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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-08-01 · 3/4 (August/September 1926) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
3/4 (August/September 1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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nämlich ist zu ersehen, daß Gott aus seiner Wolkenhöhe herniedergestiegen und gleich einem Vorbeier in ein Tallis gehüllt vor das Vorbeterpult hingetreten sei und dem Mose die „Gebetordnung der Selichoth" kundgetan habe. Diese Sätze und Abschnitte der heiligen Schrift, vor allem die schelosch esre Midoth, „die 13 Eigenschaften göttlicher Huld uud Liebe", bilden den Grundstock, an den sich seit ältester Zeit immer neue Aeste und Ranken angesetzt, die Wurzel, die immer neue Sprossen und Blüten der Selichothdichtung hervorgetrieben hat. Wie hervorragend und vorherrschend auch immer die Stellung sein mag, die diese ältesten Bestandteile in der „Ordnung der Selichoth" einnehmen mögen — und sie zeigt sich in der häufigen Wiederholung derselben an jedem Selichothtage — so nehmen doch die jüngeren Bestandteile, die Schöpfungen späterer Zeit, sowohl geschichtlich als auch geistig unser Interesse stärker in Anspruch, stehen menschlich und gefühlsmäßig uns näher. Denn, was unsere Vorfahren in dem für sie endlos langen Mittelalter an herbem Leid und unsäglichem Schmerz erfahren, an Bedrückung und Entrechtung, Kränkung und Schmähung, was ihnen das Herz bedrückt, das Gemüt erschüttert, das Auge getrübt und verdunkelt hat — all das tausendfältig Erduldete, Erlittene — in den Selichoth, den Klage- und Büßliedern fand es Ausdruck, rang es nach Ausdruck, soweit eben Unaussprechliches ausgesprochen und geschildert werden kann. Aber auch die Art, wie diese Schrecknisse selbst von »denen geschildert werden, die sie mit eigenen Augen geschaut, an eigenem Leibe erfahren haben, verdient Erwähnung, Hervorhebung. Da begegnet uns ein Ausdruck von Fluch und Verwünschung nur in den seltesten Fällen, von unstillbarem Verlangen nach Rache, von einem Wunsche, das unschuldig vergossene Mut durch neues Blutvergießen zu sühnen, dürste an keiner einzigen Stelle die Rede sein. Man prüfe daraufhin als ein Musterbeispiel für das Gesagte die bekannte Selicha des berühmten Rabbenu Gerschom, die mit den Worten beginnt: „Sechor Berts" „Gedenke des Bundes" und die dem letzten Selichothtage vor dem Neujahrsfeste seinen besonderen Namen verliehen hat. Er war Zeuge der ersten Glaubensverfolgung aus deutschem Boden im Jahre 1012 gewesen, da er in dieser Zeit als Rabbiner in Mainz lebte. Er sebst gehörte zu den durch die Verfolgung am schwersten Getroffenen, und doch wie hoch uud edelsinnig, wie mild und verklärt ist der Ausdruck seines Schmerzes, seiner Klage. So weit waren unsere Vorfahren bereits im dunklen Mittelalter in echter religiöser Kultur sortgeschritten, so tief hatte der ethische Monotheismus der Propheten in ihrem Herzen Wurzel geschlagen. Weit entfernt, durch die erlittenen unsäglichen Leiden sich zu verhärten und zu verrohen, wurden sie durch sie geadelt und veredelt, seelisch vertieft und geistig erhöht, wurden sie Helden und Heroen des Leidens, des Märtyrertums. Darum sind diese Zeugen einer großen, schweren uud leidvollen Vergangenheit auch für uns Klassiker der Religion, nicht so sehr des religiösen Gedankens, als vielmehr des religiösen Lebens, Erlebens, Duldens und Ertragens, menschlicher und religiöser Bewährung im