Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 4 (1878)
- Issue
- 3 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- Seite 291 (sequence 131)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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291 Lehre soll bei ihm sein alle Tage seines Lebens! damit er lerne, zu fürchten den Ewigen seinen Gott und zu hüten all die Worte dieser Lehre, damit sein Herz sich nicht erhebe über seine Brüder, dainit er nicht weiche von dem Gebote rechts und links, auf daß er lange lebe auf seinem Throne, er und seine Kinder. Nun, unser Kaiser ist diesem Königsideal sehr nahe gekommen; die Religion hat ihn geleitet, sein Herz blieb ,in Demuth gottergeben, er sitzt als Greis auf seinem Thron und sieht einen rüstigen und ruhmgekrönten Sohn als seinen Erben; auch die schwersten Schläge, die er jüngst erfahren, haben ihn nicht gebrochen, haben ihn nicht erschüttert in dem Vertrauen Zu seinem Gotte, in der Liebe zu seinem Volke, aber dieses Volk selbst, es bot nicht in allen Momenten der Krise einen erhebenden Anblick. Unsere Alten sagen von den Jsraeliten: Drei Dinge waren den Israeliten geboten als sie in das gelobte Land zogen: das Andenken des Amalek zu zerstören, sich einen König zu küren und den heiligen Tempel aufzurichten; und sie haben das Andenken des A. zerstört, sie haben einen König erwählt, aber der Aufbau des Heiligthums gelang ihnen Anfangs nicht. Warum? weil Verleumder in ihrer Mitte waren. Das ist ein Wort aus alter Zeitdas uns gemahnt, als wäre es für die deutsche Gegenwart ge, schrieben. Drei Aufgaben waren den Deutschen geworden: den Feind niederzuwerfen, der neidisch und übelwollend an unserer Grenze lauerte, das deutsche Kaiserthum zu erneuen und dann anfzurichten den heiligen Dom deutscher Einheit und Freiheit. Die beiden ersten Aufgaben haben wir herrlich vollbracht; besiegt ist der Feind und die Kaiserkrone schmückt das würdigste Haupt. Aber der Tempel deutscher Einheit und Freiheit? ach, was wir haben ist nur ein Nothbau, kein hoher Dom, der gefestigt ist gegen den Sturm der Zeit. Und warum leiden wir? weil die Verleumdung in unsererMitte wüthet, weil die Parteien kein Mittel scheuen, sich gegenseitig zu ver- Nichten, weil in der Hitze des Streites Anstands- und Wahrheitsgesühl und das Bewußtsein, demselben Vaterlande anzugehören, so oft verloren gehen. Die Verleumdung ist ein Gift