Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 1 (6.1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9582242-9623182-9620176--0006-9620180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Herr Lehrer Kahn, Alsfeld, Vorsitzender des Hess. Jsr. Landes-Lehrervereins, überbringt dessen Glückwünsche; er dankt der Geschäftsführung für das seinem Verband gemachte Zugeständnis eines zweiten Mandats für den Oberrat; er erblickt in dem Landesverband die einzige Möglichkeit, das religiöse und kulturelle Leben aus dem Lande zu erhalten. — Der Hess. Landeslehrerverein werde seine Mitarbeit freudig zur Verfügung stellen, er hoffe, daß der Verband bald zu einem Gesamtverband auswachsen werde. Er habe Vertrauen in die strengste Neutralität des Landesverbands; strengste Neutralität müsse im Verband walten. — Die persönlichen Erwartungen und Hoffnungen stellten die Lehrer vorläufig noch zurück. — Er schließt mit dem das Ziel versprechenden Ausspruche: „Kol K'neßio sch'hi l'schem schomajim sopho l'hiskajom." Herr Heinrich Hirsch, Fabrikant, Groß-Gerau, dankt den Großgemeinden für den durch sie erzielten Erfolg, er hofft, daß der Verband das Ansehen heben werde, bedauert die Gleichgültigkeit vieler Orte, deren Abseitsstehcn mehr zu bedauern sei, als das der Orthodoxie. Herr Kommerzienrat Kronenberger, Mainz, ist überzeugt, daß iin Verband absolute Neutralität, Gewissenhaftigkeit und Gewissensfreiheit herrschend sein werden, so daß auch jeder rechtsstehende Orthodoxe unbedenklich den Anschluß vollziehen könne. Er erwartet, daß alle orthodoxen Gemeinden beitreten werden und hält es für deren eigenen Schaden, falls ein Anschluß unterbleibe. Herr Kaufmann, Kirtorf, Vertreter einer orthodoxen Gemeinde, bezieht sich auf die Ausführungen des Vorredners; den Anschluß vieler orthodoxer Gemeinden führt er aus die Propaganda des Lehrerverbands zurück. — Die Unwissenheit auf dem Lande erklärt er als durch die schlechten Gemeindefinanzen verursacht. Herr Steinberger, Alsfeld, führt aus: seine Gemeinde sei die größte orthodoxe Gemeinde Oberhessens, sie sei fast so groß wie die Separatgemeinde der Provinzialhauptstadt. Er verliest einen Bericht des „Israelit" über eine von Starkenburger Lehrern gegen den Landesverband gefaßte Resolution; er warnt vor einer Oberratsbildung ohne orthodoxe Mitglieder. Herr Lehrer Kahn, Alsfeld, erklärt hierauf, daß es sich hierbei nur um eine ganz kleine Gruppe Starkenburger Lehrer, die sich seither ebenfalls bei der Majorität gehalten hatten, handeln könne. — Die organisierte Lehrerschaft ' sei in ihrer überwiegenden Majorität einmütig gegen einen Sonderverband. — Er weist darauf hin, daß nicht eine einzige oberhessische Gemeinde dem gesetzestreucn Verbände angehöre; er empfiehlt der Versammlung in ihrem Kreise den orthodoxen Einfluß nicht auszuschalten, für diesen Fall erwartet er in dem Einheitsverband die Belange des gesetzestreuen Judentums am besten gewahrt. Herr Moritz Mayer, Gaualgesheim, empfiehlt, weitere Aufklärung über die Bestrebungen des Verbands zu verbreiten. Er nimmt an, daß manche leistungsschwache Gemeinde ihren Anschluß noch