Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 11-12 (8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 290 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Tropfen iw großen Weltmeere und selbst dieser ist in unzähligen Theilchen überallhin versprengt? Was nützt es, daß ihr euch mit dem Gedanken schmeichelt, ein Volk zu sein, eine Gesammtheit zu bilden, da ihr denn doch keine Macht besitzet, da euch kein gemeinsames Gesetz, nicht einmal ein gemeinsames Land vereint? Es ist wahr, m. A., daß wir unsere frühere, gemeinsame Heimath eingebüßt, daß kein einheitliches, bürgerliches Gesetz und, seitdem wir leider unse.re ureigene Sprache, die Sprache der h. Schrift, gründlich zu vergessen anfangen, auch diese uns nicht mehr verbindet, aber es ist nicht wahr, daß wir nunmehr bedeutungslos geworden und daß das letzte Blatt unserer Geschichte vor 1800 Jahren geschrieben worden sei. Unsere Macht und Bedeutung lag nie in der Kopfzahl, in der wir vertreten waren, das hat schon unser ältester Lehrer Moses in dem heute verlesenen Wochenabschnitte ausgesprochen, ״nicht weil ihr zahlreicher seid, denn alle Völker, hat der Ewige euch begehrt und erkoren, denn ihr seid im Gegentheile, von geringster Anzahl unter allen Völkern." (Deuter. 7, 7.). Unsere Bedeutung lag auch nie in den Regenten, die über uns geherrscht, in dem Lande, das wir bewohnt, in den Städten und Burgen, die wir aufgeführt; in alledem wurden wir, das wissen wir recht wohl, von Anderen weit übertroffen. Unsere Macht und Bedeutung lag und liegt noch in uns selbst, in dem Gottesworte, das uns nicht in und nicht für Palästina ist verkündet worden, das wir berufen sind, zu lehren und zu tragen weit hinaus über die Grenzen dieses Landes ״von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang"; unsere Bedeutung liegt in unserer Religion, diese ist aber von keinem Lande, von keinem Orte abhängig. Diejenigen, welche die Ansicht verbreitet, das Judenthum, diese Religion für die Menschheit, könne wie ein irdisch Gewächs nur unter diesem oder jenem Himmelsstriche gedeihen, Habelt sich tlicht nur an dem Geiste der Thora, des gesammten jüdischen Schriftthums, sondern auch der ganzen jüdischen Geschichte schwer versündigt. Die Thora hat den Bestand und die Geltung unserer Religion niemals von dem Besitze des heil. Landes abhängig gemacht, sondern umgekehrt, sie hat das Verbleiben in demselben an die Beobachtung des göttlichen Gebots geknüpft: ״Du sollst beobachten seine Satzungen und seine Gebote, die ich dir heute gebiete, daß es dir wohlgehe und deinen Kindern nach dir und damit du lange verbleibest in dem Lande, das der ewige Gott dir giebt." Moses verhehlt sich nicht, daß Israel, trotz der an dasselbe ergangenen Warnungen und Drohungen von Gott abfallen und sein Land verlieren werde, indem er ihm prophezeit: ״Und der Ewige wird euch zerstreuen unter die Völker, und ihr wer-