Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 2 (7.1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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'Vom Veichsverband der deutschen Ittden. Der Entwurf einer Verfassung für einen jüdischen Reicksverband wurde am 6. Juni einer van den Vertretern der Landesverbünde und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes bestellten Kommission vorgelcgr. Diese Kommission, welche sich in Berlin zusammcngefundcn batte, wurde sich nach einigen Abänderungen über den Entwurf einig. Der Entwurf war vom Präsidenten des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden ausgearbeitet. Nunmehr wird eine neuerliche Versammlung der von den Landesverbänden bestellten Vertreter sich mit der nochmaligen Heber- Prüfung und endgültigen Festlegung der Verfassung am 18. Juli in Müncheil befassen. Als Vertreter des Hessischen Landesverbandes wird^ dessen Vorsitzender, Herr Kommerzienrat Mayer, Mainz, und Herr Rechtsanwalt Dr. Baum, Alzey, an dieser Versammlung teilnehmen. An dem Zustandekommen des Reichcwerbandes ist kaum zu zweifeln. Gegenstand von Meinungsverschiedenheit wird jmr noch dis' Höhe der von den Landesverbänden geforderten Beitragsleistung fein, über die aber eine billige Einigung erzielt werden wird. Zur Beachtung! Um unnütze Vergeudung an Zeit und Geld zu verhindern, ersuchen wir diejenigen Gemeinden unseres Verbandes, welche zu den hohen Feiertagen einen Vorbeter brauchen und noch nicht gewonnen haben, uns umgehend unter genauer Angabe, siir welche Tage und für welche Funktionen ein Vorbeter nötig ist, ihre Wünsche zu äußern. Gleichzeitig ersuchen wir diejenigen Herren, welche Vorbetertätigkeit ausüben können und wollen, und noch nicht vergeben sind, sich bei uns zu melden unter Angabe der Tage und der Funktionen, für welche sie sich zur Verfügung stellen können. _ . Wir werden dann gern bereit sein, die Vermittlung der beiderseitigen Wünsche zu bewirken. Der Obcrrat des Landesverbandes der israelitischen Relig.-Gem. Hessens, Mainz, Hindenburgstr. 44. Der Tischo-beav. (fällt in diesem Jahre auf deit 20. Juli.) Zwei düstere Ereignisse in der jüdischen Geschichte bestimmen die Eigenart des 9. Av. als des wichtigsten Fast- und Trauertages im Kalender der Juden. Der Versöhr.ungstag scheidet bei dieser Gegenüberstellung aus, weil er ein Fasttag aber kein Trauertag ist. Die beiden Ereignisse, welche dem 9. Av. seine Bedeutung als Trauertag geben, liegen zeitlich etwa 690 Jahre auseinander, aber inhaltlich stimmen sie überein. Zweimal ging der Tempel in Jerusalem an diesem Tage in Trümmer: das erste Mal wurde er von den Babyloniern im Jahre 586 vor der üblichen Zeitrechnung zerstört, das zweite Mal vernichteten ihn die Römer im Jahre 70 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung. Entsprechend der Schwere des Ereignisses sind die Vorschristen für diesen Trauertag so schwer, das; wir ihn als wichtigsten Trauertag bezeichnen können. Während an den vier sonstigen Fasttagen der Genuß von Speise und Trank erst von morgens vor Beginn des Tageslichts verboten ist und uns sonstige^Entfagungen nicht auserlegt sind, beginnt das Fasten am Tischo-beav schon am Vorabend etwa eine Viertelstunde vor Eintritt der Nacht. Bis nach Mittag des Tages sollen wir alle BeschästiguiiH, welche uns der Trauer entziehen könnte, unterlassen. Wir sollen uns zur Trauer mederfetzen, wie um den Tod eines nahen Verwandten. Die letzte Mahlzeit vor Fastenbeginn soll aus einem einzigen Gericht bestehen, der Vorhang wird von der heiligen Lade bis zum Mincho-Gebete des Tages entsernt. Tallis und Tefillin werden beim Morgengebet nicht angelegt, sondern erst zum Nachmittagsge'bet. Am Abend nach dem Maariv-Gebet werden die Klagelieder Jeremias und Trauergesänge vorgetragen und beim Morgengebet nach Tora- und Hastara-Vorlesung wiederum Trauergesänge rezitiert. Der Tag selbst und die vorangehende Zeit erlegt außerdem zahlreiche Beschränkungen in der Lebenssührung auf. Die Zerstörung des ersten Tempels hat man, solange der Tempel in Trümmern lag, gewiß schon betrauert. Davon berichtet uns der Psalm 137, der mit den Worten beginnt: An den Strömen Babels saßen wir und weinten, Wenn wir dachten an Zion. Beim Wiederaufbau des Temvels nach der Heimkehr aus der babylonisch - persischen Verbannung spricht der 2 Prophet Eecharja (Kap. 8, Vers 19) ein Wort, das ebenfalls zeigt, daß man diesen wie andere Trauertage beging; dort heißt es nämlich: So spricht der Ewige der Heerscharen: Der Fasttag des vierten Monats und der Fasttag des fünften Monats, der Fasttag des siebenten Monats und der Fasttag des zehnten Monats soll werden dem Hanse Judas zur Wonne und zur Freude und zu fröhlichen Festen, und die Wahrheit und den Frieden liebet. Die Ereignisse, welche zur Entstehung des Fasttages im fünften Monat (d. i. Av) geführt hatten, waren ja auch schmerzlich genug. Man lese einmal den geschichtlich-sachlichen Bericht hierüber, wie er uns im Kapitel 52 des Propheten Ieremia erhalten ist: in wenigen Strichen wird da das grausige Ende eines Königshauses, eines Volkes und seines Landes gezeichnet. Mit einundzwanzig Jahren war der letzte König, Zedekia, zur Negierung gekommen, nach elf Jahren, also in seinem zweiunddreißigsten Lebensjahre, mußte er die Strafe für seine und seiner sündhaften Vorgänger Abtrünnigkeit erleben. Die Kasdim-Babylonier belagerten, eroberten die Hauptstadt. Zedekia versucht zu fliehen. Aber das Heer der Kasdim jagte dem König nach, es erreichte den Köi^ig Zidkijahn in den Ebenen von Jericho; sein Heer stob auseinander.. Man ergriff den König und führte ihn zum König von Babel hinauf nach Riblah im Lande Ehamath. Er stellte ihn zur Rede. Ter König von Babel schlachtete die Söhne Zidkijahns vor dessen Angen und all die Fürsten Judas schlachtete er zu Riblah. Tie Angen Zidkijahns blendete man dann, man legte ihn in Ketten, brachte ihn nach Babel und hielt ihn gefangen bis zum Tage feines beides. Im fünften Monat am zehnten des Monats im neunzehnten Jahre des Königs Ncbukadnczar von Babel kam der Oberste der Leibwächter, Nebusaradan, der den Dienst tat vor dem König von Babel, nach Jerusalem. Er verbrannte das Haus des Ewigen, das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem, alle Häuser der Vornehmen vernichtete er durch Feuer. Die wertvollen Einrichtungsgegenstände des Tempels und der Häuser wurden geraubt, die Stadtmauern vollends niedergerissen, der größte Teil des Volkes in die Verbannung geschleppt, nur die Armen ließ man als Winzer und Ackersleute zurück. Am schwersten erlebte dieses Ende der Prophet Ieremia. Er erlebte es zweimal: einmal hatte er es in seinen prophetischen Visionen mit greifbarer Deutlichkeit geschaut