Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 3/4 (August/September 1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9582242-9623182-9620194--0024-9620198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
unseren Kindern vorgeschrieben ist: unsere Pflicht zu tun, das Gottesgebot zu verwirklichen, „zu erfüllen alle Worte dieser Lehre." „Das Geheimnis ist des Ewigen unseres Gottes." In dem Geheimnis kommt Gott zu uns, durch das Geheimnis sind wir gleichsam von Gott umfangen, von Gott behütet. Das hat die hebräische Sprache in wunderbarer Weise zum Ausdruck gebracht in dem Wort IDD, es heißt nicht nur Geheimnis, nicht nur Dunkel, sondern cs heißt auch Schutz, heißt auch Geborgenheit. Dies zeigt sich so schön in dem bekannten 91. Psalm, den wir an jedem Abend sprechen sollen, wenn wir zur Ruhe gehen, den die fromme Brüderschaft fpricht unmittelbar dann, wenn wir ganz zur Ruhe gegaugen sind, wenn das Geheimnis des Todes, das Geheimnis Gottes, uns umfängt: .. - -'itc bva rrty Ton „Wer im Geheimnis des Höchsten sitzet, im Schatten des Allmächtigen weilt, der spricht zum Ewigen: meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue." In dem Geheimnis, das Gott über uns breitet, sind wir geborgen, in dem Dunkel, mit dem er uns umfängt, fühlen wir uns behütet. Aber es gibt noch ein anderes Dunkel. So tröstlich und beseligend jenes ist, in dem Gott uns naht, so quälend und niederbeugend ist jenes andere, das die Menschen gegenseitig in ihr Leben tragen. Das Wort, das wir aus Anlaß der ägyptischen Finsternis in der Bibel lesen: VPiN DN t^N INI »ein Bruder sah den anderen nicht", dieses Wort ist leider immer noch in Geltung. Noch immer herrscht undurchdringliche Finsternis über der Erde, weil einer nicht den anderen sieht, weil keiner den Menschenbruder, jeder uur sich sehen will. Wenn diese heilige Zeit, der wir jetzt entgegengehen, dieses Dunkel doch ein wenig erhellen wollte, wenn von dem Lichte, das diese Tage in uns entzünden, doch etwas dränge in unsere Häuser, hinausdränge in das Gewoge des Alltags, es würde bald besser aussehen in der Welt. Das ist wohl der tiefste Sinn des Wortes, von dem wir ausgegangen sind: „Das Geheimnis, das Dunkel, ist des Ewigen unseres Gottes" — nur Gott ist cs Vorbehalten, Dunkel zu verbreiten auf der Erde. Denn nur das göttliche Dunkel hat eine schützende und heilende Kraft. „Aber das Klare ist uns und unseren Kindern in Ewigkeit." Aufgabe des Manschen ist es, dafür zu sorgen, daß es nicht dunkler, daß es Heller werde in der Welt, Aufgabe des Menschen ist es, Licht zu verbreiten auf Erden. „In Ewigkeit", so klingt das Wort der Bibel aus. Wir können das Wort „Ewigkeit" nicht aussprechen, ohne zu fühlen: es find die Schauer des Geheimnisses, die uns umwehen, es ist der Odem Gottes, der uns streift. Licht sollen wir verbreiten, für das Gute sollen wir wirken „in Ewigkeit", ein ewiges Ziel, eine unendliche Aufgabe, ein Weg, der vom Geheimnis ausgehend, im Geheimnis mündet. Geheimnis unser Ursprung, Geheimnis unser Ziel. Klar nur der Weg, der Weg der Pflicht, der Weg des Guteu, der Weg des Lichtes. Das ist unser Leben, das ist der Inhalt unseres Seins. Gehen wir den Weg getreu im neuen Jahre, gehen wir ihn bis zu jenem Tage, da wir, erlöst von den Kämpfen dieser Erde, emporsteigen zu ihm, in dem alle dunklen und alle Hellen Wege münden, zu ihm, der gleichzeitig Lickst und Dunkel, Klarheit und Geheimnis ist — zu Gott. Schofar und Schofartöne. Von Provinzialrabbiner