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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-08-01 · 3/4 (August/September 1926) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
3/4 (August/September 1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Sehnsucht, erfüllt. Seine Frau Sara bekam einen Sohn. Abraham konnte noch einmal alle Freuden eines Vaterherzens genießen: Junges, frisches, fröhliches Leben war in fein verlassenes Heim eingezogen, mit innerer Freude konnten die hochbetagten Eltern die zunehmende geistige und körperliche Entwicklung ihres Kindes beobachten. Da wird eines Tages ein Befehl an Abraham gerichtet, der all sein Glück vernichtet und ihn weit elender machen mutzte, als wenn er nie einen Sohn gehabt hätte. „Abraham", so ruft ihm die Stimme Gottes zu, „nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du so innig liebst, gehe mit ihm ins Land Moria und bring ihn mir dort zum Opfer dar an einer Stelle, die ich dir zeigen werde." Und Abraham, tieftraurigen Gemütes zwar, aber willig und ohne Murren, fügte sich dem göttlichen Befehle. „Du, o Herr, du willst es", so spricht Abraham, ,/02ri hier bin ich!" Schweres wurde von ihm gefordert; aber wie Menschen von innerer Kraft und Einheit nie zögern, wenn etwas geschehen mutz, und sei es auch das Schwerste, so findet ihn schon der nächste Morgen auf dem Wege. Je näher er seinem Ziele kommt, desto schwerer wird sein Herz. Er sieht neben sich die schöne Gestalt seines Sohnes, der nichts ahnt von dem Schicksal, das ihn erwartet; er sieht sein freundliches Gesicht; er hört seine fröhliche Rede; er denkt: Armes Kind! Bald wirst du nicht mehr so lustig springen, nicht mehr so freundlich blicken, nicht mehr so fröhlich reden! Mitleid und Liebe erfassen des Vaters Herz mit Himmelsgewalt. Er denkt an den Jammer seiner hochbetagten Gattin, wenn er allein in das einsame Zelt zurückkehrt und an ihre Vorwürfe, wenn er ihr sagen mutz: Ich selbst habe ihn getötet! Aber nichts vermag ihn in seinem Gehorsam gegen Gott zu erschüttern. Schon liegt sein Sohn Isaak gebunden auf dem Altar, schon streckt der Vater die Hand nach dem Messer aus, da ertönt die Stimme Gottes, die ihm seinen Sohn wiedergibt und ihm reichen Lohn für seine Glaubenstreue verheißt. Gar mannigfach find die Lehren und Anregungen, die ihr, liebe Kinder, aus dieser Erzählung für eure Lebensführung gewinnen könnt. Wie Abraham versucht wurde, so wird auch an euch die Versuchung im Leben gar oft und in mannigfacher Gestalt herantreten. Bald ist es die Stimme eures eignen Herzens, welche euch hinwegzulocken versucht von Arbeit und Pflicht zu Zerstreuung und zum Genuß. bald sind es schlechtgeartete Menschen, die euch zu ihren Genossen machen wollen. Wie Abraham aber im Kampfe mit sich selbst als Sieger hervorgeht und der Versuchung widersteht, so mützt auch ihr lernen, euch selbst zu bezwingen und auszurufen: „Hier bin ich! Ich trotze dem Versucher und der Versuchung! Frei von Schuld und Fehl will ich mir meine kindliche Seele bewahren; rein und fleckenlos will ich den Namen meiner Familie erhalten!" Das fei euer Vorsatz, ihr Knaben und Mädchen, am Neujahrstage, da wir in einen neuen Lebensabschnitt eintreten und daher von edelsten Vorsätzen erfüllt sein sollen; das sei die erste Lehre, die ihr aus der Versuchung Abrahams gewinnen möget. Betrachten wir jedoch noch, liebe Kinder, welcher Art die Versuchung war, der Abraham ausgesetzt wurde. Das war nicht btofe eine Versuchung, bei der es sich darum handelte, auf ein Vergnügen, auf eine Zerstreuung oder auf einen Genutz zu verzichten; weit Größeres wurde von ihm gefordert, ein gar schweres Opfer sollte er darbringen. Und Opfer zu