Leid, im Schmerz. Darum sind sie für uns noch wertvoll und werden wertvoll bleiben, belehrend und erhebend, tröstend und stärkend, solange Leid und Schmerz aus dem Leben nicht getilgt sein wird, solange der Mensch Mensch sein wird. Rosch-haschonohgedanken. Von Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Darmstadt. „Das Geheimnis ist des Ewigen unseres Gottes, aber das Klare ist uns und unseren Kindern in Ewigkeit, zu erfüllen alle Worte dieser Lehre." (5. B. M., Kap. 29, V.28.) Alle unsere Feste beginnen mit dem Abend, aber am Roschhaschonoh gewinnt diese Sitte ihren besonderen Sinn: Der Abend mit seinem Dunkel und seinem Geheimnis, der nach dem Tage mit seinem Lichte und seiner Klarheit heraufdämmert — ein Gleichnis sür alles Menschendasein. Von Licht und Dunkel, von Klarheit und Geheimnis erfüllt ist unser ganzes Leben. Das Geheimnis steht an unserer Wiege. Wir wissen nicht, warum wir gerade in diesem Hause zum Leben erwachten, warum wir gerade in diese Familie, dieses Land, diese Glaubensgemeinschaft hineingestellt wurden, und das Geheimnis steht'an unserer Bahre. Wir wissen nicht: Ist der Tod das Letzte? Bedeuten die Schleier, die er über uns wirft, ewiges Dunkel, oder sind sie nur eine flüchtige Hülle, die uns nur zeitweilig den Ausblick zum Lichte verbirgt? Ist der Tod nur ein Uebergang zu neuen Welten und neuen Zielen? — Aber es sind keineswegs nur die beiden Grenzsteine unseres Lebens, Geburt und Tod, die das Geheimnis deckt; jeder Tag hat sein Unerklärbares, jede Stunde hat ihr Geheimnis. Wann fühlten wir es stärker als am Rosch-haschonoh, da ein altes Jahr mit seinen Rätseln und Unbegreiflichkeiten versinkt und ein neues V Jahr mit seinem Dunkel und seinem Geheimnis vor uns steht. Wenn wir Rückschau halten: Warum mußte dieser in der Vollkraft der Jahre den Seinen entrissen werden, und warum mußte jener, der längst müde ist, längst schlafen möchte, die Bürde des Lebens weiter tragen? Warum hat Krankheit und Sorge in dieser Familie eine schier unausrottbare Stätte und warum wird über jene Familie, die der anderen an Frömmigkeit, an sittlicher Lebensführng weit nachsteht, das Füllhorn des Glückes immer wieder ausgeschüttet? Und wenn wir vorwärts blicken, dasselbe Dunkel, dasselbe Geheimnis. Wie wird unser Leben im neuen Jahre sich gestalten? Werden wir gesund bleiben, wir und alle, die unserem Herzen nahe stehen, oder wird der Tod an unsere Pforte pochen, werden wir Erfolg haben in unserem Berufe? Alles Fragen, auf die wir vergebens Antwort heischen. Im Laufe des Jahres, da wir uns der ganzen Rätselhaftigkeit unseres Lebens bewußt werden, da kommen wohl Stunden über uns, daß wir uns zweifelnd fragen, ob unser Leben überhaupt einen Sinn habe, oder ob die Heiden nicht recht haben, die meinen» daß das ganze krause Getriebe hier aus Erden nur die tolle Laune eines blöden Zufalls bilde. Aber in diesen Tagen, da Rosch-haschonoh-Gedanken unsere Seele erfüllen, empfinden wir, daß die Schleier, die unser Leben decken, und an denen wir wohl sonst ärgerlich zu zerren pflegen, — daß gerade diese Schleier das Wertvollste unseres Lebens darstellen, weil sie das Geheimnis verhüllen, und das Geheimnis, das ist es, was den tiefsten Grund unseres Lebens bildet, jenen Grund, den wir ähnlich wie beim Meere nicht schauen sondern nur ahnen können; das Geheimnis, das ist es, was unserm Leben das Wunderbare, das Unbegreifliche, das Göttliche gibt —, wie es die Bibel ausdrückt mit den Worten: „Das Geheimnis ist des Ewigen