Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 11-12 (8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 289 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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28S li gessen zu machen? M. A.! Werul wir schon durchaus keinen Grund zum Schmerze, zur Trauer zu haben glauben, so sollte uns doch mindestens die Wahrnehmung mit tiefer Betrübniß erfüllen, wie leichtfertig so viele in unserer Mitte das heil. Vermächtniß unserer Ahnen verleugnen und verratheil. Unsere Lage hat sich nach Außen unstreitig in der Gegenwart bebeutenb gebessert, wir haben allen Grund mit unserem bürgerlichen Loose zufrieden zu sein; aber dies gibt uns mit Nichten das Recht, unsere Trauertage in Freudentage zu verwandeln, unseren Vorfahren ihre Treue und Aufopferung mit schnödem Undank, mit Vergessenheit zu lohnen. Wir preisen den Allmächtigen, daß er unserer Leidenszeit in der Gegenwart ein Ende bereitet und wir wollen hoffen, daß sie für immer vorüber sei. Aber wer kann dafür bürgen? wer kennt den Rathschluß des Unerforschlichen, wer kann wissen, was er uns in der Zukunft zugedacht? Ich glaube, daß ein Volk, das seinen Glücksstern so oft sinken sah, dessen lange Leidensgeschichte nur von wenigen Hellen Tagen unterbrochen ist, sich nicht allzuvertrauensselig der Sorglosigkeit überlassen sollte, am allerwenigsten dann, wenn es sich, wie leider jetzt geschieht, seiner stärksten Stütze, seiner Lehre, allmälig zu entäußern beginnt. Nur ״euch, die ihr hanget an dem Ewigen, euerem Gotte, euch Allen ist das Leben verbürgt." II. Unsere Fortexistenz ist also allen Nachstellungen zum Trotze heute doch eine Thatsache, die selbst unsere grimmigsten Widersacher nicht in Abrede stellen mögen. Aber mit dieser bloßen Thatsache können und dürfen wir uns nicht begnügen, insolange sie uns nicht über das Wie und Wozu unseres Fortbestehens vollkommen Beruhigung gewährt. Das Leben allein frommt nichts, wenn ihm keine Bedeutung innewohnt, wenn ihm kein sicheres Ziel gegeben ist, wenn es nicht durch irgend eine höhere Bestimmung gerechtfertigt wird. Wir sind allerdings, seitdem auch uns die Pforten der Freiheit geöffnet nicht müßig geblieben, sondern haben regen Antheil genommen an den großartigen Bewegungen und Bestrebungen der Gegenwart; es haben sich sogar Einzelne unseres Stammes durch hervorragende Leistungen auf allen Gebieten des menschlichen Schaffens mit Glück versucht und rühmlich hervorgethan. Dies kann jedoch nur den Einzelnen als Verdienst angerechnet werden, die Gesammtheit Israels als solche hat damit wenig zu schaffen. Was hilft es, so können die Völker mit Recht uns Vorhalten, daß ihr euch im Einzelnen hervorthut und bemerkbar zu machen strebt, ihr seid doch nur