Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 11-12 (8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 288 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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288 Wir wollen hier nicht näher untersuchen, was von derlei Be- Hauptungen zu halten sei; sie tragen den Stempel der Gehässigkeit so offen zur Schau, daß sie sich schon von selbst richten. Unzweifelhast bleibt jedenfalls die eine Thatsache, daß wir unter allen Völkern der Erde am meisten gelitten und geduldet, wenn auch nicht wie jene meinen, Anderen zur Warnung, sondern wie der Prophet sagt, uns selbst zum Wohle, zum Segen. ״Ich zerstreue dich unter die Völker, zersprenge dich in die Länder, um die Unreinheit gänzlich von dir wegzuschaffen." (Ezech. 22, 15). Eine Frage lasset mich an Euch richten: Haben wir ein Recht, diese Vergangenheit, und sei sie noch so traurig, zu vergessen? dieses tausendjährige Martyrium wegzulöschen aus unserer Erinnerung, als wäre es nie gewesen? Sieh, mein Freund, du widmest deinen dahingeschiedenen Eltern von Jahr zu Jahr einen Tag des Gedächtnisses, du trauerst um deinen Sohn, deine Tochter, um deinen Bruder, deine Schwester, die der Tod dir frühzeitig entrissen, und diese starben doch eines natürlichen Todes in Ruhe und Frieden auf ihrer Lagerstätte, umgeben von dem Kreise ihrer Lieben und Angehörigen, und du willst nicht einmal im Jahre eine Thräne weihen den tausend und aber tausend Vätern und Müttern, Brüdern und Schwestern, deren Blut dahingeflossen wie Wasserströme? Du willst nicht einmal im Jahre eine Erinnerung weihen den Reinen und Lauteren, die, um ihren Glauben zu retten, ihre Leiber preisgegeben, sich mit beispielloser Todesverachtung den entsetzlichsten Martern unterzogen haben? Haben wir uns etwa zu schämen dieser Vergangenheit, daß wir uns von ihr abwenden sollen? Ist es eine Schande, sich drücken und knechten gu lassen für seine Ueberzeugung, ist es eine Schande zu sterben für Wahrheit und Recht? O, sie hätten groß, angesehen, glücklich sein können, unsere Ahnen! Sie brauchten sich nur zu einer Lüge, zu einer Heuchelei zu entschließen, sie brauchten sich nur von ihrer Vergangenheit loszusagen. Aber gerade in ihre Vergangenheit setzten sie ihren größten Stolz, ihnen galt die Wahrheit, die innere Ueberzeugung uuenbüd) mehr als ihr Leben, als das vorübergehende Glück, als der falsche Glanz. Und solcher Ahnen sollen wir uns schämen? Was glaubt ihr, wer gereicht unserem Stamme mehr zur Ehre unb zum Ruhme, der gedrückte und getretene Jude von ehedem, der in seinem gebeugten, schwächlichen Körper eine felsenfeste Seele trug, oder aber der stolze, aufgeblähte jüdische Ritter von heute, dessen Ritterlichkeit zumeist darin besteht, daß er es verstanden, große, blinkende Schätze aufzuhäufen, der aber sonst im Gegentheile sich alle erdenkliche Mühe gibt, seine Abstammung ver-