Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 11-12 (8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 286 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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28« wissenden gehegte mld verbreitete Ansicht, daß Israel mit der Zertrümmerung des palästinensischen Reiches vom Schauplatze der Geschichte abgetreten sei und eigentlich zu existiren aufgehört habe. Denn jedes Volk der Erde, auch das roheste, ungebildetste hat doch wenigstens sein Land und seine Sprache, seine Verfassung und sein Oberhaupt, bildet eine mehr oder minder fest geschlossene Einheit, die sich innerhalb gewisser Grenzen entwickelt und entfaltet, die sich bald als größerer, bald als kleinerer Ring in die lange Völkerkette einsügt. Israel dagegen entbehrt fast aller dieser unerläßlichen Voraussetzungen, wodurch der Begriff des Volksthums bedingt ist. Es konnte wohl als Volk angesehen werden in den Tagen Davids und Salonw's, oder während der Regierungszeit der Makkabäer, so lange es sich auf eigenem Grund und Boden bewegte, so lange feine Propheten und Sänger, von dem Zauber ihrer Sprache ergriffen, deren unerschöpfliche Bildsamkeit, bereu wunderbaren Wohlklang in ihren unsterblichen Gesängen, in ihren unvergänglichen Reden gezeigt; aber von dem Zeitpunkte angefangen, wo nach den Worten des Klageliedes ״der Herr schonungslos zerstört alle Wohnungen Jakobs, niedergerissen in seinem Grimme die Vesten der Tochter Juda's, der Erde gleichgemacht, entweiht das Reich und seine Fürsten" (Klgl. 2, 2), wo mit dein Falle Bethars die letzte Scholle eigener Erde verloren ging, seit es ohne staatliche Einheit, ohne politischen Zusammenhang nach allen Enden und Richtungen der Erde zerstreut wohnt und in den verschiedenen Ländern seines Aufenthaltes, die jeweilig herrschende Sprache angenommen, den jeweilig herrschenden Gesetzen sich unterordnet hat, feitbem hat es sich freiwillig oder unfreiwillig seines Volksthirnres begeben, hat es sich im großen Menschenstrome verloren, ist es in der Riesenmasse der Völker spurlos aufgegangen. Wenn wir aber, m. A., demzufolge schon vor so langer Zeit zu existiren aufgehört haben sollen, warum überließ man uns dann nicht unserem eigenen Schicksale, warum blieben wir dann noch immer unter Obhut uitb Ueberwachung? Wer einmal untergegangen, der kann doch Niemand mehr gefährlich werden. Wenn mit dem Feuer auf dem Altäre zu Jerusalem auch unser Lebensödem miterloschen sein soll, warum suchte man uns da noch allenthalben auf, warum waren wir da noch Jedem eine unerträgliche Bürde, ein Stein des Anstoßes? Für wen schmiedete man dann die schweren, eisernen Ketten? für wen ersann man allerlei Marter- Werkzeuge? für wen zündete man dann die zahllosen Scheiterhaufen an? etwa für die Schwachen und Ohnmächtigen, die man im Reiche der Schatten wähnte? Wenn wir in der Riesenmasse der Völker