bringen, das ist unser aller Los auf Erden, das ist auch euer Los. zumal wenn ihr älter werdet. Bald sind es Opfer an Geld und Gut, die wir anderen zu bringen haben; bald müssen wir unseren Nebenmenschen zuliebe unsere Ruhe und Bequemlichkeit opfern, ja zuweilen 8 selbst Leben und Gesundheit auss Spiel sehen. Der aber kann erst von sich sagen, daß er ein wahrer Mensch geworden sei, daß er die Siegespalme im Kampf ums Dasein errungen habe, der gern und freudig seine Pflichten erfüllt, gern und freudig sein Opfer bringt, der, welcher auch hier wie Abraham aüsruft: Hier bin ich! Und von uns Juden zumal werden Opfer gefordert, die wir unserer Religion zu bringen haben; aber groß ist der Lohn, der unserem Opfermute hier winkt. Wollt ihr die Größe der Opfer ermessen, die wir unserem Glauben zu bringen haben, so blicket hin auf die Geschichte unserer Glaubensgemeinschaft, blicket auf die vielen Tausende hin, die willig den Hatz und die Verachtung der Völker auf sich luden und freudig Gut und Blut der Religion ihrer Väter opferten. Und an euch, liebe Kinder, ist es, teilzunehmen an dem Kampfe, den Israel schon seit Jahrtausenden für die Religion seiner Väter, für die Wahrheit seines Glaubens führt. Ihr wißt ja aus dem Unterricht, wie viel unsre unglücklichen Glaubensgenossen heute noch wie vor Hunderten von Jahren zu leiden haben, wie sie ruhelos durch die Welt wandern und keinen Frieden finden, wie viele unserer Brüder und Schwestern Unrecht erdulden müssen, nur weil sie Juden sind, wie Armut und Mangel, Not und Tod heute noch in manchen Ländern das Schicksal, ach, nur allzuvieler unserer Glaubensgenossen ist. Freilich, noch seid ihr jung und steht noch nicht draußen im Leben, wo der Kampf für und gegen unsere Glaubensgenossen tobt. Darum fasset eure Jugendzeit als eine Vorbereitungszeit für euer späteres Leben auf, und wenn ihr herangewachsen seid, dann tretet, jeder an seiner Stelle, für eure Brüder und Schwestern ein, Verleumdungen von ihnen abzuwehren und Unheil von ihnen abzuwenden, das Judentum zu schützen und seiner Lehre Achtung zu erzwingen. „Hier bin ich!" Das sei also das Losungswort, das euch stets im Leben voranleuchten möge im Kampf mit euch selbst, wenn der Versucher euch naht, und im Kampf gegen andere, wo ihr Opfer zu bringen habt für die Interessen eurer Glaubensbrüder und eurer Mitmenschen. Jetzt, meine jungen Freunde und Freundinnen, wissen wir, was für eine Bewandtnis es mit dem Opfer hat, das Gott von Abraham gefordert hat. Er wollte nicht das Blut seines Sohnes; er wollte vielmehr feine Frömmigkeit stählen und uns ein Beispiel für alle kommenden Zeiten und Geschlechter vorführen: das Beispiel eines starken Glaubens, das Beispiel der Aufopferungsfähigkeit und Entsagungsfreudigkeit, die jeder wahre Israelit zu betätigen hat, damit einst die Stunde nahe, da ein neues Licht über Israel aufgegangen und unsere heilige Religion unter den Völkern der Welt endlich die verdiente Anerkennung gefunden hat. Und dem Beispiel Abrahams in Not und Versuchung stets zu folgen, dazu möge euch Gott den Willen und die Kraft verleihen! Vereinsarbeit der Jugend. ' Jüdischer Iugendverein Mainz a. Rh. i. Arbeitsprogramm. Lesegemeinschaften: Jede Woche mit Ausnahme der Feiertage. Montag, 8X> Uhr: Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude; Leiter: N. Stiebet; Lokal: Beim Leiter zu erfragen. (Diese Gemeinschaft ist von Donnerstag auf Montag verlegt.) Montag 9 Uhr: Leo Baeck: Vom Wesen des Judentums; Leiter: Dr. Picard; Lokal: vorerst Cafe Fürstenhof. Dienstag, 8^2 Uhr: Frib Kahn: Die Juden als Rasse und Kulturvolk; Leiter: N. Stiebel; Lokal: beim Leiter zu erfragen.

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