Dr. Sander, Gießen. Ueber die Bedeutung des Schofar-Blasens am Rosch-Haschono spricht sich Maimonides (d. i. Rabbi Moses ben Maimon, nach den Anfangslauten Rambam genannt) in seinen Vorschriften über die Buße in folgenden Sätzen aus: „Zwar hat das Blasen des Schofar als eine unbegreifliche Bestimmung der Tora seine Bedeutung, trotzdem kann man darin etwa folgenden Grund angedeutet finden: Erwachet ihr Schlafenden aus eurem Schlafen, untersuchet eure Taten, tut Buße und gedenket eures Schöpfers, worunter diejenigen zu verstehen sind, die über die Nichtigkeiten der Zeit die Wahrheit vergessen und alle ihre Jahre dahinschwanken in Vergänglichkeiten und Torheiten, die nichts nützen. Achtet auf eure Seelen und bessert euren Wandel; ein jeder verlasse seinen bösen Wandel und seine Gedanken, die nicht gut sind. Darum betrachte ein jeder sich während des ganzen Jahres so, als wäre er zur Hälfte unschuldig und zur Hälfte schuldig und ebenso die ganze Welt. Begeht er eine einzige Sünde, so überwiegt bei ihm selbst und der ganzen Welt die Schuld, und er zieht sich das Verderben zu, das Umgekehrte geschieht durch jede gute Tat." Mit diesen Worten bekennt sich der ebenso als Talmudist wie als Philosoph gefeierte Lehrer in Israel zu der Ansicht: Wohl hat die Religion das Recht, Vorschriften ohne eine Begründung zu geben und ohne daß der menschliche Verstand jemals eine solche dafür finden könne, weil die Religion zum Gehorsam gegen Gottes Gebote erziehen will, und Gehorsam ist an sich eine hohe menschliche Tugend, die gerade durch Befolgung unbegreifbarer Satzun¬ 4 gen am meisten anerzogen wird. Die Beobachtung so mancher mit dem Verstände nicht erkennbarer religiöser Ucbuiigen soll uns darüber belehren, daß wir nicht die letzten Ursachen und nicht alle Zusammenhänge des Geschehens, nicht die Gesetze des Entstehens und Vergehens, nicht die treibenden Kräfte in der Völkergeschichte und nicht eine Gesetzniäßigkeit in dem Schicksals der einzelnen Menschen durchschauen können. Dürfen wir Menschen stolz sein auf die Errungenschaften der Jahrtausende geistigen Forschens und Erkennens, so müssen wir doch gewarnt werden vor der Anmaßung, wir könnten bis in die tiefsten Geheimnisse der Weltschöpfung und Weltregierung eindringen und müssen uns bewußt sein, daß wir und alle künftigen Geschlechter nicht alle Rätsel der Welt werden lösen können. So hat ein alter Schriftcrklärer den charakteristischen Satz über das Schofar-Blasen: „Eine Satzung ist es für Israel, ein Recht für den Gott Jakobs", in der Weise gedeutet: Was für uns Israeliten eine unbegreifliche Satzung ist — beim Gott Jakobs ist es eine gerechte Forderung. Verlangt somit Maimonides, daß der Israelit die einzelnen Gesetze der Tora gehorsam erfülle, selbst wenn ihre Bedeutung sich ihm nicht erschließt, so glaubt er doch, daß es nicht nur gestattet, sondern geboten ist, nach der Bedeutung der biblischen Satzungen zu forschen und daß wahre Frömmigkeit sich mit verstandesmäßiger Erkenntnis verschwistcrn solle. So weiß er die kurze Vorschrift der Tora über das Neujahrsfest: „Am ersten des siebenten Monats sollt ihr eine Festesfeier begehen, ein Gedenken durch Posaunenblasen"- eindringlich zu erweitern: Erwachet ihr Schlafenden, gedenket eurer Taten und tut Buße vor eurem Schöpfer!" — Israel feiert das Neujahrsfest als Tag der Weltschöpfung. Da tauchen wohl Gedanken über das Wunder der Schöpfung auf, aber die wichtigste Frage ist: Habe ich, ein so geringfügiges