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Israelitisches Predigt-Magazin · 1874-12-01 · 3 (12.1874) · p. Seite 73

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Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
1 (1874-1875)
Issue
3 (12.1874)
Date
1874-12-01
Page
Seite 73 (sequence 11)
Language
German
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73 Noch eine aridere, schlimmere Neigung der Menschen tritt uns auf diesem Gebiete entgegen. Sie glauben es gar zu gern, wenn von ihren Nebenmenschen Böses gesagt wird. Mit gierigem Ohre wird es ausgenomrnen, wenn auf einen bisher makellosen Charakter ein Flecken geworfen, wenn eine hochstehende Persönlichkeit heruntergerissen wird, ohne vorher zu prüfen, ob es aus einer lautern Quelle oder aus einem trüben Sumpfe geflossen ist, wird der üblen Nachrede Glauben entgegengebracht. Es ist kein Grund da, auf welchem die Verläumdung als feste Mauer sich erheben könnte, aber an dem Gestrippe menschlicher Thorheiten, an den Dornen der Leidenschaften haftet sie als düstre Nebelwand, aus der die Fäden finstern Mißtrauens und argwöhnischer Vorurtheile sich herausspinnen. So wird das Zusammenleben der Menschen vergiftet durch voreiliges Glauben an das Böse. — Sagt, m. L., ist es nicht so? Ist nicht jeder von Euch schon geschädigt worden, weil man von ihm Etwas glaubte, bevor er Zeit hatte zu zeigen, was davon Wahrheit, was Unwahrheit gewesen? Laßt uns darum weise den Rath unsrer alten Lehrer befolgen und nicht allzurasch auf das Böse Amen sagen! II. Die schlimmen Folgen des zu raschen Glaubens haben sich uns gezeigt in den einzelnen Beziehungen der Menschen zu einander, in ihrem geselligen Leben. Schädlich ist das allerdings, aber der Schaden gleicht sich einigermaßen dadurch aus, daß Alle, ohne Ausnahnie, davon betroffen werden. Darin liegt auch in den meisten Fällen Abhilfe dagegen. Tadelt die eine Zeitung, so findet sich auch wohl eine, welche lobt, und auch das Lob wird seine Gläubigen finden. Es gibt aber Angelegenheiten, welche erhaben stehen über aller: diesen Sonderverhältnissen, Güter, die allen Menschen gemeinschaftlich sind, welche die Säulen ausmachen, von denen die Wohlfahrt der Menschheit getragen wird. Solche sind: Gott, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe. Der Glaube an das Walten dieser Schutzmächte in der Welt kann bei dem Einen stärker, beim Andern schwächer sein, aber gänzlich fehlen kann er nicht. Eine Warnung, ihn nicht zu rasch eintreten zu lassen, ist von Seiten unsrer weisen Religionslehrer gar nicht denkbar, wohl aber mußten sie, in Bezug darauf, vor etwas ganz Andrem warnen, und sie thuen es mit den Worten: ״ לא יענה אמן קמופהMan sage kein ab gebrochenes Amen!" — Der Bruch ist das Bild des Zweifels. Der Zweifelnde meint zu wisse::, möchte wissen, weiß Etwas, wagt aber nicht das Ganze zu wissen, hat nichts Sicheres, Zuverlässiges. Er kann sich daher nicht entschließen, mit seiner Person für eine Israelitisches Predigt-Magazin. December 1874. 5*

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