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Israelitisches Predigt-Magazin · 1875-04-01 · 7-8 (4.1875) · p. Seite 200

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Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
1 (1874-1875)
Issue
7-8 (4.1875)
Date
1875-04-01
Page
Seite 200 (sequence 44)
Language
German
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200 war das Gewissen, da man es als schönste Pflicht der Pietät erklärte, die Eltern nicht aus Altersschwäche sterben zu lassen, fonbern ihnen lieber vorher durch Killdeshand den Todesstoß zu geben? Und als u!an in Ehen zwischen leiblichen Geschwistern nichts Blutschänderisches erblickte, wo war da die Sittlichkeit? Wahrlich, die echte und rechte Sittlichkeit, sie kann nur in der echten und rechten Reltgion wurzeln, sie kann nur am Baume der Erkenntniß des Guten uub Bösen reisen, sie lnuß ihre beständigen Säfte aus dem Quell des Gottesglaubens ziehen, wenn sie :licht verdorren soll. Ohne diesen Boden des Gottesglaubens, des Glaubens an einen heiligen Gott, der die Sittlichkeit will, der uns befiehlt: ״Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Ewige, Euer Gott", der uns vorschreibt, was wir thun und was wir unterlassen sollen — ist unsere Sittlichkeit ein schwankend Rohr, das von jedem Winde hin- und bergeschaukelt wird. Wir können den Urquell aller Reinheit und Heiligkeit, den Felsengrnnd aller Sittlichkeit, den Glauben an d e n Gott, der die ״Lehre der Wahrheit" uns gegeben, nimmer entbehren. Mit der bloßen, talreu Moral sich begnügeu wollen, und der Religion, der Mutter und Quelle aller Tugendhaftigkeit, den Rücken kehren, das hieße, Steine üi den Bronnen werfen, aus dem man eben sein Trinkwasser geschöpft, die Quelle vergopsen, aus der wir Labung trinken, das hieße den Fruchtbaunr nach der Obsternte mnhauen, als ob man seiner Früchte in Zukunft nicht mehr bedürfte, das hieße den Sonnenball vom Hinrmel reißelt, u. doch Tageshelle auf der Erde erwarten. Ja, wenll des GlückesSonne über uns heiter scheinet, da glaubt man mit der kühlen Moral auskonllllell zu tonnen, aber wenn der Hinunel sich über unserenl Haupte umlvölkt, wenn die Nacht des Unglücks uns umdunkelt und Schicksalsschläge uns treffen, da vermag das blasse Prinzip der Sittlichkeit unser gebeugtes Gemülh nicht auszurichten, da lechzt die Seele nach dem erwärmender: und erfrischenden Hauche der Religion, da sehrit das Herz sich nach Labsal und Trost, da will es Beseligurrg trirrken aus dem erfrischenden, nimmer versiegenden Born des Glau bens, und nun gar erst in der Todesstunde? II. M. L. Wie urlsicher und ungewiß auch alle Stunden unseres Lebens, eine Stunde ist uns allen sicher und gewiß — die Todes- -mnde. Vor ihr schwindet aller Schein, jede Selbsttäuschung, vor ihr erblasseil alle schinlmernden Phailtasiegebitde des Menschen, alle Scheingründe der inerischlichen Verrlunft. Bor diese Stunde laden wir den nur seinem Gewissen folgenden Menschen; wie besteht er

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