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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-08-01 · 3/4 (August/September 1926) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
3/4 (August/September 1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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das messianische Reich, die Zeit ewigen Friedens, ist oft belächelt, oft auch bekämpft worden, auch in unfern Kreisen ist des öftern dieser Wurzel wie Krone am Baume des Judentums wenig Verständnis entgegengebracht worden, bis endlich nach dem entsetzlichen Blutbade unserer Tage die Vernunft die verantwortlichen Staatsmänner zu Jüngern unserer Propheten gemacht hat und das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Menschen sich immer mehr Bahn bricht. Möge dieser Ton der Tekio gedaulo, der der ganzen Menschheit gilt, den lautesten Widerhall auf Erden finden! „Akedah". Von Rabbiner Dr. D i e n e m a n n , Offenbach a. M. Am 2. Neujahrstage wird in unseren Synagogen regelmäßig die Erzählung von der Opferung Isaaks vorgelesen, jene Erzählung, in der berichtet wird, wie an Abraham die Forderung erging, sein geliebtes Kind, das ihm nach Jahren sehnsüchtigen Wartens endlich beschert worden war, zum Opfer darzubringen, wie Abraham in stillem und selbstverständlichem Gehorsam sofort bereit war, sein Liebstes herzugeben; wie nicht bloß er zu solcher Hingabe bereit war, sondern auch Isaak, um dessen Leben es hier ging. Jahr für Jahr ergreift uns diese Geschichte mit neuer Kraft und hält uns in Spannung. Wir fühlen mit Abraham den Schmerz, der ihn packen mußte angesichts der Möglichkeit, den lang erwarteten Sohn wieder zu verlieren; wir fühlen mit ihm den Zweifel an der Gnade Gottes und kämpfen mit ihm den Zweifel siegreich nieder, wir fühlen mit Isaak die Schwere des Opfers, das er zu bringen nicht zögerte, und in unserer Seele erleben wir ungeheuere Erleichterung, als mit dem aus Himmelshöhen ertönenden Worte: „Strecke Deine Hand nicht aus wider den Knaben" Isaak sich selbst und dem Vater neu geschenkt ward. Jahr für Jahr lesen wir diese Erzählung, außer an ihrer Stelle in der Ordnung der sabbatlichen Vorlesungen, am Neujahrstage, und es hat seinen besonderen Sinn, daß wir sie gerade an ihm lesen, denn es sind ihr Gedanken und Anregungen eigen, die zu Beginn eines neuen Jahres neu in unseren Seelen befestigt werden müssen. Vor uns steht die Sorge um das Leben und Schicksal derer, die wir lieben. Unseres Lebens Ruhe ist abhängig von Leben und Gesundheit derer, die uns nahe stehen, es ist uns, als sei uns selbst das Leben wertlos, wenn sie nicht mit uns wandeln im Lichte des Tages. Aber es ist nun des Lebens harter Lauf, daß Schicksal und Leben sich wandeln, früher oder später wird der oder jener aus unseren Reihen gerissen. Soll es nun so sein, daß man sich damit abfindet, weil man sich eben in das Unabänderliche fügen m u ß? Das wäre noch lange nicht Frömmigkeit. Sie beginnt erst da, wo man dem Beispiel Abrahams folgend, sich zu Gottes Fügung bekennt, sie willig auf sich nimmt, in der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß, was Gott schickt, einen Sinn hat und für uns notwendig ist, wenn wir es auch uoch nicht zu deuten und zu ergründen verstehen. Darum wird das neue Jahr mit der Erzählung von Abrahams und Isaaks innerer Hingabe eingeleitct, damit ein gleicher Sinn freiwilliger Aufnahme jeder Fügung Gottes in uns erzeugt