Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 4 (1878)
- Issue
- 1 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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bis in ihre tiefsten Gründe. Heute vor dem Antlitze des majestätischen Gottes, da fährt wie ein jäher Schreck die tag- Helle Wahrheit in unser Mark, da wird so klein unser Stolz, da fallen wie ein Kartenhaus kühne Entwürfe zusammen, da schwindet wie ein Dunst all unser Neichthum, da zerstreut sich wie ein Nebel all unsere Erdenehre, da packt uns mit der Gewalt eines Sturmes der Gedanke an unsere Nichtigkeit, an die Niedrigkeit unserer Pläne, an den Jammer unserer Begierden, an die Flecken urrserer sündenbeladenen Seele und drückt uns danieder. Wie Flitter flattert all unsere Herrlichkeit, wie Nackte und Entblößte fühlen wir unsere liefe Beschämung. Oder fühlst du das nicht mein Bruder? meine Schwester? Glaubst du auch jetzt noch an den Flitter deiner Kleidung, glaubst du jetzt noch an die Lust deiner Genüße, glaubst du jetzt noch an den Glanz deiner Ehre, glaubst du noch an deine Seelenhoheit, deine Herzensreinheit? Bist du jetzt noch Weltkind mit dem Weltsinn und dem Weltdünkel? Ein Jahr ist vorbei und schaue zurück! Hast du keinen Neichen verarnren sehen, hast du Keinem ein Almosen gereicht, der vorher in Karossen gefahren, hast du Keinen beweint, der nlit dir noch gezecht und gelacht, hast du mit Keinem geweint, den du zum Grabe seiner Hoffnungen geleitet? Hast du Keinen bedauert, den der Sünde süße Lockung der Versuchung schmeichlerische Stimme überwunden und der nun am Grabe seiner Ehre reuevoll über die Vergangenheit brütet? Und willst du so vermessen sein, dich rein und gepanzert zu halten mit deiner irdischen Wehr? Willst du nur soviel dich anklagen, als deiner Eigenliebe schmeichelt, willst du nur so modern sein nicht zu leugnen, daß keiner fehlerlos sei, dich aber heimlich doch für einen der Besten halten? Sieh die Unglücklichen, die du selber kennst, zähle die Stunden, wo du vor dir selbst dich gefürchtet, zähle die Gedanken, die Wünsche, deiner Sünde und wirst du nicht erschrecken? Ein Nichts sind wir, m. Th., ein Nichts vor der Majestät Gottes, vor dem Auge des Richters. Und ein Nichts ist unser Erdenglück, schwer wird es meist errungen, mit Thränen gefunden, mit Thrünen gehütet.