Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 2 (7.1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Tempelberges lag. Im zweiten Kapitel des sechsten Buches seiner Darstellung erzählt Iosephus: Der Caesar befahl seinen Soldaten, die Fundamente der Antonia zu zerstören, um ihnen das Vordringen zum Tempel zu erleichtern. Er hatte erfahren, datz an diesem Tage — dem siebzehnten des Monats Panemos (Tammus) — das tägliche, Gott dargebrachte Opfer aus Mangel an Männern nicht mehr vollzogen werden konnte, was das jüdische Volk sehr bekümmerte. Cr ließ nun den Iosephus zu sich holen und trug ihm auf, dem Befehlshaber in Jerusalem, dem Johannes (von Giskala), zu übermitteln, er solle, wenn er so kampflustig sei, mit einer ausgewählten Schar herauskommen, er solle nicht die Stadt und den Tempel mit sich ins Verderben reißen und solle nicht 'weiter das Heiligtum beflecken und gegen Gott sündigen. Er möge dam: den eingestellten Opserdienst durch Juden, die er bestimmen könne, wieder ausnehmen. Iosephus stellte sich nun so aus, datz er von Johannes und vom Volke gehört werden konnte, übermittelte in hebräischer Sprache, was ihm Titus ausgetragen hatte Uttd bat dattn noch flehentlich, die Juden sollten doch die Vaterstadt retten und ihr das Feuer, das den Tempel schon bedrohe, fernhalten und die täglichen Opfer wieder darbringcn. Das Volk schwieg traurig; der Gewalthaber aber verhöhnte und verfluchte den Iosephus uitd brüstete sich mit den Worten, er fürchte nicht die Eroberung der Stadt, denn sie habe Gottes Schutz. Da rief ihm Iosephus mit lauter Stimme zu: Ja, du bewahrst diese Stadt in Reinheit, du erhälstz das Heiligtum unbefleckt! Du hast dich gegen Den, aus dessen Schutz du dich verläßt, nicht vergangen; du bringst ihm ja die üblichen Opfer! Nicht wahr, wenn dir, du Gewissenloser, jemand dein tätliches Brot sortnimmt, dann ist er doch in deinen Augen dein Feind? Aber du meinst, datz Gott, dem du die von alters her^ dargebrachte Opsergabe nimmst, dir Freund und Helfer sein nüisse! Ilnd willst vielleicht für deine Frevel noch die Römer verantwortlich machen, die die Gesetze achten und die Opfer gern dargebracht sähen. Wer mutz da nicht über die Verkehrung, die in der Stadt vorgeht, trauern und klagen? Freund und Feind bemühen sich, deine Vergehungen gegen Gott wieder gut zu machen; aber du, ein Jude, wütest gegen alle Vorschriften schlimmer, als ein Feind es kann. Johannes, es ist keine Schande, sich von Sünde und falschem Wege zu bekehren. Latz dich vom Beispiel unseres Köngs Jechonia leiten, der um die Stadt zu retten, damals, als die Babylonier gegen sie vorgingen, freiwillig die Stadt verließ und in Kriegsgefangenschaft zog. Dieser König wird noch heute im Liede gefeiert, sein Name besteht von Jahrbundert zu Jahrhundert im Gedächtnis spätester Geschlechter. Ich rede als Landsmann und als Jude zu dir und verbürge mich, datz du von den Römern Begnadigung finden sollst, wenn du meinem Rate folgst. Ich werde in meinem Leben nicht so sehr nach als Kriegsgefangenen betrachten, datz ich etwa mein Volk verriete und mein Land vergäße. Aber du beschimpfst und schmähst mich. Ich verdiene tatsächlich noch mehr Schmach, weil ich meine, das Schicksal auszuhalten und einen Menschen, der schon ausgegeben ist, durch Ermahnungen noch retten zu können. Wem sind die Prophezeiungen der alten Propheten nicht bekannt, die jetzt beainnen in Erfüllung zu gehen? Sie sagten: dann wird Jerusalem vergehen, wenn män das Blut der eigenen Volksaenossen vergießt. Ist nun der Tempel und die Stadt nicht angefüllt mit Leichen der Brüder, die ihr selber hingeichlachtet habt? Gott selber also wird durch die Römer das Feuer anlegcn, das den Tempel reinigen und die Stadt des Frevels vertilgen mutz. Weder dieser Versuch des Iosephus noch andere Versuche, der Stadt das Schlimmste zu ersparen hatten Erfolg. Die Belagerten hielten hinter wankenden Mauern, inmitten der täglich drückender werdenden Hungersnot aus, ein Stück Mauer nach dem anderen, ein Tor um das andere, ein Turm um den anderen fiel den Römern nach der hartnäckigsten Verteidigung durch die Juden in die Hände. Der nicht endenwollende Kampf, die Strapazen und die beunruhigenden Ueberfälle von Seiten der Juden hatten die römischen Soldaten' zu einer maßlosen Erbitterung