nicht vollzogen habe, um nicht sofort als Petent zu erscheinen. Der Aeußerung des Herrn I. Krämer, Butzbach, es sei nicht jeder Gemeinde ein Statut übersandt worden, wird widersprochen. Herr Siegfried Cassel, Höchst an der Nidder, erblickt in der Sorge für den Religionsunterricht eine Hauptaufgabe des Verbands, er regt an, die Zahlungen für denselben durch die Landjudenschaftskassen bewirken zu lassen; die Konservativen hätten sich bisher nicht genügend um den Religionsunterricht und die Sch'chitah gekümmert, der Rabbiner komme nur zu Beerdigungen. Herr Rabbiner Dr. Levi, Mainz, bemerkt, daß die Anstellung von Wanderlehrern beabsichtigt sei und erwidert, daß sehr häufig Landgemeinden auf den Besuch des Rabbiners zu einem Vortrag verzichtet haben, um ihren Sonntag-Ausflug nicht zu entbehren. Herr Rabbiner Dr. Holzer, Worms, schließt sich diesen Ausführungen an und bemerkt des weiteren, daß, wenn ein orthodoxer Rabbiner es unterlassen habe, sich um die Einrichtungen einer Landgemeinde genügend zu kümmern, dies wohl darauf zurückzusühren sei, daß es ihm an den nötigen Mitteln fehle. Diese Mittel könnten eben nur durch die Gesamtheit und durch' einen Staatszuschutz aufgebracht werden; Pläne, die allerdings die Orthodoxie durchkreuze. — Er ersucht die anwesenden Vertreter orthodoxer Gemeinden für den Gesamtverband zu agitieren. — Er stehe, obwohl er in einer liberalen Gemeinde wirke, der Orthodoxie mit ganzem Herzen nahe und sei für deren Interessen immer eingetreten. — Im Verband werde die strengste Neutralität herrschen, und indem der Verband für die Orthodoxie arbeite, werde er für die Gesamtjudenheit wirken. Herr Rechtsanwalt Rothenberger, Gießen, erwidert u. a., daß die großen Entfernungen in Oberhessen es dem Rabbiner ganz unmöglich machten, alle Einzelwünsche zu erfüllen. — Die Stadt Gießen bringe zwei Fünftel der Bedürfnisse der Landjudcnschaftskasse auf. Er empfiehlt, den Blick vorwärts und auf die einheitliche Organisation der Orthodoxen und Liberalen zu richten. - 4 Herr Rechtsanwalt Joseph warnt vor einem allzu großen Optimismus. In den ersten Jahren müsse der Verband sich aus das allernotwendigste beschranken, der Staatszuschuß werde nicht hoch sein, das gleiche gelte von den Beitragen der Gemeinden d.e schon 25 bis 40 Prozent ihrer Reichseinkommensteuer für örtliche Bedürfnisse aufzubringen haben. Er nimmt Bezug auf d.e, Musterungen des Herrn Steinberger und begrüßt den Anschluß Alsfelds. Damit ist die Generaldebatte, bei der alle angemeldeten Redner zu Worte gekommeu sind, abgeschlossen. — An Geschäftsordnungsdebatten beteiligen sich die Herren Ferd. Oppenheimer. Ober-Ingelheim; Rabbiner Dr. Levi, Mainz; Hch. Hirsch, Fabrikant. Groß-Gerau; Dr. Baum. Alzey; Kaufmann, Kirtorf; Siegfr. Roscnthal, Oppenheim; Jul. Simon, Bingen. Nach Eintritt in die Beratung der Verfassung und Aunahme der Art. 