Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 4-5 (1.1875) Januar-Februar
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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105 gossen, uns weniger warm, weniger hell, als das der heimatlichen Sonne, und wenn sie uns nun vollends untergegangen, zur Unzeit untergegangen, die himmlische, freundliche Begleiterin, die uns den fremden Pfad erleuchten foll, wenn sie uns untergegangen, ehe wir heimisch geworden, ehe wir uns heimathlich angeweht fühlen auf fremdem Boden, dann begreifen wir, was sich geregt haben mochte im Herzen Jakobs, als die Sonne, in deren Lichte er das ersehnte Ziel zu schauen hoffte, ihm so plötzlich untergegangen war. — Doch da ruft ja schon wieder das laute Prophetenwort uns den mahnenden Spruch zu: ״ דוגמא שלכם דומה ליעקבsehet in Jakob euer Bild!" steht ja doch auch in euren Reihen so Mancher, der sich fremd fühlt im heutigen Israel, fremd auf dem Gebiete des heutigen jüdischen Lebens, so Mancher, der wie Jakob zu früh die Sonne über seinem Haupte untergehen zu sehen glaubt, בי בא השמש die Sonne jüdischen Glaubens, meint er, sei untergegangen, die Sonne jüdischer Frömmigkeit habe längst ihre letzten Strahlen herniedergesenkt in das Judenthum, und dem wahrhaftig Frommen bleibt nur noch der Stein oder die Scholle, auf die er einst sein müdes Haupt zur ewigen Ruhe niederlegt. Uns ist sie nicht fremd diese Erscheinung, ja! wir haben ihn oft gehört diesen Klageruf, daß die Sonne des frommen Glaubens in der Jetztzeit vollends untergegangen, wir haben ihn gehört diesen Ruf, wie er aus mancher frommen Brust mit schwerem Seufzer sich emporrang, wir haben ihn auch gehört aus dem Munde der Feinde Israels, wie der schnöde nakte Glaubenshaß diese Behauptung ״es sei im Judenthume der Jetztzeit die Sonne religiösen Glaubens untergegangen" als Feigenblatt benutzte, um seine Blöße zu decken; wir haben ihn aber auch gehört, wo wir ihn am wenigsten zu hören erwarteten, nämlich im Munde mancher Hirten Israels, die da berufen sind, die Jakobsheerde zu weiden auf den Triften des Glaubens und des wahren Friedens; der Sonnenaufgang, den Tausende jubelnd begrüßen, den Sonnenaufgang der allgemeinen Bildung und Cultur, den Sonnenaufgang, vor dem nach und nach die Nebel der Vorurtheile und des Aberglaubens schwinden müssen, gilt ihnen als Untergang der Glaubenssonne, sie grollen der Heerde, die immer vorwärts dem Lichte entgegengeht, sie grollen der Heerde, die sich nicht mehr zurückführen läßt in die finstern Hürden einer vergangenen lichtlosen Zeit, sie fühlen den Hirtenstab wanken in ihrer Hand, ״die Sonne ist untergegangen", klagen sie, ״die Zeit für das göttliche Tagewerk des Hirten ist vorüber." Nun denn, Söhne und Töchter Israels! Helle, klare Denker, die ihr unbefangen urthei- Israelitisches Predigt-Magazin. Januar u. Februar 1875. 7 *