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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-08-01 · 3/4 (August/September 1926) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
3/4 (August/September 1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Vom hessischen Landesverband. Der Schulausschutz unseres hessischen Landesverbandes ist am Sonntag, den 29. August, vormittags 10 Uhr, in Frankfurt am Main zu einer Sitzung zusammengetreten; die fünf Mitglieder, die Herren Rabbiner Dr. Sander, Gietzen, Dr. Levi, Mainz, die Herren Lehrer Kahn, Alsfeld, Simon, Darmstadt, und Herr Steinberger, Alsfeld, waren vollzählig anwesend. Als weitere Leistung aus der Verbandskasse wurden einer Anzahl von Lehrern und Kultusbeamten 1400 RM. als Zuschuh zu ihrem Einkommen bewilligt. Ferner wurde ein Antrag einstimmig angenommen, der dahin geht, die Anstellungsverhältnisse der jüdischen Beamten in den Landgemeinden zu verbessern und den Umfang der religiösen Versorgung in den Landgemeinden zu erweitern. Die zur Erreichung dieser Ziele notwendigen Mahregeln wurden in einer Aussprache geklärt, die erforderlichen Mittel beim Oberrat beantragt. Es ist zu erwarten, daß die Anträge noch in der Oktobersitzung des Oberrats ihre Erledigung finden. Vw sverband ,uden. der deutschen Die Vertreter-VerjaHWjßkug der jüdischen Landesverbände, die, wie wir in unserem letzten Mitteilungsblatt berichteten, für den 18. Juli nach München zusammenberufen war, um die Grundsätze für die Schaffung eines jüdischen Reichsverbandes noch einmal durchzuberaten, hat sich in einmütiger Zusammenarbeit auf einer Grundlage geeinigt, die allen berechtigten Wünschen der Beteiligten entsprechen dürfte. Als Bezeichnung für die neu zu schassende Reichsorganisation wählte man den Namen „Jüdischer Reichsverband". Ein eingesetzter Verfassungsausschutz wird den endgültigen Entwurf noch im Herbst dieses Jahres den Landesverbänden zur Stellungnahme zuleiten, so datz noch in diesem Jahre durch Annahme de^-Verfassung in den einzelnen Verbänden die Reichsorganisation geschaffen werden kann. Der Monat Ellul. Von Rabbiner Dr. L e w i t, Alzey. Nach dem Sabbat des Trostes lebt in dem religiösen Juden der Gedanke an die hohen Festtage, die Jomim nauroim, auf. Eine heilige Vorbereitungszeit hält ihren Einzug. Sieben Wochen bis zum Rausch-haschono-Feste. An jedem Sabbat wird ein trostreiches Kapitel aus dem prophetischen Buche Jesaia als Haftara vorgelesen, die sogenannten schewa nechemtaus. Der ganze Monat Ellul gilt als Vorbereitungsmonat auf die hohen Feste und mahnt zur Sammlung. Es wird frommer in jüdisch-religiösen Häusern, das Gotteshaus wird fleißiger besucht, alltäglich außer Samstag wird Schofar geblasen, durch dessen Schmetterton die Schläfer aus der Gleichgültigkeit geweckt werden sollen, so datz ein jeder sich frage, ob seine Tätigkeit einen Sinn habe und fortgesetzt zu werden verdient. Die Gräber der Verwandten werden aufgesucht, owaus genannt. Wie eine heilige Melodie begleitet ferner den Monat Ellul und den Festmonat Tischri der ergreifende 27. Psalm: „^äauuoj auri ^ejiseüi mimi iro", „Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem soll ich mich fürchten, Gott ist meines Lebens Schutzwehr, vor wem soll ich erzittern?" So erreicht nun dieser letzte Monat des religiösen Jahres seinen Höhepunkt in den Selichaus-Gebeten der letzten Woche vor dem Neujahrsfeste. Ein Hauch alter Poesie und vertiefter, stimmungsvoller Religiösität lebt auf in den jüdischen Häusern und in der jüdischen Gemeinde und bringt uns weihevolle Erinnerungen mit in das sonst so nüchterne Leben. Wir müssen uns hineinleben in diese Stimmung, wir müssen uns sammeln, die heilige Festeszeit mutz auch wirklich den Segen auf unser Haupt bringen, den sie spenden soll, uns wahrhaft zu echtem Menschentum zu erheben und das Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit und der Prüfung unseres Lebens in uns zu erwecken. Es ist darum notwendig, auf die Feier der hohen Feste, Rausch-haschono und Jaumkipur, uns vorzubereiten und unser Gemüt zur Aufnahme ihrer hohen Bedeutung empfänglich zu machen, denn unvorbereitet wäre die Fülle der hohen Aestgedanken uns fast unzugänglich. Die Feste sollen in ihrer Wirkung aus uns nicht dem Meteore gleichen, der in dunkler, sternenreicher Nacht plötzlich sichtbar wird und durch den Himmelsraum dahinfliegt, ihn erhellt und sofort verschwindet. Als der Meteor erschien, hatten wir von seinem Eintreffen nichts gewutzt, wir hatten nicht Sammlung genug, ihn zu betrachten und so war er