Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 3 (12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 75 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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75 aus der Gewalt, als aus dem Rechte hervorgegangen wäre. Es kann nun einmal unter Menschen nicht anders sein, Uebereinstimmung muß für göttliche Wahrheit, für göttliches Recht gelten. Treffend legt daher ein alter Midrafch (Mas. Derech Erez sutta Cap. 9) die Stelle (Hof. 4, 17.) dahin aus: ״Sind die Menschen beim Götzendienste nur einig, kann ihnen selbst Gott Nichts anhaben." Nun geschieht es aber, daß Einzelne zu einer geläuterten Erkenntniß, einer bessern Einsicht gelangen, wenigstens glauben gelangt zu sein. Sie sind dann allen ihren bisherigen Gesinnungsgenossen weit voraus, stehen allein, und wenn sie Führer eines Gemeinwesens, eines Volkes sind, so fehlt das verknüpfende Band, das Verständniß zwischen ihnen und den Geführten. Können diese ihnen gläubig folgen? Wenn sie es thun, gleichen sie Einem, der Amen sagt anf Etwas, das er gar nicht gehört hat, sein Amen ist ein verwaistes. Oft, leider nur zu oft wird ein verwaistes Auren gesprochen, entweder aus Furcht, oder aus Leichtsinn. War dann der Führer ein Verführer, oder auch nur Verirrter, so war das Bessere für Schlechteres, das Sichere für Ungewisses hingeworfen, ein mühsamer Weg war umsonst gegangen, schwere Opfer waren vergeblich gebracht. Wie manches mit Blut und Thräuen beschriebene Blatt der Weltgeschichte hat seinen Entstehungsgrund in der blinden Folge, die eine Menge ihren: Führer geleistet, der aus ihrem gewohnten Lebensgange sie herausriß! Aber selbst in dem glücklichen Falle, daß der Führer ein ehrlicher Mann war, auch die Folgen seiner Führung nicht beklagenswerth waren, ist der blinde Glaube an ihn entwürdigend, entehrend, da die Gläubigen nicht seines Geistes Kinder, sondern gleichsam angenommene Waisen sind. Darum warnen unsre alten Lehrer: Sage nicht Amen auf eine Rede, die du nicht gehört, nicht verstanden hast! Nachdenl wir so die drei Arten des unechten Glaubens — des voreiligen, nur auf sinnlicher Wahrnehmung beruhenden, des abgebrochenen, jede Wahrheit bezweifelnden, des verwaisten, d. h. blinden Glaubens kennen gelernt, wird es uns leicht fein, den echten Glauben genau zu bestimmen. Es ist der, der mit gründlicher Prüfung begonnen, langsam fortgeschritten und be- -harrlich bis zu Ende fest gehalten wird. Dieses Ende fällt dann nicht mit dem Lebensende des Gläubigen zufammen. Er kann sterben, aber sein Glauben wird weiter leben in seinen Kindern, in der Nachwelt. Abrahams Glauben, der Glauben aller unsrer großen