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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1926-07-01 · 2 (7.1926) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
1 (1926)
Issue
2 (7.1926)
Date
1926-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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und dann ist es nach Jahren für ihn wie für die anderen schmerzliche Wirklichkeit geworden. Das Leben jedes Propheten war belastet mit den schwersten Pflichten der Verantwortung für das Treiben der Zeit und das Leben jedes Propheten war infolgedessen tragisch zerrissen durch den Gedanken an den Zwiespalt, der bestand zwischen dem von Gott gewollten Ziele und den vom Volke Israel und Juda begangenen Abwegen. Aber dieser Prophet Ieremia hatte wohl das schwerste Prophetenschicksal zu tragen. Sein ganzes Leben opferte er diesem heiligen Dienste. So jung war er zum Propheten berufen worden, daß er mit Hinweis auf seine Jugend sich gegen die Berufung wehrte und vor Gott den Zweifel äußerte, er werde nicht imstande sein, die richtigen Worte gegen die Sünden und die Verirrungen seiner Zeit zu finden. (Ieremia Kap. 1.) Dieser Mann, der selbst dem Priesterstamme angehörte, muß gegen seine Stammesgenossen, die Priester und gegen -falsche Propheten, auftreten. Von Priestern und Propheten, von Fürsten und Königen, von der Masse des Volkes wird er belvottet, Derhöhnt, verfolgt, gestoßen, geschlagen, er wird gefangen gesetzt und gefoltert? seine Schriften, die das drohende Unheil verkünden und in Erinnerung halten sollen, werden verbrannt. Und dann ist doch das schwere Joch, das er von Jugend auf getragen bat, umsonst getragen, seine Worte sind unnütz gesprochen: was er tausendfach in täglichen und nächtlichen Visionen schaudernd gesehen hatte mit dem geistigen Blick des Propheten: er muß es mit leiblichem Auge noch schauen. In das Land, vor dem er sein Leben lang Fürsten und Volk gewarnt hat, wird er schließlich, nachdem die ganze Herrlichkeit Judas und Jerusalem zusammengebrochen und das Land verödet war. als die wilden Tiere den Aufenthalt auf der Trümmerstätte unmöglich machten, gegen seinen Willen geschleppt. Er stirbt im Elend und in der Fremde. ..Mit gutemGrvnde stebt deshalb derVortrag der,.Klaoelicder Jeremias" im Mittelpunkt der Trauer am Tischobeav. Das dritte dieser fünf Kapitel, welches die Lebenserfahrung und das Lebensschicksal des Propheten schildert, ist ein herzbewegendes Denkmal des Leidensweges, aber zugleich auch der Zuversicht auf Gott, seine Gerechtigkeit und Liebe. Es ist ein Denkmal, das heute noch in eindringlicher Sprache zu uns reden darf. Es lautet: Ich bin der Mann, der das Elend geschaut unter der Geißel seines Grimmes. Mich trieb es. mich stieß es wandern lichtlas durch Finsternis. Gegen mich kehrt es sich, gegen mich wendet es seine Hand den ganzen Tag. ... Mir zerfetzt es Fleisch und Haut, mir zerbricht cs die Gebeine. Mich ummauert es. schliert mich eilt mit Giit und Leid. In Finsternis lägt cs mich wohnen wie die Toten der Ewigkeit. Einen Wall hates um mich gezogen, ich kann nicht hinaus, schwer lastet die Fessel am mir. Wenn ich auch klaae. wenn ich jimst schreie, verstopft ist der Weg meinem Gebete. Vermauert hat es mit Quadern meine Wege, meine Pfade irren im Kreis. Wie er nun mit diesen und den folgenden Sätzen sein schweres Lebensschicksal wuchtig zeichnet und über sich sinnt, da findet er sich im Glauben an Gottes Gnade wieder und er fährt in plötzlicher Wendung weiter: Ich habe eine Antwort für mein Herz und darum habe ich Hoffnung. Des Ewigen Liebe hat nidjt aufgehört, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu sind sie an jedem neuen Morgen, groß ist Deine Treue! Mein Teil ist der Ewige, sagt meine Seele; darum