ganz ohne Wirkung für uns wieder verschwunden. Die Feste sollen vielmehr in ihrer Wirkung der Sonne gleichen. Noch vor Sonnenaufgang und ebenso nach Sonnenuntergang erhellen und erwärmen die Strahlen der Sonne schon lange vorher und noch lange nachher den Himmelsraum und die Erde. Lassen wir darum den Vorbereitungsmonat Ellul nicht wirkungslos an uns vorübergehen, sondern eine Zeit der Sammlung und Einkehr für uns sein! Schon von Moses rührt die Einrichtung her, daß man dreißig Tage vor dem Feste über die Festordnung spreche, so lehrt der Talmud im Tractat Pesachim 6. Denken wir uns solche Rast- und Rüsttage weg aus dem Leben, welchen Sinn hätte dann das Leben? Erfüllen wir darum die Mahnung des Propheten Jeremia: „Ich habe Euch Wächter ausgestellt, hört auf die Stimme des Schofar." Ja, vor uns stehen die Wächter, eine Posaune halten sie in der Hand und lassen ihren Wächterrus erschallen: „Israelit, erkenne Dich, halte Einkehr, werde Dir bewußt, daß Du Mensch bist im Ebenbilde /Äottes!" 2 Die Selichoth, ihre Entstehung und Bedeutung. Von Rabbiner Dr. Holzer, Worms. # Zu den bedeutsamsten und andachtvollsten Tagen des Synagogenjahres gehörten für unsere Vorfahren seit uralter Zeit die Tage der Selichoth, jene Tage, die nach deutschem Synagogenritus mit dem Sonntag der Woche bzw. Vorwoche des Neujahrsfestes beginnen und mit dem Rüsttage des Versöhnungsfestes endigen. Selichoth ist von der Einzahl Selicha gebildet und diese bedeutet: Verzeihung, Vergebung. Seitdem die synagogale Poesie, etwa vom 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung an, im Verlaufe eines halben Jahrtausends eine großartige Entwicklung erfahren und eine gottesdienstliche Literatur geschaffen hat, von einer Höhe Und Tiefe des Geistes, einer Zartheit und Feinheit des Empfindens und zugleich von einer Mannigfaltigkeit und einem Reichtum des Inhalts, wie sie kein zweites Volk auf Erden besitzt, ist das Wort Selicha der typische Ausdruck für jene Gattung synagogaler Poesie geworden, die wir mit Elegie, Klage- und Butzgebet wiedergeben können. Aber damit ist das Alter der Selichoth weder nach oben noch nach unten begrenzt. Denn man geht gewiß nicht fehl in der Annahme, wenn man die Selichoth zu den allerältesten Bestandteilen unseres Gottesdienstes rechnet. Die Selichoth sind so alt wie unser Gottesdienst, ja, fast könnte man sagen, älter als dieser. Enthält doch das jüngere biblische Schrifttum bereits, ja selbst schon das Fünfbuch Mosis, Ansätze zu solchen Gebeten nicht nur, sondern geradezu fertige Gebete dieser Art. So lesen wir in dem 2. Buch Mosis in jenem Abschnitt, der an jedem Fasttag im Gotteshaus zur öffentlichen Verlesung gelangt die für die Selicha kennzeichnenden Gebetssätze: „Und es flehte Mose vor dem Antlitz des Ewigen seines Gottes und sprach: Warum, o Ewiger, entbrennt Dein Zorn über Dein Volk, das Du mit großer Kraft und starker Hand aus Aegypten geführt hast? Ewiger, Ewiger, barmherzig und gnädig, langmütig, reich an Huld und Treue, der Liebe bewahrt dem tausendsten Geschlecht, der Schuld, Missetat und Sünde verzeiht, aber auch nichts ungestraft läßt. Verzeihe unserer Sünde und unserer Schuld und nimm uns wieder gnädig auf." Eine fertige Selicha liegt im Buch Daniel Kap. 9 vor: „O Ewiger/ großer, erhabener Gott, der Du den Bund und die Gnade bewahrst denen, die Dich lieben und Deine Gebote beobachten. Wir haben gesündigt und gefehlt und uns empört, wir sind abgewichen von Deinen Geboten und Deinen Rechten. Ewiger erhöre uns, Ewiger vergib, Ewiger vernimm und vollführe es, zürne nicht um Deinetwillen, o Gott, dessen Name genannt wird über Deiner Stadt und Deinem Volke." So haben auch unsere alten Weisen über das Alter und die Entstehung der Gebetsform der Selichoth gedacht und in der Sprache der Legende ausgesprochen. In einem Werk, das seine endgültige Abfassung dem 10. Jahrhundert verdankt, das aber sehr viel älteres Geistesgut enthält, heißt es vöm Ursprung der Selichoth: Der König David habe lange Zeit voller Schmerz und Kummer den Gedanken erwogen, wie und wodurch Israel Verzeihung für seine Sünden gewinnen könnte. Da habe er. die Stimme Gottes vernommen, die zu ihm sprach: „Wenn Leiden über Israel kommen um ihrer Sünden willen, dann sollen sie einig und geschlossen vor mich hintreten, ihre Sünden bekennen und Selichoth sprechen und ich werde sie dann erhören." Wo aber ist dies in der heiligen Schrift angedeutet? Rabbi Jochanan lehrte: Das ist angedeutet in dem Satz II. Mos. 32/5. Aus diesem

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