wird. Abraham und Isaak sind zun: Opfer bereit, der eine zum Opfer des Liebsten, was er hat, der andere zum Opfer des eigenen Selbst. Dieses Beispiel ersteht vor uns; und an ihm entzündet sich sofort die Frage: Sind wir auch so zum Opfer, zur Hingabe des eigenen Selbst bereit? Eine vorwurfsvolle Frage, denn sie ist nur zu geeignet, uns zur Erkenntnis unserer Unzulänglichkeit zu bringen. Von uns wird kein Opfer verlangt, das auch nur annähernd de-r Schwere des von Abraham und Isaak geforderten gleichkommt, von uns wird nur verlangt die Einsetzung unserer Persönlichkeit für die Erhaltung des Judentums und unserer jüdischen Gemeinden und Opferwilligkeit zur Erhaltung der Einrichtungen, die die Sicherung des jüdischen Lebens verbürgen. Jeder aber, der die Verhältnisse kennt, die in unseren Gemeinden berrschen, weiß, über wie vieles hier zu klagen ist. Gering an Zahl und schwer zu finden sind die Menschen, die wirklich ihre ganze Persönlichkeit für die jüdischen Interessen einzusetzeu bereit sind, die nicht bloß nebenher, wenn sie grad Zeit zu haben glauben, für die Angelegenheiten des Judentums zu wirken gewillt sind, sondern die dies aus tiefstem Herzensgrund, aus innerem Bedürfnis, aus heiliger Verpflichtung zu tun bereit sind und das als einen Teil ihrer Lebensaufgabe, als das Mittel, ihr Leben zu heUigen, betrachten. Und noch schlimmer sieht cs aus mit der Opferwilligkeit an Geld und Gut. Die religiösen Einrichtungen, besonders unserer Landgemeinden, brauchten nicht so Not zu leiden, die Sicherung des Unterrichts und die Erziehung zur Teilnahme am jüdischen Leben, die Aufrechterhaltung eines geordneten und unter sachkundiger Leitung stehenden Gottesdienstes, wenn überall der Sinn für die Notwendigkeit des Opfers vorhanden wäre, das gebracht werden muh, dam'it die Gemeinden tüchtige und berufstreue Lehrer und Vertreter wieder haben können; auch das Wohlfahrtswesen könnte noch auf ganz anderer Stufe stehen, wenn jeder zum Opfern bereit wäre. Möchte doch aus der Thoravorlesung von Abrahams und Isaaks Opfer etwas von diesem Geiste unbedingter Opferwilligkeit in uns einziehen, unsere Gemeinden und all ihr inneres Leben würden eine neue Blüte erfahren. Nicht nur Wille zur Hingabe und zum Opfer strahlt uns aus der Erzählung von der „Akedah" entgegen, ein anderes noch in ihr ergreift uns mit Macht. Zweimal findet sich im Laufe der Schilderung der Satz: YHIT ürW *0^1 „sie gingen beide zusammen", mit Nachdruck wird hrer die Tatsache b etont, daß Vater und Sohn eines Sinnes, in Gemeinsamkeit des Willens und des Gefühls, in vollendeter Eintracht desselben Weges gingen, daß zwischen Vater und Sohn kein Unterschied der Gesinnung war. Mit tiefer Scham sehen wir auf dieses Beispiel, wir, die wir unter dem Gegensatz der Väter und Söhne erseufzen, die wir das als die bitterste Tragödie im jüdischen Leben unserer Zeit empfinden, daß zwischen dem Geschlecht der Alten und dem der Jungen eine tiefe Kluft aufgetan ist, daß die Ideale der Alten von den Jungen nicht verstanden werden, die Ideale der Jungen den Alten fremd sind. Um die Ueberbrückung dieser Kluft rmgen wir, das ist der Sinn des ganzen jüdischen Lebens der Gegenwart. Nicht von uns allein da alles ab, das Letzte und Entscheidende steht bei Gott, wie schon Maleachi es gekündet hat, daß Gottes Bote „zuwenden wird das Herz der Väter den Kindern und das Herz der Kinder den Vätern." Aber auch wir dürfen die Hände nicht müßig