Teilchen im Weltganzen, einen weisen, gottgefälligen Gebrauch von meinen Fähigkeiten, von den Gütern und Freuden der Welt gemacht? Habe ich nicht eitlen, vergänglichen Dingen nachgejagt und die ewigen Werte gering geachtet? Habe ich meine geistigen Kräfte nicht auf ein falsches Ziel gerichtet und das wahre Ziel des Menschen aus den Augen verloren? Maimonides lehrt uns: Jede einzelne Tat — und nur diese hat Wert — dient der Menschheit, der Tu zu Dauk verpflichtet hist, zum Heile. Laß Dich von der Ausübung des Guten nicht zurückhalten durch Undank, Verkennung und Mißdeutung, nicht durch falsche Bescheidenheit und nicht durch die Größe der zu überwindenden Schwierigkeiten. „Du kannst nicht das ganze Werk vollbringen — d. h. alle Ideale verwirklichen — aber Du bist nicht berechtigt, dich ihm zu entziehen", sagen unsere alten Weisen. — „Du kannst, was Du willst" ist sicher eine stark übertriebene Behauptung, aber „wolle, was Du kannst", ist die bescheidene Forderung, die der Schofar-Schall an Dich stellt. Die drei verschiedenen Schofar-Töne lassen sich als Künder tiefreligiöser Mahnungen vernehmen. T e k i o , der langgezogcne gerade Ton, der nach der Bestimmung der Tora (4M.l0, 7)' die Gemeinde versammeln sollte, mahnt auch uns heutige Israeliten: Sammelt euch, schließet euch zusammen, ihr bildet seit ältester Zeit ein Ganzes. Wird ein Teil von Euch angegriffen, dann erzittert der ganze Körper Israels, darum lasset es nicht an Opferwilligkeit fehlen, wenn es gilt, den Gefamtkörper am Leben und in Gesundheit zu erhalten. Dieser Organismus besteht aus kleineren und größeren Gebilden, aus Stadt- und Landgemeinden; eine jede Gemeinde wird gebildet von Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern, die nicht in allen religiösen Fragen übcreinstimmen und nicht zu einer Einheit der Anschauungen gebracht werden können, aber Vertrauen, Liebe, Duldsamkeit sollen alle einander cntgegenbringen; der Kampf der Meinungen, wo er ausbricht, soll me anders als mit ehrlichen Waffen und nur mit Waffen deZ Geistes geführt werden, nie mit Roheit und Gewalt! Scheworim, die gebrochenen Töne entringen sich einer jeden Menschenbrust; denn welches Menschenherz ist nicht schon durch schwere Schicksalsschlage erschüttert wordeu?! Und wehmutsvoll gedenken wir aller der Geschlechter, die für ihr Judentum gelitten haben und gestorben sind. Aber diese Töne Scheworim sind mit Teruo verbunden: die Wehklage soll in freudigen Jubel übergehen. „Die mit Tranen säen, mit Jubel werden sie ernten." Unser Rechtsgefühl wird oft aufs tiefste erschüttert durch Schmähuugen, die Unwissenheck und Bosheit auf uusere heilige Lehre häufen, zornerfüllt erklingt unsere Klage über die Verdrehung des Rechts und Mißachtung der Gerechtigkeit. Bald aber kann unsere Seele den Sieg der Gerechtigkeit über die Bosheit besingen. Denn „jede Waffe, die gegen Dich geschmiedet, richtet nichts aus, und jede Zunge, die gegen Dich streitet, überführst du des Unrechts." Den Abschluß der dreißig Töne bildet die Tekio gedaulo, die große Tekio, das ist der Ausdruck der Hoffnuiig auf die einstige Sammlung der gaiizen Menschheitsfainilie. Auf seinem Leidenswege hat Israel niemals den Glauben an die göttliche Gerechtigkeit, niemals aber auch den Glauben an die Menschheit verloren, stets hat es sich, besonders aber an den heiligsten Festen des Jahres zu seinen Propheten bekannt, die die Vereinigung aller Völker in Bruderliebe und Frieden verheißen. Dieser Glaube an