Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 11-12 (8.1875)
- Date
- 1875-08-01
- Page
- Seite 277 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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sich auf den Trümmern des zu Asche niedergebrannten ersten Gebäudes ein zweites, noch herrlicheres. Schon vergißt er seines früheren Leids; schon schlürft er mit vollen Zügen aus der Lust freudekredenztem Becher, als er plötzlich aus seinem wonnigen Be- Hagen aufgescheucht wird durch einen gellen Ruf: Feuer! Und ach! obwohl sorgsam bewacht, schlug abermals rauchqualmend Feuer durchs Giebeldach. In wenigen Stunden nur ist des jahrelangen mühsamen Schaffens und Zusammenraffens Werk abermals dem Vernichtungstod der Flammen verfallen. Wer beschreibt die nunmehr noch tausendmal gesteigerteren Seelenschmerzen des zweimal ruinirten Mannes! Da sitzt er auf den rauchenden Trümmern seines zu Asche gebrannten Glücks und händeringend jammert er ״von wo soll mir Hilfe werden?" Ein Thränenstrom entquillt seinen Augen; ״im Verborgenen weint seine Seele"; die salzige Thränenfluth fließt, fließt bis sie ganz — versiegt. Sein ausgeweintes Auge hat keine Thränen mehr. Schon wollen den dumpf Hinbrütenden erfassen der Verzweiflung finstere Mächte, als er auf sein ächzendes Stöhnen: ״ מאין יבא עזריvon wo soll mir Hilfe kommen?" eine Antwort vernimmt: ״ עזרי מעם ה׳ עשה שמים וארץmeine Hilfe kommt von Adonai, dem Schöpfer Himmels und Erden!" (Ps. 121, 2. 3). Kam dieses Echo aus des Himmels Höhen oder aus seines Herzens Tiefen? Genug, der Gramgebeugte fühlt sich wunderbar gestärkt — und getröstet. Sich ermannend, steigt er herab von der Zerstörung Trümmerhaufen, um zum drittenmal — von Anfang zu beginnen. Merkwürdigerweise erblüht auch jetzt der Bettelstab in seinen schwielen Arbeitshänden zum Glücksstab. Unser Held gelangt zum drittenmal zu Vermögen! Allein durch die schmerzlichen Erfahrungen sattsam belehrt, hütet er sich wohl sein neuerdings gewonnenes Vermögen einem Gebäude von Holz und Stein anzuvertrauen. Selbst die Nähe des Ortes, der Augenzeuge seines zweimaligen Unglücks gewesen, flößt ihm Grauen ein. Weit ab von diesem Schauplatz sucht er sich ein Heim in weiter Ferne. Wie? will er vergessen der Stätte, an welche so viele Leiden, aber auch Freuden, und ein Stück seines Lebens geknüpft waren? Das sollte uns zwar nicht Wunder nehmen. Der zur Vergeßlichkeit neigende Mensch vergißt ja so oft beim heiteren Sonnenschein des Lebens der finsteren Schatten seiner Unglücksnacht; das ״mehr denn Alles schwache Herz", welches jetzt erst zweifelgemartert sich schmerzvoll windet, ist bei dem ersten holden Glückslächeln stark, muthig, zumeist sogar übermüthig und vergeßlich! ורם לבבך — ושכחת ״Dein Herz überhebt sich und Du vergißest . . ." (Deut. 8, 14)