Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 11-12 (8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 285 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9616701-9619452-9619730--0324-9619775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 des Ungemachs, ein ganzes Meer von Leiden und Qualen vermochten nicht zu entwurzeln das Andenken an Palästina in dem Gemüthe seiner nach allen Richtungen des Windes verstreuten Söhne und Töchter. Wie ein nie zu beschwichtigendes Weh, wie ein nie zu heilender Schnrerz pflanzt sich von Geschlecht zu Geschlecht des Propheten Klage fort: ״Daß der Herr sich gezeigt wie ein Feind, daß er heimgesucht Israel, daß er zerstört alle seine Paläste, vernichtet seine Burger: und gehäuft über die Tochter Juda's Jammer uub Elend" (Klgl. 2, 5.) — die Klage ״um den Berg Zijon, der verödet, auf dem Schakale sich ergehen." Was hat sie heute zu bedeuten, diese Klage? Was er heute für Berechtigung, dieser Schmerz? Als wir noch gedrängt und gejagt wurden von Land zu Lar:d, von Ort zu Ort, als mar: uns von jeder Gemeinschaft ausschloß, aus jedem Kreise auswies, da mußte unwillkürlich unser Sinn vor: der trüben Gegenwart hinweg zur Vergangercheit sich flüchten, zu dem einstigen Erbe unserer Väter; so lange man uns ob unseres Namens haßte und verfolgte, ob unseres Glaubens verdammte, zur Schlachtbank führte, da war es natürlich, wenn in uns die Sehnsucht erwachte nach jenen Bergen im Osten, wo wir einst als Herren geschaltet, wo wir frei und freudig den Einig-Einzigen bekennen und verehren durften. Aber heute, wo wir Gottlob unter dem Schutze weiser und gerechter Gesetze unsere Kraft nach jeder Richtung frei entfalten, uns an jeder nrenschlichen Arbeit, an jedem geistigen Streben uneingeschränkt betheiligen dürfen und auch wirklich betheiligen, was hat es da für einen Sinn zu klagen nach Selbstständigkeit, die wir doch in vollem Maaße besitzen? Heute, wo fast jedes der Völker vom Geiste der Humanität erfüllt, Israel die Bruderhand entgegenreicht und zu ihn: spricht: ״Sieh mein Land liegt vor dir, wo es dir gefällt laß dich nieder;" (Genes. 20, 15) was hat es da für Zweck zu trauern um eine verlorene Heimath, die wir doch allenthalben wiedergefunden? ״Tröstet, tröstet mein Volk!" so konnte der Prophet denjenigen zurufen, die des Trostes bedurften, was geht heute dieser Ruf uns al:? Nun, so lasset mich zu Euch reden von dem Schmerze und Tröste Israels in der Gegenwart. Anlehnen will ich meine Betrachtung an die Textesworte im heutigen Wochenabschnitte: ״ ואתם הדבקים בי״י אלהיכם חיים כלכם היוםIhr, die ihr hanget an dem Ewigen, euerem Gotte, seid heute alle am Leben." I. Ihr habt sie oft gehört die von vielen Wissenden wie Un-