'I bis IV sprechen die Herren Oppenheimer, Ober-Jngelheim; Hirsch, Groß-Gerau; Lcop. Herzog, Nieder-Saulheim, über die Notwendigkeit in den Etats der Gemeinden Mittel für den Verband bereitzustellen. Herr Goldschmidt, Altenstädt, wünscht Beitragsermäßigungcn für leistungsschwache Gemeinden. Herr I. Marr sen., Flonheim, spricht von der Belastung seiner Gemeinde durch die Kosten des Religionsunterrichts und klagt, daß für solchen nicht genügend geschehe. — Er empfiehlt dem Verband Sorge zu tragen, daß einmal in jeder Woche unterrichtet werde, hierfür zahlten die Gemeinden gern. \7 ~\Tl imht'vmi Wt'vi Herr I. Ni eher, Lampertheim, verweist aus die Entfernung im Rabbinatsbezirk Dacmstadt I und beantragt in Art. VII „50" zu reduzieren. Der Herr Vorsitzende empfiehlt „50" in „50" zu ändern. Herr Oppenheimer, Ober-Ingelheim, geht auf den Antrag Meyer, Lampertheim ein, bezieht sich auf eine Verhandlung seines' Vorstandskollcgiums mit Herrn Kommerzienrat Kronenberger und beantragt eine Aenderung dahin, daß jeder Stimmverband durch seine größte Gemeinde vertreten werde. Herr Rabbiner Dr. Tienemaun, Offenbach a. M., beantragt zu Art. VII Ziffer 4 „einer" zu ändern in „der Verbandsgemeindc, die ihn entsendet". Herr Ebert, Osthofen, fordert, daß die Abgeordneten die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen. Herr Kommerzienrat Kranenberger, Mainz, nimmt Bezug auf seine Verhandlungen mit der Gemeinde Ober-Ingelheim Zullst' stellt fest, daß die großen Gemeinden die kleinen unterstützen, aber nicht vergewaltigen wollen. Er erklärt sich gegen den /fiusschluß der Ausländer vom Gemeindetag, für die Aenderuggen in „50" und in „seiner" Verbandsgemeinde. Herr Rechtsanwalt Joseph, Darmstadt, warnt vor einem Ausschluß der Ausländer und vor einer allgemeinen Aenderung von „50" in „50"; geographischen Schwierigkeiten zur Bildutig von Stimmverbänden könne durch eine Ausnahmebestimmung begegnet werden. Herr Ferd. Strauß, Freilaubersheim (Gemeinde Fürseld) wünscht eine Aenderung in „25". Eine Anfrage des Herrn Voehl, Gedern, ob Nichtsteuerzahler auch Gemeindemitglieder seien, wird bejaht. Herr Heß, Düdelsheim, empfiehlt aus Grüuden der Sparsamkeit, von einer zu großen Anzahl Abgeordneter abzusehen. Herr Kaufmann, Kirtorf, äußert sich für „50" und gegen den Antrag Ober-Ingelheim. Herr Herrn. Löb, Butzbach, ivarnt ebenfalls vor einer Ausnahmebestimmung gegen Ausländer. Herr Ebert zieht hieraus seinen Antrag zurück. Es werden folgende Abünderungsanträge gestellt: 1. Von Herrn Abraham Warteusleben, Oberramstadt: „50" zu ändern in „50". 2. Von Herrn Bankdirektor Benjamin, Darmstadt: Falls eine Gemeinde oder ein Gemeindeverband nur 50 Steuerzahler hat..., 5. Von Herrn Rechtsanwalt Joseph, Darmstadt: „Wenn Gemeinden aus besonderen, insbesondere geographischen Gründen, einen Stimmverband nicht zusammenschließcn können, entfällt auf 50 Steuerzahler ihres Stimmverbaudes eine Stimme. — Der Oberrat beschließt, ob derartige besondere Gründe vorliegen. 4. Von Herrn Oppenheimer, Ober-Ingelheim: Zusatz zu Zissek 1: „jedoch hat die größte Gemeinde das Recht, den Abgeordneten zu stellen." Im Lause der Debatte äußert sich Herr Steinberger, Alsfeld, gegen den Antrag Wartcnsleben. Auf Veranlassung des Herrn Js. Oppenheimer, Gaubickelheim (Gemeinde Wallertheim) streicht Herr Rechtsanwalt Joseph in seinem Antrag „insbesondere geographischen Gründen".