Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 3 (12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 74 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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74 W ahrheit einzustehen, für eine Ueberzeugung zu leben und zu sterben. So gestaltet sich sein gesammtes Thun und Lassen zu einem Abbilde seiner Glaubensweise, zu einem Bruche. Der Zweifel ist das größte Hinderniß für die menschliche Vollkommenheit, für seine Tugend, seine Güte. Der Zweifel läßt keinen festen Charakter, keinen ganze!! Mann auskommen. Nur der volle, feste Glauben an Gott schafft den Muth, gegen alles Böse anzukämpfen, für das Gute zu siegen oder zu sterben. Nur der volle Glauben an Freiheit verleiht die Kraft der Verantwortlichkeit für eignes und fremdes Wohl. Nur der volle Glauben an Gerechtigkeit führt zur Würdigung des fremden wie des eignen Rechtes. Nur der volle Glauben an Liebe befähigt zu den Opfern der Liebe. Der Glaube an diese Güter ist dem Menfchen natürlich und ursprünglich; denn er ist ein Bestandtheil seines bessern Theiles, seines Geistes. Erschüttert wird dieser Glaube nur durch die Selbstsucht, welche das eigne Ich, das Bruchstück, für das Ganze ansieht, den Werth aller Dinge nur nach dem Vortheil oder Nachtheil bestimmt, den sie der einzelnen Persönlichkeit bringen, und sobald der eigne Wille auf Widerstand stößt, anfängt zu zweifeln und damit endet, zu verzweifeln. Ach, dieses gebrochene Wesen, dieses Schwanken, dieses Zaudern, dieses Umhertappen zwischen Wahl und Verwerfung der Entschlüsse ist Schuld daran, daß so wenig Großes und Gutes zu Stande kommt. Das erkannten unsre alten Lehrer, darum forderten sie: Man sage entweder ein ganzes, oder gar keinAmen, nur kein abgebrochenes! III. Der eine, wahre Gottesbegriff, die eine, unbestreitbare Wahrheit, das eine, unanfechtbare Recht brechen nur sehr langsam sich Bahn im Geiste der Menschheit. An ihre Stelle treten allerlei Vorstellungen von Gott, Wahrheiten und Rechte, die Menschen von Ansehen als solche erkannten, dafür ausgaben und die von einer Anzahl Menschen dafür angenommen wurden. So sind an die Stelle der einen Religion Religionen, an die Stelle des Menschenrechts nationale, staatliche und ständische Rechte getreten. Sie vererben sich von Eltern auf Kinder, sie pflanzen sich fort in der Volkssitte, wie Schlingpflanzen an alten Mauern. Jeder, der einer solchen Wahrheit in naiver Gläubigkeit huldigt, wer ehrlich und aufrichtig auf Alles Amen sagt, was Gewohnheitsrecht lehrt, der ist achtenswerth, er ist religiös, selbst wenn seine Religion, von einem fremden Gesichtspunkte aus angeschaut, mit Jrrthümern behaftet wäre; er ist gerecht, selbst wenn sein Gesetz, von Andern gesehen, mehr