Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 4 (1878)
- Issue
- 2 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/9616701-9619793-9619877--1234-9619928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
131 Wie 'arm wäre die Menschheit, wenn ihre Dichter ihr nur von dem verlornen Paradiese, von einer untergegangenenen goldenen Zeit zu erzählen wüßten, und unsere Gegenwart bereits das wiedergewonnene Paradies sein sollte, das mit all' seinem wirklichen Jammer und Elend, seinen friedarmen Herzen, seinen freudearmen Hütten, seinen geknechtcten Menschen, seinen in Noth und Elend, Verkommenheit und Verbrechen dahinsterbenden Millionen nichts mehr als ein Spott auf die nach Frieden uud Erlösung dürstende Menschheit aussieht. Wenn der Frühling kommt, wenn es draußen wach wird, dann ruft uns unsere Frühlingsfeier nicht hinaus in die blumigen Wiesen und die lachenden Fluren, um da draußen im Freien des umdüsterten Lebens zu vergessen, nein, wenn der Frühling kommt, wenn es draußen wach wird, dann ruft uns unsere Frühlingsfeier in das Gotteshaus, um — der Todten zu gedenken, um hier, unter vorempfundenen Seeligkeitsschauern einstiger jenseitiger Auferstehungsfreuden, das diesseits hinsterbende Leben zu verklären; wenn der Frühling kommt, wenn es draußen wach wird, dann soll's auch in uns und nicht bloß um uns wach werden, dann soll das Gefühl der Verjüngung unsere Seelen, das Bewußtsein der göttlichen Freiheit unsere Brust, die Ahnung der Unsterblichkeit unsere Herzen umfah'n, dann schlägt an unser Ohr der Pro- Phetenruf der Unsterblichkeit: ״Erwachet, jauchzet ihr in der Erde Ruhenden, denn wie der Frühlingsthau, der pflanzendelebende, ist dein Thau! Lichtspendender Gott! Bei dir ist die Quelle des Lichtes, in deinem Lichte werden wir dereinst das ewige Licht schauen." Amen! Gebet! Du aber Weltenschöpfer! Menschenhüter! Der du die Natur nach unwandelbaren Gesetzen regierest, und in ihr stets ans den rauhen Winter den verjüngenden Frühling folgen lässest — stärke auch uns im Vertrauen auf dich, daß wir nicht verzagen in winterlichen Tagen, sondern auf den Frühling deiner Erlösung hoffen. Laß o Allgnädiger, wenn die