Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 4 (1878)
- Issue
- 2 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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102 es muß geschehen bei diesem, bei diesem, das will sagen: ״wenn gleichzeitig ungesäuertes Brod und bittere Kräuter vor dir liegen." Die Hagada, das ist die Erzählung, aber der Seder dazu, das ist die Illustration zu der Erzählung, die uns Alles recht anschaulich und lebendig macht, was damals sich Großes und Gewaltiges vollzogen. Wir arbeiten mit den Välern mit in Lehm und Ziegeln, lasten uns mit ihnen das Leben verbittern, werden dann mit ihnen befreit, speisen mit ihnen das armselige, ungesäuerte Brod und genießen die auch von uns eben errungene Freiheit, mit einer Glückseligkeit, um die uns Könige und Königssöhne beneiden könnten. Und so wie am Pessachfeste, so ist es auch an den andern Tagen des Jahres. Der Israelit hört nicht seine Geschichte, nein, er lebt sie selbst noch einmal mit. Ein Fremder außerhalb unseres Bundes Stehender der darf wohl sprechen: כי מראש ״ צורים אראנו ומגבעות אשורנוvon Felseuhöhen aus schaue ich und von hohen Hügeln aus blicke ich über dasselbe hin? weg," wir selbst machen es uns nicht so bequem, wir schauen nicht mit behaglicher Ruhe durch das Fernrohr der Zeiten auf die Zelte, in denen unsere Väter lange Jahre gewohnt, nein, wir wollen selbst in ihnen leben, wir schlagenselbsteine Woche lang unsere Wohnsitze in ihnen auf. Das Judenthum duldet überhaupt gar keinen, auch nicht den geringsten Abstand von den Stätten höherer, erhebender Gedanken. Was uns heiligt und weiht, anregt und begeistert, das darf auch nicht um die Breite eines Hauses von uns getrennt sein, das muß unter demselben Dache weilen, um uns und an uns, an den Thüren unserer Wohnung, an unserer Kleidung, an unserem Körper. Das ist die Antwort auf das .מר נשתגר unserer religiösen Einrichtung: unmittelbares Schauen unmittelbares Empftnden, Alles selbst sehen und hören, das ist's was der israelitische Glauben von seinen Anhängern verlangt. Es giebt nun allerdings Viele, welche dieses מר נשתגר aus der Welt schaffen möchten, die das, was unsere Religion von anderen Bekenntnissen unterscheidet, für völlig entbehr-׳ lich erachten. Aber — und sollten sie nicht wenigstens die-