gebracht. So kam es, daß am 9. Av ein Soldat, entgegen dem Wunsche des Titus, ein brennendes Scheit durch das „goldene" Fenster in das Tempelgebäude warf. Qualm, Flamme, hellloderndes Feuer stieg in wenigen Augenblicken empor; der Tempel brannte. Die Juden standen wie gelähmt vor Schreck, dann brach die Panik aus; sie gaben sich mit den Waffen selbst den Tod, stürzten sich in die 4 Flammen. Titus eilte, wie er ging und stand aus der Antonia, wo er sein Quartier eingerichtet hatte, herüber, befahl zu löschen. Niemand hörte, niemand gehorchte, mit einem Stabe suchte er vergebens, seinen Befehl durchzusetzen: vergebens! Der Tempel verbrannte. Nun wurde ganze Arbeit getan, auch die Hallen ringsum, die Tore und Türme, bis auf drei, wurden eingeäschert und dem Erdboden gleichgemacht. Das Unheil wird von Iosephus im 5. Kapitel des 6. Buches geschildert: Unterdessen hatten die Römer die Mauerreste besetzt, die Feldzeichen darauf aufgestellt, unter Händeklatschen den Siegesjubel erschallen lassen. Doch noch leichter als sie gehofft, war das siegreiche Ende erreicht. Sie konnten kaum begreifen, daß sie kampflos die letzte Mauer erklimmen dursten. Sie hielten es für unmöglich, daß kein Feind mehr zu sehen sei. Sie zogen die Schwerter, schwärmten durch die Gassen, hieben nieder, was ihnen in den Weg kam, verbrannten die Häuser, in welchen Juden Zuflucht gesucht hatten, sie plünderten, was zu plündern war. Manchmal aber fanden sie in einem Hause, in das sie beutegierig eingedrnngcn waren, ganze Familien als Leichen und wenn sie ans den Dächern die Hausen der Verhungerten sahen, gingen sie entsetzt über den Anblick mit leeren Händen wieder heraus. Wenn sie das Schicksal dieser elend Umgekommencn auch jammerte, so kannten sie doch kein Mitleid mit irgend etwas, das noch lebte. Sie stießen nieder, was ihnen begegnete, die Durchgänge wurden verstopft mit Toten, das Blut strömte über die Straßen, so datz tatsächlich mancher Brand durch Blut gelöscht wurde. Erst mit dem hereinbrechcndcn Abend ließen sie vom Morden ab, der Brand aber loderte die ganze Nacht hindurch. — Die Sonue ging auf über guaftnenden Trümmern einer Stadt, die beneidenswert gewesen wäre, wenn sie in der ganzen Zeit seit ihrer Gründung so viel Glück gesehen hätte, wie sie in der Zeit dieser Belagerung Not und Unheil erleben mutzte. Nichts anderes aber bat ihr diese Fülle des Unheils zugczogen, als dies, datz sie ein Geschlecht hervorgcbracht hatte, welches sie ins Unglück stürzte. So war die Herrlichkeit des Tempels ein zweites Mal dabin und ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Aber unser Bild von jenen Vorgängen wäre unvollständig, wenn wir vergäßen, daß doch ein Heil verblieb. Die Opfer hatten ausgehört, der Tempel war gestürzt. die Lehre aber lebte. Aus der belagerten Stadt war Rabbi Iochanan ben Sakkai, ein Lehrer mit seinen Schülern durch eine List entkommen. Er hatte dann von Titus die Erlaubnis erhalten, in Iabne ein Lehrhaus zu# gründen und von dieser Pflanzstätte ging neues Leben' aus. Zwar wurde die Bestimmung getroffen, daß man in jeder Freude sich an das Leid um Jerusalem erinnern müsse, aber eine neue Arbeit, ein neuer Aufbau sollte beginnen; er begann und hat sich fortgesetzt durch Altertum, durch Mittelalter in die Neuzeit hinein. Wie man über diese neue Pflicht im Kreise der größten Lehrer, die das Unheil noch selbst erlebt halten, dachte, das geht aus einer Erzählung hervor, die im babylonischen Talmud, Baba bathra Seite 60 tz., zu lesen ist. Dort heißt es: ' Als der Tempel das zweite Mal zerstört war, nahmen manche die Entsagung auf sich kein Fleisch mehr zu essen und keinen Wein mehr zu trinken: Da sprach Rabbi Iosua — der ein Schüler des Rabbi Iochanan ben Sakkai war — zu ihnen: Meine Söhne, warum wollt ihr kein Fleisch essen und keinen Wein trinken? Da antworteten diese Männer: Wie sollten wir Fleisch essen, wo man Fleisch nicht mehr wie früher aus den Altar darbringen kann! Und wie sollten wir Wein trinken, wo wir die Wein-Gußopfer nicht mehr verrichten können! Da antwortete Rabbi Iosua: Dann dürfen wir auch kein Brot mehr essen, denn die Speiseopfer.haben .aufgehört, wir dürfen keine Früchte mehr essen, denn die Opferung der Erstlingsfrüchte ist eingestellt. Wenn man aber glaubt, wir könnten noch von denjenigen