unseres Gottes ..." Das ist auch die Ursache, weshalb der Gottesdienst am Abend uns in der Regel stärker ergreift als der Gottesdienst am Tage. Der Abend hat sein Geheimnis, und das Geheimnis schlägt die Brücke vom Zeitlichen zum Ewigen. Das ist es auch, was diesen Tagen, denen wir jetzt entgegen gehen, ihr Feierliches gibt, diese unbeschreibliche Mischung von Zagen und Hoffnung, von Furcht und Seligkeit, es ist das Geheimnis, das diese Tage umweht, das Gefühl des Juden, verbunden zu sein mit etwas, durch das unser ganzes Leben erst seine Tiefe, seinen eigentlichen Sinn empfängt. Ja, „das Geheimnis ist des Ewigen unseres Gottes" — durch das Geheimnis spricht Gott zu uns, es ist der Weg Gottes zum Menschen. Unser Leben hat aber nicht nur seine Tiefe, es hat auch seine Weite; unser Leben hat nicht nur seinen Grund, es hat auch seinen Weg und sein Ziel. Und dieser Weg und dieses Ziel ist angedeutet in der zweiten Hälfte des Satzes, der dieser Betrachtung vorausgeschickt wurde: „.... Das Klare ist uns und unseren Kindern in Ewigkeit, zu erfüllen alle Worte dieser Lehre." In dem Geheimnis, das uns umgibt, find wir die Empfangenden, Gott kommt gleichsam zu uns, Gott beschenkt uns. Aber ein Gebiet unseres Lebens gibt es, da sind wir nicht die Empfangenden, da sind wir nicht die Beschenkten, sondern die Schaffenden. Ein Gehiet unseres Lebens kennt die heilige Schrift, das ist nicht geheimnisvoll, das ist nicht dunkel, das ist klar, so klar, daß es ein Kind selbst begreift, ein Kind schon davon ergriffen wird, uud das ijt der Weg der Pflicht, den wir gehen sollen, das ist das Gute, das wir wirken sollen, wie es die Bibel ausdrückt „zu erfüllen alle Worte dieser Lehre." In dem Geheimnis kommt Gott zu uns, spricht Gott zu uns; aber in dem Guten, das wir tun, in der Pflicht, die wir erfüllen, in dem Sittlichen, das wir aufbauen, da kommen wir zu ihm, steigen wir gleichsam zu ihm empor, tragen wir in unser vom Geheimnis Gottes umwobenes Leben die Klarheit treu erfüllter Pflicht. Bisher war nur von dem Einzelnen die Rede. Aber auch die Völker haben ihr Geheimnis, auch die Völker ihre Klarheit. Auch die Völker haben ihren rätselhaften Grund, ihre Tiefe, in der sie wurzeln, auch die Völker haben den Weg zu dem klaren Ziele, den sie gehen sollen. Es ist die Tragik der Nationen, daß, weil sie die Verbindung mit dem Geheimnis lösten, das heißt, mit den Wurzeln ihrer Kraft, sie auch in dem Wege irrten, den ihnen die Vorsehung gewiesen. Deshalb sind sie zugrunde gegangen. Diese Tragik ist besonders deutlich in der Geschichte des Judentums. Weshalb sind wir in die Zucht einer Jahrtausende langen Lerdensschule genommen worden, weshalb mußten wir den Kelch der Schmerzen bis zur Neige leeren? Weil wir, das Volk Gottes, wir, die wir anderen erst die Augen öffneten über die Tiefen und Rätsel der Welt, wir, die wir andere erst das Ahnen des Geheimnisses lehrten, weil wir selbst die Quellen unserer Kraft verschütteten, indem wir das Geheimnis unseres Lebens preisgegeben haben, — unseren Gott. Wenn wir das Los der übrigen Völker des Altertums nicht teilten, wenn wir nicht untergegangen sind, so ist es das Verdienst unserer Propheten und Lehrer/die uns immer wieder die Tiefen unseres Seins aufzeigten, uns immer wieder an das Geheimnis unseres Lebens erinnerten, ist es das Verdienst des Heiligen Buches, das mit uns ging auf unserer Wanderschaft, und uns immer wieder das Ziel wies, das uns und 3

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