in den Schoß legen. Was können wir tun, damit wir wenigstens versucht haben, unsere Pflicht zu erfüllen? Ein Dreifaches. Einmal, in unseren Häusern die Tradition aufrecht erhalten, den Kindern Sitte und Brauch und den Klang des Gebetes überliefern, denn die Eindrücke, die in den Kinderjahren der Seele sich einprägen, sind unverlierbar, formen die geistige Haltung des zukünftigen Mannes, des künftigen Weibes. In Sitte und Brauch und Gebet verbinden sich die Geschlechter in einer Einheit. Und ferner: den Kindern ein Leben Vorleben, in dem nicht bloß der Existenzkampf und das Erwerbsleben im Mittelpunkte stehen, sondern in dem geistige Werte auch vorhanden sind, diese geistigen Werte schaffen dann, wenn die Kinder, was unvermeidlich ist, in andersgeartete Verhältnisse hineingelangen, ein Band der Gemeinsamkeit. Damit ist ein Drittes gegeben: nicht bloß mechanisch Sitte und Brauch üben, sondern das alles mit Seele und Sinn erfüllen, die Kinder innerlich zu religiösen, zu frommen Menschen erziehen, die das Wesentliche und Geistige des Judentums in sich tragen und in sich erleben. Denn das Kind tritt früher oder später aus dem Lebenskreis, in dem die Formen und Bräuche lebendig und selbstverständlich sind, in dem der Klang des Gebetes heimisch ist, in andere Kreise hinaus; kennt es nur die Form, dann verliert es sie mit dem Wechsel der Umgebung, nur wenn es ein frommer Mensch geworden ist, im Innersten ergriffen ist, trägt es den Sinn jüdischen Seins in seinen neuen Kreis hinein und geht im Geiste den Weg der Eltern. So klingt uns aus dem Worte: VHn\DrTJI^ »sie gingen beide zusammen", eine ernste und heUige Mahnung am Beginn eizi* nruen Jahres entgegen. Möae sie ein nffenes Ohr und offenen Sinn finden. Unesanne-taukef. Von Rabbiner Dr. S. L e v i, Mainz. Glück und Erfolg im Lebensstreben erträgt der Mensch leichter und lieber als Unglück und Mißerfolg. Das ist verständlich; denn die sonnigen Tage des Gelingens richten den Menschen empor und lassen ihn wachsen, wie das Sonnenlicht die Pflanze lockt und regt. Rauhes Geschick dagegen beugt den Menschen nieder und droht ihn welk zu machen, wie der Sturm und Frost draußen in der Natur entkräftet und entblättert. Glückhaftes Wachstum wird ersehnt wie etwas natürliches. Es wäre nun aber ein falscher Schluß, wenn man das rauhe Geschick als unnatürlich empfände, deshalb weil das Wachstum in besonnter Zeit natürlich erscheint. Auch der frostige Sturm ist zeugende Kraft; reißt er die Blätter von den Zweigen, so schafft er Raum für kommende Triebe, scheucht er die Lebensäutzerungcn, so schlagen die Lebenskräfte nach innen. Das Leid verinnerlicht den Menschen, oder soll ihn doch verinnerlichen und ihn bereit machen für neues Schaffen. Glück kann sich leicht aus wirken, das Leid wirke auf den Menschen ein, pflege seinen tiefsten Kern: so ist die schwere Zeit nicht Unnatur sondern wird Kultur. Die tiefsten Erkenntnisse sind in der Tat aus dem Leid geboren; wenn irgendwo, dann bei uns Juden. Man denke an das Bibelwort: „Jeschurun ward feist und da schlug es aus". Und wenn irgendwann, dann in der schweren Zeit des europäischen Mittelalters: Mttn denke an die Verfolgungen unserer Vorfahren in jener Zeit, die eine beispiellose Glaubensstärke bis zur «Selbstaufopferungsbereitschaft gezeitigt, die Innigkeit des jüdischen Familienlebens im tiefsten Seclengrund verankert haben. 5

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