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Israelitisches Predigt-Magazin · 1878-01-01 · 2 (1878) · p. Seite 90

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Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
4 (1878)
Issue
2 (1878)
Date
1878-01-01
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 men auf eine Zeit, da der Mensch vermöge feiner geistigen Mittel nicht im Stande war sich selbst zu Helsen, wo er gebannt war an den Glauben, an eine übersinnliche, übernatürliche Weltanschauung, wo er in kindlicher Ergebenheit sich willenlos einer höheren Macht anvertrauen mußte? Man vermeint: nun sei der Mensch stark und kräftig genug, um sich selbst zu stützen, um aus sich heraus zu schöpfen, was er einst erst vermittelst der Religion zu erkennen glaubte. Aber siehe da! während die Menschen so über Gott und sein Wesen mit zweifelndem und oft verzweifelndem Sinne Nachdenken, da kommt wie ein Blitzstrahl aus unsichtbaren Wolken ein Mahn- und Weckruf in die Gemüther, da ertönt laut und vernehmlich die Stimme unserer Religion. ״Und dieser Tag soll euch zur Erinnerung sein." Plötzlich versetzt sie den Menschen in andere, längst entschwundene Zeit, plötzlich heißt sie ihn umkehren und ruft dem vorwärtsstrebenden, seine Grenzen weit übersteigenden Geiste ein gebieterisches Halt zu. Das ist das Wesentliche in der isralitischen Religion, daß sie unverrückt ihr Ziel im Auge behält, daß sie nicht mit der jedesmaligen Gegenwart allein rechnet, daß sie vielmehr gleichsam über dem Zeitgeiste stehend ihm die Grenzpunkte vor die Seele führt, innerhalb deren er sich zu bewegen hat. Nicht könnte der Verstand allein so Großes zu Tage fördern, so er nicht geleitet und getrieben wäre von den Ahnungen und Empfindungen der Seele, die ihm helfend und fördernd zur Seite stehen. Und für diese, als das Starre und Feste in dem Flüssigen, Beweglichen, stets Wechselnden des Menschen giebt es keine Gesetze, die ob ihres hohen Alters zu beseitigen und wegzuräumen wären. Das Gemüth des Menschen, m. A., ist im Ganzen und Großen dasselbe geblieben trotz der vielen Wandlungen, die der Verstand durchzumachen genöthigt gewesen. Darum herrschen für dieses noch heut dieselben Bestimmungen, die einst in uralter Zeit zu seiner Befriedigung gedient. Die Religion, aus der es seine Nahrung holt, sie ruht nicht und rastet nicht, sondern unablässig schaffet und wirket sie, immer und immer

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