harre ich auf ihn. Gütig ist der Ewige gegen die, die ihm vertrauen, gegen die Seele, die ihn sucht. Ja, gütig! drum harre man schweigend auf die Hilfe des Einigen. Ja, gütig dem Manne, wenn er sein Joch trägt von seiner Jugend an. Wenn er einsam sitzt und schweigt, weil Er es ihm auferlegt. Wenn er in den Staub beugt seinen Mund —- vielleicht ist Hoffnung! Wenn er dem Schläger die Wange hinhält und hinnimmt die Fülle der Schmach. Tenn nicht auf ewig verwirft der Herr. Wenn er betrübt, dann erbarmt er sich auch wieder in seiner großen Gnade. So findet der Prophet die lösende Antwort auf sein eigenes Lebensleid und erhebt sich aus dem eigenen Trost zu einer kraftvollen Aufmunterung seines vom Unglück niedergeworfenen Volkes. Die zweite Zerstörung des Tempels. wird uns in verschiedenen Schilderungen, welche teilweise oder völlig erhalten sind, berichtet. Die talmudischen Erzählungen über diese Vorgänge sind zwar keine zusammenhängende geschichtliche Darstellung, geben uns aber an zahlreichen Stellen beachtenswerte Hinweise aus einzelne Vorgänge in dieser Zeit. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus und Dio Cassius wissen uns in ihren Geschichtswerken kurze, zusammenfassende Berichte zu geben über diesen Kamps zwischen den Römern und Juden. Die Darstellung des Tacitus ist aber unvollständig, weil ein Teil seiner Werke und mit diesen auch die Erzählung vom Ende des Kampfes verloren gegangen ist. Die umfassendste Gesamtdarstellung des Kampfes und des Unterganges des zweiten Tempels besitzen wir aus der Feder des jüdischen Schriftstellers Joseph den Math i s j a h u. Dieser war im Jahre 37 nach der üblichen Zeitrechnung in Jerusalem geboren, stammte aus priesterlichem Haus und war mütterlicherseits mit der hasmonäischen Königssamilie verwandt. Er gehörte der pharisäischen Partei an. batte Reisen gemacht, war mit Sorgfalt erzogen und vielleitia gebildet. Als der verhängnisvolle Aufstand aegen die Römer ausbrach, wurde er als Dreißigjähriger Befehlshaber der jüdischen Nordarmee und Statthalter in Galiläa. Seinem Heere war aber Erfolg nicht besckieden, er wurde schließlich in der Festung Iotapata eingeschlossen, non den Römern oekanoen aenommen und nach der Erhebung des römischen Oberbefehlshabers Vesvast'an zum Kaiser der Freigelassene dieses Kaisers. Er erlebte dann den Relt des Krieges im römischen Hauptquartier mit, sab aus nächster Näbe den heldenmütigen Verzweiflunaskampf der Juden und den Untergang des Temvels. Er nahm, wohl aus Dankbarkeit aeaen den flavischen Kaiser, der ibm das Leben und die Freibeit aeschenkt batte, den Namen Flavius Iosevbus an und schrieb die Geschichte des aanzen Krieaes. Ob bei den Umständen, unter welchen dieses Gesckichtswerk zustande kam. alle Einzelheiten einwandfrei und obiektkv aeschildert sind, bleibe in dieser kurzen Betrachtung dobinaestellt. Genug, das Werk ist uns in einer ariechischen Uebersetzung der ursprünglich syro-chaldäisch abgesaßten Aufzeichnung, die verloren geaanaen ist. erhalten und enthält glle Einzelheiten der Zelt und der Persönlichkeiten in einem kebendia und fesselnd gezeichneten Bilde. Wenn er das Werk auch erst nach der Beendigung des Krieaes in Rom. wohin er übersiedelte, in der endaültigen Fassung niederacleat bat so verdient es doch als Ouellwerk der Zeit weitestgehende Beachtung. Eine Schilderung der Vorgänge beim Endkampf nach des Flavius Iosephus Bericht finde darum hier einen Vlatz. Vesvast'an war, zum Kaiser ausgerufen, von Palästina nach Rom gezogen, den Oberbefehl in Palästina übergab er seinem Sohne Titus, der in der Schilderung der folgenden Kämpfe „Caesar" genannt wird. Die Antonia war die Königsburg, welche an der Nordwestecke des 3

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