einem gewissen Recht dem Rabbi Ephraim ben Jacob ben Kalonymos aus Bonn als Verfasser zugeschrieben, welcher um 1182 geboren ist und 1107 noch lebte. Er hat Pijutim und Selichoth gedichtet und hat die Judenverfolgungen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts geschildert- In seinen hinterlassenen Schriftstücken fand sich die Aufzeichnung der Geschichte. Wir können sagen, daß Amnons Wunsch, das Gebet zu verbreiten in Israel erfüllt ist. Und ob es nun in seiner Entstehung zurückgeht auf das Leidensschicksal eines einzelnen oder eines ganzen Volkes: wir werden von den Worten und Gedanken dieser kurzen Gebetseinschaltung im tiefsten Grunde angefaßt weil es in sittlicher Kraft den Sieg des Menschen über das Leid lehrt und 6 uns in bezwingend schlichter Natürlichkeit den Weg zum „Uebernatürlichen" weist, nach inucn zu schauen und zu bauen und dem ewigen Richter zu vertrauen, weil er der Richter ist. „Der gute Mensch ist stärker als alles Erdenleid , das ist die Lehre des unesanne-taukes — und eine solche Lehre können wir heute gewitz nützen. Haphtara Jona. Von Rabbiner Dr. Ignaz May bäum, Bingen a. Rh. (Wegen Raummangel gekürzte Fassung.) In den Nachmittagsstunden des Versöhnungstages wird uiis dieser Prophetenabschnitt vorgelesen. Den Charakter des Versöhiiungstages bestimmt der Gerichtsgedanke. „Rausch-haschonoh wird es eingeschrieben, und am Jaum-kippur wird es besiegelt. Das ist der den Tag beherrscheride Gedanke, düster und ernst überschattet er alles mit der strengen Forderung: Du stehst vor Deinem Richter! In dieses heilige, aber schreckliche, das Gewissen aufwühlende Dunkel, das der Liturgie dieses Tages eigen ist, dringt mit der Botschaft des Propheten Jona ein Lichtstrahl, der nicht nur durch den Gegensatz, sondern durch sein wirklich ruhrend Helles Licht auf die äußerste Angespauntheit beruhigend, tröstend, verheißungsvoll einspricht: „Mich sollte nicht jammern Ninive, die große Stadt, in welcher sind mehr als 120 000 Menschen, die noch' nicht rechts und links zu unterscheiden wissen und so vieles Vieh?" Mitten in dieses unerbittliche Entweder-Oder des Bestehenkönnens oder des Verworfenwerdens das Erbarmen, das grundlose Erbarmen, das kein Mehr oder Weniger des Verdienstes kennt, sogar das Vieh gnädig mit einschließt, das Erbarmen, das restlos alles umfaßt. Dem Judentum wurde immer vorgeworfen, daß der Gerichtsgedanke mit seiner Strenge in die Religion etwas Finsteres, Atembeklemmendes bringe. Anstatt diesen rigorosen Zug voll anzuerkennen, der doch notwendig vorhanden sein muß, wenn die sittliche, den Menschen nie freigebende Forderung mit dem Gottesbc griff verbunden ist, zeigte man, was auch garnicht übersehen werden kann, daß sich mit dem Gerichtsgedanken der Liebesgedanke eng verbindet. Was aber viel wichtiger ist, ist das, daß der Liebesgedanke am richtigen Orte steht, daß er gleichsam nicht zu früh kommt, und die Religion zu einem verantwortungslosen Optimismus umgestaltet. Dieses schnelle Verzeihen eines Menschentypus, der das Gute in seiner Erhabenheit garnicht sehen kann, das Schlechte also garnicht verurteilen kann, dieses schnelle Verzeihen ist von der echten Liebe sehr weit. Und andererseits ist das strenge Verurteilen, das aus der verletzten Seele des für das Gute Begeisterten stammt, weit entfernt vom Haß, da es in aller Strenge nichts anderes ist denn gekränkte Liebe. Das Verzeihen hat nur dann Wert, wenn es durch das Entsetzen über den Verstoß hindurchgegangen ist. Wer sich dieses Entsetzen ersparen will, wird nie wissen, was an überquellender Liebe im Verzeihen steckt. Nichts ist falscher, als in diesem müden Ausspruch: „alles verstehen, heißt alles verzeihen", moralisches Pathos zu suchen. Dieses anarchische Alles-Verstehen-Können ist kein Verzeihen. Es bedeutet vielmehr dem, für den es bestimmt ist, eine Beleidigung, weil es ihm das Schlechte als selbstverständlich zutraut. Das Schlechte selbst darf auf keinen Fall entschuldigt werden, dadurch kommt erst die aktive Liebestat der Verzeihung zur Geltung, die das Schlechte absondert von dem, der es tat. Dieses Verzeihen ist echte Liebe und kein müdes die Augen-Zudrücken, weil es die Kraft hat, den Menschen in seinem höheren Sein anzuerkennen, obwohl das Schlechte seines Tuns, das nicht entschuldigt wird, die Anerkennung schwer macht. Erst die Verzeihung, die zu diesem höheren Sein vordringt, ist von Wert, sie allein stammt aus der Liebe. Der geistige Akt also, der im Verzeihen liegt, zeigt Liebe und Verantwortlich-Machen tatsächlich in sich vereinigt. Gerade an dem Tage daher, an dem nach dem Festkalender der jüdischen Tradition das menschliche Schicksal abgewogen wird und die betende Gemeinde die demütige Haltung solcher einnimmt, die das Urteil des Richters erwarten, an dem Tage ist es die Botschaft der uneingeschränktesten Liebe, die ihr verkündet wird: „Mich sollte nicht jammern Ninive, die große Stadt, in welcher sind mehr als 120 000 Menschen, die noch nicht rechts und links zu unterscheiden wissen und so vieles Vieh?" Das ist die Liebe. Nicht solche, die nach Verdienst fragt, sondern die verschwenderisch aufquellende Liebe, die keine Würdigen und keine Verworfenen kennt, die niemanden und nichts, keinen Menschen und kein Tier ausschließen will, die Liebe, die groß ist wie Gott. Ist das nicht ein Widerspruch? Lehrt das Judentum, Gott richtet, und das tut es, dann ist die Liebesbotschaft ein Widerspruch zu der Lehre vom göttlichen Richter. Denn die echte Liebe richtet nie, so wie die echte Gerechtigkeit sich nicht bestechen lassen kann. Wenn das Judentum also beides lehrt, das Gericht und die Liebe, so ist es ein Widerspruch für die Vernunft, die entweder den Gedanken der absoluten Gerechtigkeit zu Ende denkt, dann alle Liebe von ihr ausschlietzen

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