Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 4 (1878)
- Issue
- 3 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Enden aus ihr hervorlocken, so sind es dagegen beim Menschenherzen und -Sinn nicht immer die Cultivirung des Geistes und Gemüthes, die Bereicherung des einen mit vielseitigen Kenntnissen, des anderen mit Lehren der Tugend und Sittlichkeit, der Demuth und Bescheidenheit, der Hingebung und Selbstlosigkeit zum Wohle und Glücke Anderer, die die auf sie gesetzten Hoffnungen zur wahrhaften Veredelung und Vervollkommnung beider in befriedigender Weise erfüllen. II. Die Erfahrungen des Lebens können uns demnach keinen sicheren Aufschluß über die Eingangs gestellte Frage ertheilen: welche Eigenschaften die Grundzüge des Menschenherzens bilden? Ebensowenig aber auch unser noch so angestrengtes Nachdenken und Grübeln darüber. Denn ist das Herz mit ff inen Gefühlen und Empfindungen im Allgemeinen als der ausgebildetste Gegensatz des kalten, nüchternen Verstandes anzusehen, so tritt in dieser unumstößlichen Wahrheit zugleich die andere, von gleich gewichtiger Schwere klar vor unser Auge, daß der letztere nicht die Wege des elftere« zu ergründen vermag. Daher die unzähligen Fehltritte der edelsten und größten Geister, die jemals begehen zu können sie selber sich viel zu hochstehend, viel zu erhaben empfindend gedünkt hatten, daher die unendlich vielen, bitteren Enttäuschungen im Bauen auf Liebe und Treue, auf Freundschaft und Anhänglichkeit, auf Gunst und Zuneigung Denn ״listiger ist das Herz, mehr denn Alles, und schwach ist es, wer vermag es zu erkennen?" Das innerste Leben und Weben des Herzens entzieht sich der Controls seines eigenen Besitzers, und wie viel niehr erst dem Auge eines Zweiten, und sollte dieses Auge noch so tief in unser Inneres schauen zu dürfen, wirklich zu schauen die vollste Ueberzeugung hegen. Daher die oftmaligen, schmerzlich wehmüthigen Täuschungen des Vaters über seines Sohnes Biederkeit, der Mutter über ihrer Tochter Unschuld und Herzenssreiheit, — wenn nicht gar Herzensrein heit. Einen prüfenden Blick in ein Menschenherz zu